CIT-Consult Emotion-Blog

Wer lügt, kann die Wahrheit nicht ertragen

14.12.2010 von: Michael Blochberger

Du sollst nicht "falsch Zeugnis reden" lautet das 9. Gebot und doch sagen wir selten die volle Wahrheit. Denn der Übergang von der Wahrheit zur Lüge ist fließend: In der Regel erzählen wir nur das, was uns ins rechte Licht rückt und unser Gesprächspartner hören will. Kritische Informationen verschweigen wir, solange es geht. Wenn es notwendig ist, interpretieren wir die Realität gern zu unseren Gunsten, nur im Notfall müssen wir uns eine echte Lügengeschichte ausdenken. Aber wo fängt die Lüge an und wann hört die Wahrheit auf?

Wenn wir unseren Kindern das Märchen vom Weihnachtsmann erzählen, tun wir das, um ihnen eine Freude zu bereiten. Das akzeptieren wir, weil es niemanden schädigt. Aber wie nehmen das die jungen Menschen auf, wenn sie eines Tages erfahren müssen, dass sie jahrelang von den Erwachsenen etwas vorgemacht bekommen haben?
 
Schon etwas anderes ist es, wenn du dich nicht traust, einen Freund zu kritisieren, obwohl dich etwas an ihm stört. Aus Angst, mit ihm in Konflikt zu geraten, spielst du ihm lieber etwas vor als ehrlich zu ihm zu sein und ihm die Chance zu geben, sein Verhalten zu korrigieren. Obwohl du weißt, dass es dir nicht gut tut, schweigst du lieber und gefährden damit die Wahrheit eurer Beziehung.
 
Und wie ist das, wenn du auf einer Feier einen interessanten Menschen kennen lernst und die Gelegenheit nutzt, um ausgiebig zu flirten, während dein/e Partner/in zuhause auf dich wartet? Erzählst du ihm/ihr davon oder behältst du es für dich? Lebst du dein Bedürfnisse heimlich aus oder nutzt du die Wahrheit, um deine Beziehung zu bereichern und auf eine ehrliche Basis zu stellen?
 
Im Umgang mit der Wahrheit scheint es kein Patentrezept zu geben. Am deutlichsten wird das im Umgang mit dem Tod. Eine liebe Freundin von mir quälte sich Monate lang von Chemotherapie zu Chemotherapie. Obwohl ihr die Ärzte keine Chance gaben, wollte sie der Wahrheit bis zum Schluss nicht in die Augen sehen. Selbst als ihre Organe ihre Funktion einstellten, plante sie die Rückkehr an ihren Arbeitsplatz.
 
Ganz anders eine Teilnehmerin eines Humorseminars, die durch einen nicht operativen Tumor bereits ihr Augenlicht verloren hatte, aber den Mut aufbrachte, ihrem nahen Ende wenigstens mit Humor zu begegnen. Beeindruckende und bewegende Momente, die ich als Trainer nie vergessen werde.
 
Was macht den Unterschied, ob ich mich der Lüge hingebe oder zur Wahrheit stehe? Ich glaube, es ist der Grad der Reife und des Mutes. Mit der Lüge schützen wir uns, beziehungsweise unsere Mitmenschen, vor dem Umgang mit der Wahrheit. Dem kleinen Kind sagen wir: "Deine Mama ist auf einer langen Reise", weil wir es (oder uns selbst?) nicht mit dem Tod konfrontieren wollen.
 
Den "guten" Freund lasse ich in dem Glauben, ein weiser Guru zu sein, weil ich ihm nicht weh tun möchte. Oder weil ich vielleicht nicht reif genug bin, unsere Beziehung auf eine ehrlichere Basis zu stellen? Ich lasse ihn in seinem Glauben, mir überlegen zu sein, und behandle ihn selbst wie ein kleines Kind, dem man nicht die Wahrheit sagen darf. Wenn wir beide reifer wären, könnten wir uns ehrlicher begegnen, aber wollen wir das?
 
Viele Menschen leben in ihrer Traumwelt und wollen von der Wahrheit nichts wissen. Weil es sehr anstrengend und unbequem ist, erwachsen zu werden und die Wahrheit zu akzeptieren. Jeder möchte gerne etwas Besonderes sein, mehr verdienen als der Nachbar, erfolgreicher sein als der Bruder, glücklicher als die Eltern... In einem Volk der Superlative kann und darf es keine Verlierer geben. Deshalb werden wir auch von der Politik behandelt wie kleine Kinder, die vor der Wahrheit beschützt werden müssen: Die Renten sind sicher. Die Steuersenkung kommt. Die Gesundheitsreform ist ein Erfolg. Der Bundeshaushalt ist ausgeglichen. Die Finanzkrise ist überwunden...
 
Wann sind wir so weit, uns das nicht mehr bieten zu lassen?
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