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Von Martin Luther bis Stuttgart 21

11.11.2010 von: Michael Blochberger

Am 31.10.1517 schlug der Mönch Martin Luther seine 95 Thesen an das Tor der Schlosskirche in Wittenberg und leitete damit die Reformation der Kirche ein. In diesen Thesen widersprach er der offiziellen Meinung des Vatikan, durch Ablassbriefe könne man sich von seinen Sünden freikaufen. Die Vergebung der Sünden war für ihn als Theologen nur Gott vorbehalten. Die Vorstellung, die Reichen könnten sich die Gunst Gottes erkaufen, während die Armen in Sünde leben müssen, war mit seinem Glauben an Moral und Anstand nicht zu vereinbaren und es widersprach dem Gerechtigkeitssinn des Volkes.

Heute, fast 500 Jahre später, erleben wir eine durchaus vergleichbare Situation.
 
So rücksichtslos wie die Kirche vor 500 Jahren ihre Macht gegenüber Königen und Fürsten ausspielte, so groß ist heute der Einfluss der Wirtschaft auf die Mächtigen der Politik. Für die wirtschaftlichen Interessen der Lobbyisten werden Kriege geführt, Pandemien heraufbeschworen und an der Börse spekuliert. Was vor 500 Jahren die Ablassbriefe waren, sind heute die spekulativen Fonds, die aus den Sünden kranker Unternehmen und verschuldeter Staaten, aus Terroranschlägen und Naturkatastrophen hemmungslos Profit schlagen.
 
Es ist dermaßen perfide, dass sich viele Menschen scheuen, der Wahrheit ins Auge zu sehen. Aber seit der Finanzkrise 2009 werden die tragischen Machtverflechtungen zwischen Politik und Wirtschaft auch für den einfachen Bürger erkennbar. Da spekulieren unzählige Investmentbanker auch im Auftrag der Politik mit unseren Steuergeldern und den Immobilienschulden der ärmeren Bürger und nachdem der weltweite Schwindel geplatzt ist, werden die ruinösen Banken mit Milliardenkrediten gestützt, die verantwortlichen Täter erhalten millionenschwere Abfindungen oder machen einfach weiter, als wäre nichts gewesen. Geopfert werden immer die, die an die staatlich zertifizierten Lügen glauben. Die Zeche bezahlen dann die Steuerzahler, aber die Gewinne der Zocker bleiben weiterhin steuerfrei.
 
Selbstverständlich haben die Reichen und Mächtigen der Welt schon immer ihren Vorteil gesucht und ihren Einfluss geltend gemacht, um sich zu bereichern. Was aber neu ist, ist die unverfrorene Offenheit, mit der das geschieht. Trotz Demokratie und Gesetzgebung macht sich kaum noch einer die Mühe, sein skrupelloses Handeln zu vertuschen, weil die nationale Rechtsprechung keinen Zugriff mehr hat oder die Gesetzgeber vor den Lobbyisten zu Kreuze kriechen. Selbst gutwillige Staatenlenker haben nicht den Mut und die Macht, das System zu reformieren. Rentenreform? Steuerreform? Gesundheitsreform? Unmöglich.
 
Der mündige Bürger sieht es seit Jahren mit Grausen. Aber wie soll er sich wehren? Die meisten Themen sind für ihn so unfassbar wie für die Politiker. Da kommt Stuttgart 21 wie gerufen. Im stillen verwöhnten Baden Württemberg geht es "nur" darum, einen unscheinbaren Sackbahnhof unter die Erde zu verlegen, um der Stadt mehr Raum zu geben. Scheinbar eine Idee mit Zukunft, der alle Parteien zugestimmt haben.
 
Aber im Kleinen zeigt sich, was uns im Großen auf die Palme bringt: Die Politik argumentiert mit völlig überholten Zahlen, die Bürger werden nicht gefragt, sollen aber mit ihren Steuern die Zeche zahlen und entschieden wird für die Interessen der Spekulanten, die sich die frei werdenden Grundstücke schon unter den Nagel gerissen haben. An Stuttgart 21 wird greifbar, dass die Inhaber der Macht ihr Süppchen ohne den Wähler machen. Unsere Demokratie ist längst zu einer Verwaltungsaristokratie verkommen. Wer sich in diesem System nicht auskennt, hat seine Rechte verspielt. Ist das so einfach?
 
Viele Stuttgarter sagen: Nein. Und das sind keine linken Rowdies, die dort auf die Straße gehen, sondern auch Oma und Opa von nebenan. Die schweigende Mehrheit hat genug vom Stillhalten. Hier geht es nicht nur um einen Bahnhof, sondern darum, dass die Menschen ernst genommen werden wollen. Die Demonstranten wollen nicht immer nur das Opfer sein. Sie wehren sich dagegen, dass Geld alle Mittel heiligt.
 
"Und wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt..." Das war der Werbespruch des Vatikan für die Ablassbriefe vor 500 Jahren. Auch wenn wir heute nicht mehr an den Sündenerlass glauben, so hat die sinnentleerte Gier nach dem Geld auch heute den Glauben an Gott verdrängt. In einer solchen Gesellschaft bleiben Ideale, Werte und Moral immer mehr auf der Strecke. Das hat Martin Luther schon damals bewogen, diesen Schritt zu tun. Und heute ist es wieder Zeit für eine politische Reformation. Also, warten wir auf einen neuen Visionär, der seine Thesen an ein Tor nagelt und uns den Weg weist...
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