CIT-Consult Emotion-Blog

Lügen haben kurze Beine

14.12.2010 von: Paula Bemmann-Wöschler

Hirnforscher und Verhaltenspsychologen sind sich einig: Tricksen, Flunkern oder Schummeln – also die Gabe zur Lüge – ist eine Erfolgsstrategie, die sich vor allem ab den Primaten in der Evolution bewährt hat. Wir Menschen sind dabei Meister in der Irreführung unserer Artgenossen und wir lernen es bereits von klein auf. Ich kann mich an eine meiner ersten taktischen Täuschungserfolge mit knapp fünf Jahren noch richtig plastisch erinnern.

Als vier Jahre ältere Schwester hatte ich nämlich mitbekommen, dass mein kleiner Bruder noch nicht für bestimmte Dinge bestraft wurde, die für mich verboten waren, aber ungeheuren Spaß machten. Trampolinspringen auf dem Sofa zum Beispiel. Oh, war das herrlich! Wenn ich mich ganz lang streckte und mit voller Kraft sprang, würde ich mit den Fingerspitzen irgendwann bis an die Zimmerdecke reichen. Ich war hoch motiviert, es eines Tages zu schaffen, konnte aber nur in wenigen Augenblicken des Tages „trainieren“. Außerdem fand ich den Nervenkitzel toll: Etwas Verbotenes trotzdem zu tun, immer mit der Angst, erwischt zu werden, in Höchstspannung zu sein, um beim Herannahen einer meiner Eltern doch noch gerade rechtzeitig aufhören zu können. Ich fühlte mich jedes Mal unglaublich toll, wenn mir ein paar Sprünge ohne entdeckt zu werden gelangen. Danach saß ich Mädchen-like brav auf dem Sofa mit roten Bäckchen vom „intensiven Bilder malen“ oder „lesen“.
 
Einmal wirbelte ich nach einem gigantischen Sprung zu schnell herum, weil ich etwas gehört hatte, das sich nach dem Herannahen meiner Mutti anhörte, dass ich halb auf der Sofalehne landete, strauchelte und wild um mich fuchtelnd einen Blumentopf vom Fensterbrett fegte. Was für ein Schock, mir blieb fast das Herz stehen! Die ganze Erde war auf dem gesamten Sofa verstreut. Unmöglich, nicht mehr ertappt zu werden. Das roch nach gewaltigem Ärger! Blitzschnell registrierte ich jedoch, dass mein kleiner Bruder auf dem anderen Ende des Sofas friedlich vor sich hinspielte. Meine Rettung! Denn er konnte noch nicht reden und ich wusste, dass er, weil er ja noch klein war, nicht zur Verantwortung gezogen werden würde. Laut sagte ich, sodass es meine herannahende Mutti aus dem Nebenzimmer hören musste: „Oje, was hast Du denn da gemacht!“. Als meine Mutti auftauchte, verkündete ich selbstbewusst, dass mein kleiner Bruder es war. Und ich behielt Recht, er bekam keine Schimpfe und ich war aus dem Schneider. Leider lernte er irgendwann doch sprechen und ich musste meine Strategie der Verschleierung ändern, wenn ich die Regeln meiner Eltern umgehen wollte.
 
In der neuen Ausgabe der GEOkompakt (Nr. 25, mit dem Titel „Warum wir gut und böse sind“  las ich gerade, dass taktische Täuschungen Verstand, Kreativität sowie Empathie erfordern. Biologen gehen mittlerweile davon aus, dass der Erfolg von immer raffinierteren Finten und Täuschungsmanövern die Entstehung größerer Gehirne bei Primaten vorantrieb. Denn in komplexeren Sozialstrukturen verschafften kleine Gaunereien oder die Vorspiegelung größerer Stärke dem Betreffenden viele Vorteile, z.B. einen schnelleren Aufstieg in der Rangordnung, einen größeren Teil der Jagdbeute oder einen begehrteren Sexualpartner. Wenn ich mir mein (Arbeits-)Umfeld genauer betrachte, scheint sich auch nach ein paar 100.000 Jahren daran nichts geändert zu haben.
 
Seit den Anfangserfolgen in meiner Trampolinspringzeit bestand durchaus die Gefahr für mich, in eine professionelle Betrügerinnenkarriere zu schlittern, wenn mir zwei Jahre später nicht die am eigenen Leibe gespürten Konsequenzen meines errichteten Lügengebäudes einen ordentlichen Dämpfer verpasst hätten.
 
