CIT-Consult Emotion-Blog

Produkt der Gene? Opfer der Erziehung? Oder selbstbewusst handeln?

13.01.2011 von: Michael Blochberger

"Nur schade, dass wir unsere Persönlichkeit nicht verändern können." Meine Kollegin Cornelia tippt auf mein Buch, das sie von mir zu Weihnachten geschenkt bekommen hat. "Wir haben nur die Chance, unser Verhalten zu korrigieren." seufzt sie. Wie bitte? Ich merke, wie sich in mir heftiger Widerstand regt. "Aber natürlich können wir unsere Persönlichkeit entwickeln! Das, was wir sind, ist doch nicht gottgegeben, sondern durch unser Handeln und unsere Erfahrungen veränderbar!" Und schon war eine hitzige Grundsatzdiskussion entbrannt.

Erschreckt musste ich feststellen, wie weit verbreitet auch unter Kollegen die Vorstellung ist, dass Persönlichkeit etwas nicht veränderbares ist, dem wir faktisch ausgeliefert sind. Kein Wunder, dass ich mich dabei als Persönlichkeitstrainer in der Ausübung meines Berufes infrage gestellt fühle. Wenn dem so wäre, könnte ich ja meinen Beruf an den Nagel hängen. Grund genug also, mit diesen unsäglichen Vorurteilen aufzuräumen und Stellung zu beziehen.
 
Die Meinungen darüber, was unsere Persönlichkeit wirklich prägt, gehen je nach Berufsstand sehr auseinander. Aus der Genforschung, die sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte, kommt die weit verbreitete Meinung, dass in den Erbanlagen die Grundlagen unseres Charakters und unserer Persönlichkeit angelegt sind und wir kaum Einfluss auf diese Veranlagungen haben. Diese Einstellung fand im Rassenwahn des Dritten Reiches ihren perversen Höhepunkt, treibt aber noch heute Wissenschaftler an, Jahre ihrer Arbeit zu investieren, um z.B. auf fragwürdige Weise ein so genanntes "Schwulen-Gen" nachzuweisen, was bis heute wissenschaftlich nicht belegbar war.
 
Eine ganz konträre Meinung vertreten die Soziologen und Psychologen. Sie sind der Ansicht, dass der Mensch hauptsächlich ein Produkt seines sozialen Umfeldes und seiner Erziehung ist. Viele Psychologen sind der Überzeugung, dass der Kern unserer Persönlichkeit schon nach sechs Lebensjahren entwickelt ist und die Eltern das prägende Vorbild für das neue Leben darstellen. Diese Einstellung führte seit den Siebzigern zu einem neuen pädagogischen Bewusstsein, zu einer breiteren Schulbildung, aber auch zu verstärkten Generationskonflikten, weil es nahe liegend war, die Verantwortung für persönliche Misserfolge den Erziehungsfehlern der Eltern anzulasten.
 
Viele Wissenschaftler gehen heute davon aus, dass Erbanlagen und Erziehung einen etwa gleichberechtigten Anteil an der Entwicklung der Persönlichkeit besitzen. Die Erbanlagen stellen faktisch das Potential einer Persönlichkeit dar, das aber durch Erziehung entwickelt werden muss. Zahlreiche Studien haben ergeben, dass eineiige Zwillinge, die nach ihrer Geburt getrennt wurden, sich trotz gleicher Gene sehr unterschiedlich entwickelt haben. Ebenso konnte nachgewiesen werden, dass Kinder mit schlechten genetischen Voraussetzungen durch die Erziehung ihrer Adoptiveltern ihren Intelligenzquotienten deutlich erhöhen konnten. Das heißt, Genetik wie Erziehung sind prägende Einflussgrößen, machen aber noch nicht die Persönlichkeit eines Menschen aus.
 
Gene und Erziehung sind keine Garantie für ein erfolgreiches Leben, denn die Persönlichkeit eines Menschen festigt sich erst nach Abschluss der Jugend, im Laufe der beruflichen Entwicklung und mit der steigender Lebenserfahrung. So kann es kommen, dass Menschen mit hervorragenden Erbanlagen und einer guten Erziehung im Leben scheitern, weil sie ihre Chancen nicht nutzen, Herausforderungen aus dem Weg gehen oder sich mit falschen Freunden umgeben. Andererseits kenne ich Menschen, die aus asozialen Verhältnissen kommend, trotz schlimmer Jugend den Ehrgeiz entwickelt haben, über den zweiten Bildungsweg ihr Leben zu gestalten und zu echten Persönlichkeiten zu reifen. Wie ist das möglich?
 
Die Bedeutung der dritten Phase in der Entwicklung einer Persönlichkeit, die der Lebenserfahrung, wurde in der Vergangenheit oft unterschätzt. Heute wissen wir, dass die Vielfalt der sozialen Kontakte, die Anzahl an beruflichen Erfahrungen und die Lernbereitschaft, an Niederlagen und Erfolgen zu wachsen, ganz wichtige Faktoren in der Entwicklung eines Menschen darstellen. Kurz gesagt: Je mehr Erfahrungen ich sammle, je mutiger ich Neues ausprobiere, je intensiver ich lebe, desto mehr Chancen habe ich, an dem Erlebten zu reifen. Und das gilt mein ganzes Leben lang.
 
Mit zunehmendem Alter verstärken sich zwar die Wesenszüge eines Menschen, weil wir vermehrt auf der Basis bewährter Erfahrungen handeln und entscheiden. Trotzdem sind Persönlichkeitsveränderungen selbst im hohen Alter noch möglich, wenn wir neugierig bleiben und offen sind, Neues zu erleben. Wenn wir uns verändern wollen, dann müssen wir nur ein tiefes Erleben zulassen. Echte Veränderung braucht echte Gefühle; wer dem Schmerz, der Trauer oder der Freude aus dem Weg geht, der bleibt auf das reduziert, was er durch Gene und Erziehung mitbekommen hat.
 
Wer von seinem Elternhaus aus nicht die Anlage mitbekommen hat, sein Leben mutig und selbstverantwortlich anzugehen, dem bleibt die Möglichkeit, die bisher vermiedene Erfahrung durch professionelle Hilfe nachzuholen. Selbsterfahrungstrainings (zum Beispiel zur Emotionalen Intelligenz) sind eine Chance, im geschützten Rahmen neues Erleben zu ermöglichen und seine Persönlichkeit zu entwickeln. Viele Teilnehmer gewinnen so den Mut, ihr Leben zu verändern und ihre Potentiale zu nutzen.
 
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