CIT-Consult Emotion-Blog

Engagierte Väter – Selbstbewusste Töchter

13.01.2011 von: Paula Bemmann-Wöschler

Schon seit längerer Zeit frage ich mich, warum viele Teilnehmerinnen unserer Trainings, erfolgreich in anspruchsvollen Führungspositionen, immer wieder so stark mit sich und ihren Fähigkeiten hadern. Warum „verkaufen“ sie sich so weit unter Wert? Warum brauchen sie immer und immer wieder die Bestätigung von außen, ohne dass man als Außenstehender wirklich das Gefühl hat, dass das eben ausgesprochene Lob tatsächlich angenommen werden kann? Durch Zufall stieß ich auf interessante Erkenntnisse aus der Väterforschung, die mir einen ganz neuen Blickwinkel eröffneten.

Obwohl bereits 1977 zwei amerikanische Professorinnen eine entscheidende Gemeinsamkeit bei all ihren 25 interviewten Top-Managerinnen herausfanden, nämlich dass alle einen engagierten Vater hatten, der viel Zeit mit ihnen verbrachte und sie zur Unabhängigkeit und zum Wagemut ermutigt hat, konzentrierten sich die Bindungsforscher weiterhin hauptsächlich auf die Mutter und schrieben die „Ausnahmeförderung“ von Töchtern durch ihre Väter mehrheitlich dem Umstand eines fehlenden männlichen Stammhalters zu. Die Mutter galt in den letzten Jahrzehnten als Garant für die Entwicklung des Urvertrauens, eines sicheren Selbstwertes und für die Förderung der emotionalen Intelligenz. Sie war seit Freud aber auch die Ursache allen Übels, wenn die kindliche Entwicklung in Schieflage geriet.
 
Eindimensional dagegen das Bild des Vaters: Mit der Aufklärung setzte die langsame Demontage des einst allmächtigen Patriarchen ein und dem Vater kam ab der Industrialisierung und der damit verbundenen außerhäuslichen Arbeitsstätte neben der Funktion als Erzeuger im Wesentlichen nur noch die Rolle des abwesenden Ernährers zu. Auch weil es vielen Vätern aufgrund ihrer traumatisierenden Kriegserlebnisse oder ihrer Nazi-Verstrickungen schwer fiel, Vorbild für ihre Söhne und Töchter zu sein, knüpften die Deutschen nach dem zweiten Weltkrieg an das Modell des Vaters als Ernährer an. Mit Feminismus und weiblicher Emanzipation wurden die Männer dann noch von ihrer letzten Pflicht enthoben: Geld verdienen konnten jetzt auch die Mütter allein.
 
Aber vielleicht war diese Befreiung von den traditionellen Aufgaben der Väter die Voraussetzung dafür, dass immer mehr Männer ihre Vaterrolle heutzutage engagiert selbst gestalten. Laut Braconnier belegen sämtliche Studien diese entscheidende Veränderung, die zudem innerhalb nur weniger Jahrzehnte stattgefunden hat: „Der Wechsel von einer entrückten, patriarchalen Vaterfigur hin zu einem väterlichen Vorbild, mit dem sich eine Tochter unmittelbar identifizieren kann“. Heute ist ein Vater bereits in den ersten Lebensmonaten seiner Tochter nicht nur in praktischen Belangen sondern vor allem auch emotional an deren Aufwachsen beteiligt.
 
Haben die Väter engen Kontakt mit der werdenden Mutter und später mit dem Baby, dann finden ebenso wie bei den Müttern hormonelle Anpassungen statt: bereits 30 Tage vor der Geburt steigt das weibliche Geschlechtshormon Östrogen an, das normalerweise bei Männern kaum eine Rolle spielt. In Verbindung mit einem erhöhten Prolaktin-Wert (welches bei Frauen das Brustdrüsenwachstum und die Milchproduktion auslöst) wird dadurch fürsorgliches Verhalten beim Vater gefördert. Zudem fällt nach der Geburt der Testosteron-Spiegel um ein Drittel ab, wahrscheinlich um aggressives Verhalten einzudämmen. Überdies können Väter genau wie Mütter an depressiven Verstimmungen und Depressionen nach der Geburt leiden, was sich sehr negativ auf die Entwicklung der Kinder auswirken kann. Denn obwohl, so die Neubewertungen der Forschungen in den letzten Jahren, die wichtigsten Bestandteile guten Elternverhaltens wie Wärme, Empathie, innere Beteiligung und Aufsicht universell sind, d.h. eben nicht „typisch weiblich“, kann offenbar der gesunde Partner die Defizite des anderen nicht auffangen. Damit wird deutlich, dass Kinder enorm vom väterlichen Engagement profitieren können. Etliche Studien zeigen, dass Kinder engagierter Väter durchschnittlich einfühlsamer, selbstbewusster und intelligenter sind sowie über eine bessere Selbstkontrolle verfügen als die Kinder von wenig präsenten Vätern. Denn wildes, körperbetontes Spielen fällt eindeutig in die Väter-Domäne: Toben, Jagen, Kitzeln oder In-die-Luft-werfen – schon Babys erwarten Action, wenn sie von ihrem Vater hoch gehoben werden. Ihr Herzschlag und ihre Atmung beschleunigen sich.
 