Meine Mutti ging nämlich Ende meiner Kindergartenzeit ein- oder zweimal die Woche in den Malzirkel. Ich war dann mit meinem Vati und meinem kleinen Bruder allein zu Haus. Kaputt von der Arbeit, wollte Vati alles, nur keinen Stress. An einem dieser Abende hatte ich zufällig Bauchschmerzen und durfte daher „zur Belohnung“ an der Seite meines Vatis auf dem Sofa so lange fernsehen bis ich einschlief. Das fand ich richtig Klasse! Es war wie Ostern, Geburtstag und Weihnachten auf einmal! Leider hatte ich am nächsten mütterlichen Malabend keine Bauchschmerzen. Aber ich hatte eine zündende Idee. Ich trommelte mir solange auf meinem Bauch herum bis ich den Eindruck von Schmerzen bekam. Meine Belohnung folgte prompt – ich durfte eingekuschelt in den Armen meines Vatis fernsehen.
 
Nach den Erzählungen meiner Mutti generalisierte ich wohl dieses tolle Mittel auch auf alle mir unangenehmen Situationen im Kindergarten: Ich bekam plötzlich unerklärliche Magenkrämpfe, wenn mir etwas nicht schmeckte oder ich an blöden Spielen nicht teilnehmen wollte. Allerdings kann ich mich an diese Finten nicht mehr selbst erinnern. Was ich aber noch sehr gut im Gedächtnis habe, war der Augenblick beim Kinderarzt, der meinen Eltern in meinem Beisein eröffnete, dass ich zur Abklärung ins Krankenhaus müsse.
 
Ich weiß noch wie heute, wie ich vor Schreck zur Salzsäule erstarrte und mich nicht traute, den Erwachsenen reinen Wein einzuschenken. Mit einem dicken Kloß im Hals ließ ich mich lieber ins Krankenhaus bringen. Vielleicht hätte ich es doch gewagt, meine Lügerei zu beichten, wenn ich gewusst hätte, was mich dort die nächsten drei Wochen erwartet.
 
Dieses weißlich-gelbe, einfach nur ekelhaft schmeckende Kontrastmittel auf nüchternen Magen am frühen Morgen für die Magenspiegelung haftet mir seit dem unauslöschlich im Gedächtnis. Danach bekam ich einen Einlauf: In mich hineinhorchend war ich sehr verwundert, wie viel Wasser da rein passte, ohne dass ich platzte und wie schnell alles dann mit einem Mal wieder raus kam. Leider durfte nur die Schwester mit Stäbchen in meinem Topf herumrühren. Ich hätte damals zu gerne gewusst, was die da suchten. Aber das absolute Highlight war das Magensaft ziehen. Nichts ahnend, was die gleich mit dem Schlauch, den sie von meinem Mund bis zum Bauch abmaßen mit mir anstellen werden, war ich wie die ganze Zeit vorher eher neugierig, denn mir fehlte ja nichts. Allerdings wusste das ja keiner außer mir. Den ganzen Schlauch dann schlucken zu müssen, war nicht mehr so richtig witzig. Zwischen Würgen und der Angst, gleich alles um mich herum voll zu kotzen, gelang es der Schwester aber dennoch, die gesamte Länge in mir zu versenken. Zwei Pflaster hielten den Schlauch dann an meinem Mund fest und alle paar Minuten wurde eine Ampulle voll mit Magensaft gezogen. Eine gefühlte Unendlichkeit später wusste ich als einzige fast Siebenjährige immerhin, dass mein Magensaft hoch konzentriert orange aussieht und mit der Zeit langsam ins Farblose übergeht. Was soll ich sagen, natürlich lautete meine Enddiagnose nach all den vergeblichen Torturen, die ich tapfer über mich ergehen ließ: „nervöser Magen“.
 
Ab meiner Entlassung durfte ich nicht einmal mehr beim Essen fernsehen, weil jegliche Aufregung von mir fern gehalten werden sollte. Das hatte ich nun davon! Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, hielt ich mich seit dieser Erfahrung sehr zurück mit Flunkereien. Aber hin und wieder frage ich mich doch, was ohne diesen Lügen-Dämpfer so alles aus mir hätte werden können...
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