CIT-Consult Emotion-Blog

Drum prüfe, wer sich ewig bindet…

26.05.2011 von: Paula Bemmann-Wöschler

… ob sich nicht noch ‘was Bess’res findet. Sich gebunden fühlen an etwas oder jemanden. – Welches spontane Gefühl entsteht bei Ihnen beim Lesen dieses Satzes? Angst, erdrückt oder gegängelt zu werden? Schuldgefühle, weil Sie gerade mit dem oder der Besseren Ihre “Erstwahl” betrügen? Scham, weil Sie sich tagtäglich dafür rächen, dass Sie damals nicht für sich geprüft haben, ob die Bindung, die Sie eingegangen sind, gut für Ihre persönliche Entwicklung ist?

Freiheit, Flexibilität und Selbstentfaltung sind hohe Werte in unserer Gesellschaft. Wer diese lebt wird mit bewundernder Anerkennung seiner Mitmenschen belohnt. Doch oft nehme ich in meinem privaten Umfeld und in den Unternehmen, in denen ich beratend tätig bin, wahr, dass diese drei Werte von vielen nicht im Einklang mit den Bedürfnissen der Gemeinschaft – d.h. mit Familienangehörigen, dem Arbeitsteam oder Kooperationspartnern – gelebt werden, sondern sich in eigennütziges Anspruchsdenken und rein egoistisches Verhalten verkehren. So als gäbe es einen natürlichen Widerspruch zwischen Freiheit und Loyalität, zwischen Flexibilität und Verbundenheit, zwischen Selbstentfaltung und Gemeinsinn.

Wie sonst ist zu erklären, dass uns Wörter oder Aussagen wie „Eheleute“, „Ich lebe in Ehe“ oder „Ich wünsche mir eine Ehefrau/einen Ehemann“ zunehmend seltener über die Lippen kommen? Heutzutage träumen wir vom Leben in einer „Beziehung“ statt in einer Ehe, wir suchen nach „Lebensabschnittsgefährten“ an unserer Seite, die uns glücklich machen, aber bitte in keinerlei Weise einschränken sollen und wer plötzlich bei sich die biologische Uhr ticken hört, der wünscht sich ein Kind – ein passender Partner ist dabei nicht selten zweitrangig. Und dabei merken wir nicht einmal, wie gering wir unser eigenes Bedürfnis nach emotionaler Bindung wertschätzen. Denn sobald ich mit jemandem spreche oder auf jemanden reagiere, stehe ich bereits mit ihm „in Beziehung“. Das Wort „Beziehung“ drückt damit aber lediglich die geringste mögliche Ver-bindung zweier oder mehrerer Menschen miteinander aus. Ich habe den Eindruck, dass sich immer mehr Menschen mit einer relativ losen Ver-bindung zufrieden geben, weil sie gelernt haben, Nähe mit Unfreiheit, Zwang und Selbstaufgabe zu assoziieren.

Ver-bindlich zu sein, wird von vielen als massive Einschränkung der eigenen, freien Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten erlebt und deshalb abgelehnt. Sich „alle Türen offen zu halten“ scheint für immer mehr Menschen die Erfolgsstrategie zu sein, sich sicher zu fühlen trotz der zunehmenden Dynamik und Veränderung um sie herum – denn im Ernstfall können sie das sinkende Schiff durch die Hintertür trockenen Fußes noch rechtzeitig verlassen. Meinen sie.

Die Crux dabei ist nur, dass eine Ver-bindung, selbst wenn sie andauert, aber noch lange keine Ver-bundenheit schafft, die durch Wertschätzung und Anerkennung der ganzen Person (auch aller Eigenarten und Schwächen) und durch ein Gefühl der Zugehörigkeit zu jemandem oder einer Gruppe definiert wird. Sich zugehörig und erkannt zu fühlen, ist jedoch ein elementares Bedürfnis gesunder Menschen, weil wir soziale Lebewesen und keine Einzelgänger sind.

Ein Kollege von mir hat die gleiche Beobachtung vor kurzem sehr treffend geschildert: Er ist schon sehr lange Zeit als Therapeut tätig ist und vertreibt sich bereits seit Jahrzehnten ein Stück seiner Freizeit damit, sich die Hochzeiten in seinem Dorf aus sicherer Entfernung anzuschauen. Aufmerksam beobachtet er die Brautleute und die Inszenierung ihres Ganges zur und aus der Kirche. In den darauf folgenden Monaten und Jahren vergleicht er dann seine Einschätzung mit den Anzeigen-Einladungen zu Zweithochzeiten, behördlichen Bekanntmachungen und dem Klatsch und Tratsch im Dorf. Sein Fazit aus den letzten 50 Jahren: Pompöse Inszenierungen gehen oft mit wenig zu spürender Nähe zwischen dem Brautpaar einher und je pompöser die Hochzeit erschien, desto schneller wurde sich wieder getrennt. Seine Prognosen haben mittlerweile eine Treffsicherheit von 80%.

Er ist sich sicher, dass die meisten Trennungen erfolgen, weil die Angst, sich aufeinander einzulassen und eine ver-bindliche Partnerschaft zu leben, die beiden Einzelmenschen daran hindert, wirklich ein Paar zu werden und aus einer gewachsenen Partnerschaft heraus das Abenteuer Elternschaft und Kinder, Vereinbarkeit von Beruf und Familie einzugehen. Die Distanz, die zwischen zwei Menschen bleibt, die sich nicht aufeinander einlassen wollen, wird mit äußerlichen Pomp und materialistischen Ablenkungen kaschiert: die Traumhochzeit, das Traumhaus, die Traumkinder und die ewige Suche nach dem Traumjob mit Traumgehalt.

Ich habe in den letzten fünf Jahren den Unterschied zwischen Beziehungen, die ich bis zu meinem 35. Lebensjahr geführt hatte, und der Ehe (einer tiefen und innigen Ver-bundenheit miteinander), die ich seit über zwei Jahren erlebe und jetzt im Sommer auch amtlich besiegeln werde, selbst erfahren dürfen. Ich glaube nicht mehr an einen Widerspruch zwischen Freiheit und Loyalität, zwischen Flexibilität und Verbundenheit, zwischen Selbstentfaltung und Gemeinsinn. Denn erst durch die Verbundenheit mit meinem Mann, mit Kollegen und Freunden und das Aufeinandereinlassen, fühle ich mich frei, ganz ich selbst zu sein.

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