Solche gemeinsamen Aktivitäten lösen starke Emotionen aus, die Bindung zwischen Kind und Vater schaffen, die Beziehungsfähigkeit des Vaters vorausgesetzt. Um Beziehung mit Sohn oder Tochter intensiv leben zu können, müssen Männer jedoch zuerst ihre eigenen Gefühle kennen und ausdrücken lernen. Dies ist vielleicht die wichtigste männliche Entwicklungsaufgabe auf dem Weg zum Vatersein, zumal frühere abwesende Vätergenerationen sich nur selten als Vorbild eignen.
 
Als erster Mann im Leben einer Tochter scheint der Vater überdies für die weibliche Selbstwertentwicklung von ganz besonderer Bedeutung zu sein. Die Art und Weise des Umganges mit ihr, beeinflusst sie für ihr gesamtes Leben. Denn anders als Bindungsforscher bisher annahmen, prägt der Vater ein Mädchen mindestens genauso stark wie die Mutter. „Positiv wird ein Mädchen dann geprägt, wenn es sich vom väterlichen Stolz getragen fühlt und auch danach strebt: Kaum etwas wirkt stimulierender auf das Berufs-, Familien- und Liebesleben als Stolz, und Mädchen müssen dieses Gefühl, das allerdings weder oberflächlich noch egoistisch motiviert sein darf, bei ihrem Vater spüren“, so Braconnier.
 
Töchter brauchen für einen positiven Zugang zu ihrer Weiblichkeit einen realen, präsenten Vater, der ihnen gegenüber Zärtlichkeit zeigen kann und wirkliches Interesse an ihnen bekundet. Sie wollen von ihren Vätern „richtig“, nämlich so wie sie sind, gesehen und uneingeschränkt angenommen werden. Im Blick des Vaters versucht die Tochter, meist unbewusst, abzulesen, wie sie als Frau wirkt. In der Interaktion mit ihm, übt ein Mädchen den Umgang mit Männern. Sie lernt dabei, dass sie gegenüber einem Mann Grenzen setzen oder ärgerlich werden bzw. mit ihm streiten darf und dennoch von ihm geachtet wird. Darüber hinaus bekommt sie eine Vorstellung davon, was sie in einer späteren Partnerschaft mit einem Mann erwarten darf. Denn wie ihr Vater mit ihr und ihrer Mutter umgeht, gibt den Ausschlag dafür, was die Tochter im Umgang zwischen den Geschlechtern für angemessen hält. Ihr späteres Kommunikationsverhalten gegenüber Männern wird davon maßgeblich geprägt sein.
 
Dies bestätigen auch Beobachtungen von vaterlos aufgewachsenen Frauen, die sich nicht selten unwohl und unsicher im Beisammensein mit Männern fühlen. Fast 25 Jahre lang habe ich versucht die entstandene Lücke, die der Komplett-Rückzug meines Vaters nach der Scheidung meiner Eltern für mich hinterließ, durch die ausschließliche berufliche Zusammenarbeit mit männlichen Mentoren und Vaterfiguren trotz ständiger Unsicherheit ihnen gegenüber irgendwie zu füllen. Spät wurde mir bewusst, dass ich eigentlich nur die Liebe, die Anerkennung und den Stolz meines Vaters auf mich suchte. Erst in meiner jetzigen Partnerschaft reift ein stabiles und positives Selbstbild als Frau. Mit dem Erleben meines Lebensgefährten als engagierten Vater seiner Kinder aus erster Ehe versöhne ich mich auch allmählich mit dem distanzierten Verhalten meines eigenen Vaters. Nicht mehr die alltägliche Nähe mit den eigenen Kindern zu leben, schafft automatisch eine gewisse Distanz. Der Informationsfluss ist ein anderer, meist mit der Folge, dass der getrennt lebende Elternteil viele Dinge als Letzter erfährt. Und selbst, wenn die Trennung der Eltern nicht in einem Krieg ausartet, bleibt da noch der Schmerz, es als Paar nicht geschafft zu haben, der mit jeder Begegnung mit den Kindern erneut wach gerufen wird. Mein Vater war dieser Situation einfach emotional nicht gewachsen und brach die Beziehung zu uns Kindern ab. Langsam beginnen er und ich wieder miteinander zu reden.
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