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Herzenssache: Was ist wirklich wichtig?

08.05.2011 von: Paula Bemmann-Wöschler

„Wir leben länger, haben aber immer weniger Zeit.“, der Überleitungssatz des ZDFheute-Moderators brennt sich in meine Ohren. Ich habe längst vergessen, welche beiden Nachrichten diese Aussage miteinander verband, aber sie hallt in mir nach, findet Resonanz, weil ich mich erkannt fühle.

Mir schwirrt der Kopf – 150 neue Nachrichten über Facebook, hunderte E-Mails, Twitternews will ich gar nicht zählen, Leichtathletik-Sessioneröffnung und Handball-Meisterschaftsrunden der Kinder, Lehrauftrag in der Berufsakademie, neue Coaching- und Trainingsanfragen, Planung meiner Hochzeit, Arzttermine für unseren unerfüllten Kinderwunsch, daneben Einkaufen, Kochen, Joggen, mit Freunden telefonieren (ein Treffen wäre mal wieder schön, vielleicht im 2. Halbjahr?) – der Alltag zerrt an meiner Aufmerksamkeit. Selbst die Fernseh-Nachrichten haben sich völlig verändert: von Fukushima redet fast keiner mehr, die Royale Hochzeit ist ebenfalls bis auf den Po der Brautschwester Schnee von gestern, schwache Geburtenrate trotz Elterngeld und jetzt doch absichtliche Täuschung von zu Guttenberg stehen bereits im Schatten des gezielt getöteten USA-Staatsfeindes Nummer 1. Ich war doch nur ein paar Tage unterwegs und schon habe ich das Gefühl, ich bin aus der Zeit gefallen.

Meine Erholung schlägt in ein regelrechtes Getriebensein um. Schon gestern Morgen entblätterte sich eine überdimensionierte to-do-Liste in meinem Kopf als erster Gedanke nach dem Aufwachen. Fast wäre ich versucht gewesen zu bereuen, dass ich mir überhaupt eine kurze Auszeit gegönnt habe. Was nutzt mir die Entspannung, wenn ich davor und danach das doppelte Pensum auf dem Tisch habe?

Ich muss mich einfach noch besser organisieren, stärker auf Synergien achten, länger arbeiten, kürzer schlafen… – Stopp! Was für ein Schwachsinn. Jetzt setze ich mich schon so sehr unter Druck, wie viele Führungskräfte aus den Konzernen, die nur noch funktionieren und halbtot zu unseren Trainings anreisen.

Für einen Moment glaube ich sogar, mein eigener Leistungswille hat mich die letzten beiden Tage in seinen Fängen gehalten und er sei der Grund, dass ich beinahe wieder freiwillig in meinen Hamsterrad-Käfig geklettert wäre. Aber das wäre nicht ganz ehrlich. Denn Dinge, die ich wirklich umsetzen oder erreichen will, bringen mir Energie und Freude. Gefühle von Getriebensein und nicht mehr hinterher kommen entstehen dann gar nicht, weil ich im Flow bin und sich alles leicht und richtig anfühlt. Nein, wenn ich wirklich ehrlich zu mir selbst bin, dann muss ich mir eingestehen, dass hinter den mir selbst auferlegten Stress mein Streben nach Anerkennung und Aufmerksamkeit durch die Menschen meines Umfeldes steckt oder besser gesagt, mein Glaube beides nur durch das Abliefern von Leistung zu bekommen. Hohe Umsätze, guter Lebensstandard, tolle berufliche und private „Leistungen“, die sich sehen lassen können, das gibt mir leicht ein Gefühl, wichtig und wertvoll (für andere) zu sein. Ich bin dann in unserer „Leistungs“gesellschaft erfolgreich, obwohl ich mich innerlich erschöpft, ausgelaugt und dumpf fühle. Über das Traurigste sehe ich dabei hinweg, dass ich in getriebenen Zeiten mein Glück und meine Herzenssachen nicht mehr spüren kann.

Dabei ist es gar nicht so schwer, sich Zeit zu nehmen, um sein Glück wieder zu spüren oder heraus zu bekommen, was man vernachlässigt hat – man muss nur wieder den Blick auf das Wesentliche in seinem Leben richten, auf das, was einem im Herzen berührt und den Mut haben, sich danach zu richten. Was ist wirklich wichtig für mich? Was sind die Dinge, die mich erfüllen? Was sind meine Herzenssachen, was ist meine Vision? Und was ist der erste kleine Schritt in diese Richtung?

Diejenigen unter uns, die darauf ihre Antworten gefunden und sich entschieden haben, diese zu verfolgen, schaffen es, der äußeren Reizüberflutung Herr zu werden, sie können mit einem guten Gefühl aussortieren und „Nein“ sagen. Von außen betrachtet gehören sie nicht immer zu den gesellschaftlich „Erfolgreichen“, aber sie strahlen eine in sich ruhende Sicherheit und ein großes Vertrauen aus, dass das Leben für jeden von uns mehr bereit hält, als sinnentleert, kopf- und herzlos durch unseren Alltag zu hasten.

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