CIT-Consult Emotion-Blog

Offene Kritik ist Wertschätzung

14.12.2011 von: Michael Blochberger

Die Teamleiterin der Forschungsabteilung ist außer sich: "Wir hatten gemeinsam entschieden, einen Teamtest durchzuführen, bevor wir weitere Maßnahmen beschließen. Wie kann es dann angehen, dass nach unserem Gespräch hinter meinem Rücken andere Inhalte besprochen werden, von denen ich dann zufällig per weitergeleiteter Mail erfahre?" Na, da ist ja einiges schief gelaufen, denke ich und versuche, die Dame zu beruhigen...

Anfänglich schien es ein ganz normaler Auftrag zu werden. Ich wurde zum Kunden gerufen, um eine aktuelle Bedarfssituation zu hinterfragen und mögliche Lösungsansätze für ein Teamtraining zu präsentieren. Im persönlichen Gespräch wurde schnell deutlich, dass sich die beteiligten Personen über die Fehlleistungen und mangelnde Zusammenarbeit im Team einig waren, nicht aber über die Ursachen für diese Zustände.

Ohne schlüssige Informationen kann ich natürlich keine erfolgreiche Teamentwicklung planen und durchführen. Deshalb schlug ich vor, alle Teammitglieder über einen Test online zu befragen, um die Situation objektiver beurteilen zu können. Auf Basis der Ergebnisse wäre ich dann in der Lage, eine Prioritätenliste an maßgeschneiderten Weiterbildungsmaßnahmen zu entwickeln. Die Teamleiterin war von diesem Vorschlag begeistert und es wurde beschlossen, den Test schnellstmöglich durchzuführen.

Später bat mich die Personalentwicklung per Mail, einen groben Kostenrahmen für unterschiedliche Maßnahmen zu benennen. Ohne dem Test vorgreifen zu wollen, nannte ich per Mail drei "Hausnummern". Und nun schien die Personalentwicklung gegen den Tests zu plädieren und meine Mail als Argument dafür einzusetzen. Das geschaffene Vertrauen war dahin und ich war unbeabsichtigt ins Kreuzfeuer der streitenden Parteien geraten.

Wenn sich zwei Parteien nicht einig sind, braucht es immer eine neutrale Instanz, die es ermöglicht, sich wieder anzunähern. Ein Team-Test stellt eine solche Instanz dar, weil er auf Basis wissenschaftlicher Standards allen Parteien die Chance gibt, ihr Gesicht zu wahren und konstruktive Lösungen zu suchen. Dass diese Einigung nachträglich einseitig infrage gestellt wird, musste die andere Partei als Affront verstehen. Und weil bisher nicht mit offenen Karten gespielt wurde, ergeben sich schnell Spekulationen über geheime Absprachen, Manipulationen oder Intrigen.

Was wir aus dem Beispiel lernen können, ist, wie wichtig es ist, offen und direkt unsere Meinung zu sagen und nicht versteckt zu agieren. Die meisten Menschen können mit offener Kritik sehr viel besser umgehen, als mit versteckten Spielchen. Eine ehrliche Auseinandersetzung ist immer eine Begegnung auf Augenhöhe und stellt damit eine Form von Wertschätzung dar: Mein Gegenüber ist es wert, dass ich ihm in die Augen schaue und mich mit ihm auseinandersetze.

Wer offene Auseinandersetzungen meidet (aus welchen Gründen auch immer) und versucht, seine Meinung auf indirektem oder institutionellem Weg durchzusetzen, muss sich nicht wundern, dass er so heftigen Widerstand hervorruft, denn er nutzt eine Form der persönlichen Missachtung. Die Gegenseite fühlt sich um so mehr als Opfer einer Intrige, je subtiler das Vorgehen und je größer die eigene Ohnmacht empfunden wird. Dahinter steckt die Verletzung menschlicher Grundbedürfnisse wie Anerkennung und Selbstbestimmung und jede Führungskraft wird sich das Recht herausnehmen, Entscheidungen mitzutragen.

Was ich daraus lernen kann ist, dass ich nachträgliche Anfragen, die über die gemeinsam beschlossenen Maßnahmen hinaus gehen, nur für alle zugänglich beantworte oder eine Bearbeitung ablehne. Denn eines ärgert mich persönlich auch: Wenn ich aufgrund eines ungeschickten Verhaltens Dritter das bereits gewonnene Vertrauen meiner Klienten verliere.

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