CIT-Consult Emotion-Blog

Kraft Natur

14.04.2011 von: Paula Bemmann-Wöschler

Immer wenn ich am Schreibtisch sitze, begeistert mich der Blick über meine Stadt. Jetzt, nach den herrlichen Sonnentagen, sprießt überall saftiges Baumgrün zwischen ziegelroten Dächern. Es versperrt die Sicht auf hektische Straßen. Ein Bild der Ruhe, nur hin und wieder durch eines Vogels Flug unterbrochen, breitet sich vor mir aus und zaubert mir ein Lächeln auf mein Gesicht. Ich öffne das Fenster, atme die frische Luft und spüre, wie ich mich ganz von selbst entspanne, mich besinne auf das, was gerade wirklich in meinem Leben wichtig ist.

Fragen gehen durch meinen Kopf: Was ist den letzten Monat, die letzte Woche, gestern, heute Vormittag passiert? Bin ich noch auf meinem Weg oder verzettle ich mich gerade? Habe ich mich bewusst für mein derzeitiges Tun entschieden oder fühle ich mich nur noch getrieben? Und wenn Letzteres zutrifft, was treibt mich vor sich her statt an?

Ich liebe diese Momente der Entschleunigung und Besinnung, wenn ich aus meinem Fenster schaue, mich einlasse und eintauche in dieses Bild der Ruhe. Sie helfen mir, mich mit meinen Gefühlen zu verbinden, mir klar zu werden über wichtige Entscheidungen, Argumente abzuwägen und Konzepte zu entwickeln, die sinnvoll sind. Je mehr ich dabei in der Natur bin, desto effizienter erlebe ich solche kleinen Atem-Pausen. Tief ein- und durchatmen. Mich spüren in der Welt um mich, als Einheit, nicht als Gegensatz.

Mit 22 bin ich den Jakobsweg entlang gewandert. Ich hatte keinen besonderen Grund, keine Erwartung. In meinem 3-wöchigen Urlaub wollte ich einfach nur draußen und aktiv sein, mich bewegen. Ich war gespannt, wie sich ein Land zu Fuß erfahren lässt und hatte überhaupt keine Vorstellung, auf was ich mich da einlasse. Zwei Wochen vor Aufbruch kaufte ich mir meine Wanderschuhe und lief zwanzig Kilometer um meine damalige Wohnstadt Münster herum. Ich fühlt mich danach heldenhaft, beschloss, dass damit meine Schuhe genügend eingelaufen seien, kaufte mir ein Wörterbuch und packte meinen Rucksack.

Dann lief ich los. Ich lief von Pamplona bis Santiago de Compostela. Nach 15 Jahren läuft mir immer noch ein Schauer über den Rücken, wenn ich an diese drei Wochen denke. Ich war zum ersten Mal in meinem Leben mit meiner scheinbaren Bedeutungslosigkeit für die Natur konfrontiert. Die ersten vier Tage regnete es in einem Fort. Ich quälte mich durch die Landschaft, verfluchte den Regen, war pitschnass bis auf die Haut, meine Füße waren übersät mit Blasen, meine Schultern schmerzten vom ungewohnten Dauerschleppen eines 8 kg schweren Rucksacks und abends, in der Herberge, hätte ich jeden umbringen können, der von Erfüllung, Selbstfindung oder spirituellen Erkenntnissen, die er auf diesen Gott verdammten Weg erfahren hatte, schwafelte. Was hatte mich bloß geritten, mir so gründlich selbst den Urlaub zu versauen! Ich empfand überhaupt nichts Berauschendes dabei, mich mit Muskelkater geplagten Beinen durch Rioja zu schleppen, um abends den Wein zu trinken, den ich zu Hause im Aldi billiger haben konnte.

An diesem vierten Tag war es besonders schlimm. Es goss wie aus Kübeln. Nach zwei Stunden ergab sich der letzte Hightech-Membran-Flecken meiner Regenjacke und Sturzbächen gleich bahnte sich das Regenwasser seinen Weg über meine Haut. Noch heute höre ich das Quatschern aus meinen voll Wasser stehenden Wanderschuhen bei jedem Schritt. Ich war fertig. Enttäuscht von der Welt und von mir. Ich fing an vom Strand und vom faulen Herumliegen in der Sonne zu träumen. Mit letzter Energie schleppte ich mich in ein Hostel und gab auf.

Und genau in diesem Moment veränderte sich etwas in mir. Ich hing meine Sachen zum Trocknen auf, setzte mich draußen vors Haus und war einfach nur still. Zuerst lieferten sich all meine Selbstvorwürfe, Verwünschungen und Flüche auf dieses Land und diesen Weg wilde Schlachten in meinem Kopf. Ich fühlte mich zu schlapp, um mich dagegen zu wehren, so ließ ich den Kampf in mir einfach geschehen. Als alles gedacht war, verschwanden die Stimmen langsam nach und nach. Ich wurde leerer und angenehm leichter. Keine Ahnung, wie lange ich dort saß, aber irgendwann spürte ich: Es ist, wie es ist und dass ist okay so. Und danach meldete sich eine zarte Stimme, die sagte: „Und Morgen gehe ich weiter!“.

Auch wenn es verrückt klingt, aber ab dem nächsten Tag hatte ich zweieinhalb Wochen nur noch Sonnenschein. (Nur am Rande: Auch das ist beim Wandern nicht immer prickelnd.) Ich war offen für all meine Gedanken und Gefühle. Es gab Tage, da sprach ich kein einziges Wort, weil es mich nur von mir selbst abgelenkt hätte. Wenn ich mit jemanden zusammen lief, ging jeder von uns dennoch seinen eigenen Weg. Ich fühlte mich zwar weiterhin dem Wind und Wetter ausgesetzt, aber jetzt war ich verbunden mit meiner Umgebung. Mir schmerzten die Schultern und die Füße, aber ich wollte um alles in der Welt mein Ziel, in Santiago zu Fuß anzukommen, erreichen. Und das gab mir plötzlich eine ungeheuer große Energie. Sie quoll regelrecht aus mir und berauschte mich. Noch nie zuvor war ich mir meines Zieles so sicher und noch nie zuvor fühlte ich mich so richtig, so zufrieden mit mir. Ich wusste einfach, dass ich es schaffe. Es gab keinen Zweifel. Am Abend bei einem Glas Wein und etwas zu essen, einem Dach über dem Kopf und im Gespräch mit Menschen, die ebenfalls auf ihrem Weg waren, fühlte ich mich einfach nur glücklich. Was brauche ich denn mehr?

Damals spürte ich es ganz intensiv, wie gut es mir tat, mich als Teil der Natur, der Menschen um mich herum, des Ganzen zu fühlen. Wenn ich heute aus dem Fenster auf meine Stadt schaue, dann kommt sie wieder hoch – meine Sehnsucht, diese Verbundenheit in mein Alltagsleben zu integrieren, um meine innere Kraftquelle zu entfesseln und mich zu besinnen auf das, was wirklich wichtig für mich ist und danach auch zu handeln.

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