CIT-Consult Emotion-Blog

Survival of the Fittest

24.03.2011 von: Paula Bemmann-Wöschler

Treffen sich zwei Planeten auf ihren Umlaufbahnen im All. Begrüßt der eine den anderen: „Mensch Erde, altes Haus! Lange nicht gesehen! Wie geht es Dir?“ Darauf die Erde hustend mit rauer Stimme: „Oh, mir geht’s wirklich ganz schlecht. Ich glaube, ich habe mir ‘nen Homo sapiens eingefangen.“ Der erste Planet winkt beschwichtigend ab: „Ach Du, halb so schlimm! Das gibt sich bald wieder!“

Vor drei, vier Monaten konnte ich über diesen Witz noch herzhaft lachen. Ich bezog ihn lediglich darauf, dass ich mich selbst mit meinen „Luxus-Problemchen“ nicht immer so wichtig nehmen sollte. Warum tat ich manchmal so, als würde die Welt morgen untergehen, wenn ich nicht sofort dieses oder jenes löse. „Immer dieses Aufbauschen von allem!“, dachte ich entnervt.

Heute bleibt mir der Witz im Halse stecken. Dabei ist Fukushima nur die (vorläufige?) Spitze unserer Exzesse mit Energieressourcen, der Technikgläubigkeit und der Gier nach noch mehr materiellem Wohlstand und Bequemlichkeit. Dabei reden wir uns kontinuierlich ein, dass wir nicht anders können, dass es keine Alternativen zu unserer bisherigen Vorstellung vom Leben gibt und wenn doch, dass diese zwangsläufig mit Entsagung und Verlust verknüpft wären. Aber lassen wir denn überhaupt alternative Lebensweisen zu? Wie werden wir uns als Gesellschaft gegenüber Nordafrika und Arabien in der nächsten Zeit verhalten? Werden wir ihnen wie bisher üblich unseren „Stempel“ vom Glück aufdrücken oder den Menschen dort ihren eigenen Weg finden lassen?

Für die meisten von uns ist es scheinbar unglaublich schwierig, sich von einmal zurecht gelegten Bildern und Vorstellungen wieder trennen zu können. Aufgrund des ständig steigenden Zeitdrucks im Alltagsgeschäft scheint sich die Tendenz zum Festhalten einmal gewonnener Erkenntnisse und Entscheidungen in den letzten Jahren zu verstärken. Michael und ich erleben dies seit zwei, drei Jahren verschärft in unseren Trainings. Vor eine Teamaufgabe gestellt herrschen unstrukturiertes bis hilfloses Chaos und wildes Durcheinanderreden ohne dem Anderen zuzuhören bis einer einen Vorschlag präsentiert. Alle sind erleichtert, denn endlich scheint sich eine Struktur abzuzeichnen, und sofort geht die Gesamtenergie der Gruppe in den Keller. Vergessen sind die Rahmenbedingungen und Vorgaben des Kunden (unsere Instruktion). „Time is Money“! Schnell und teilweise rigoros werden die Zustimmungen aller erzwungen und dann los gelegt. Hauptsache die Gruppe hat etwas Geschaffenes zum Vorweisen. Ob das Endprodukt überhaupt den Kundenanforderungen entspricht (unserer Instruktion), scheint kaum jemanden im Prozess zu interessieren. Gibt es dennoch einen, der Einwände anmeldet, läuft er schnell Gefahr als Bedenkenträger abgestempelt und isoliert zu werden. In 80% der Gruppen finden kein wirkliches Brainstorming zu möglichen Lösungsansätzen und keine offene Diskussion über ein gemeinsames Verständnis der Rahmenbedingungen mehr statt. Getriebener Aktionismus der Führungskräfte führt dann fast immer zu fehlerhaften Lösungen, die sich über die letzten Jahre über alle Gruppen erstaunlich ähneln. Konfrontiert mit dem falschen Ergebnis wird verteidigt, beschönigt und uns Trainern (im übertragenen Sinne dem Kunden) die Schuld gegeben: Wir hätten uns doch wirklich genauer und eindeutiger ausdrücken können!

Dabei waren fast immer alle richtigen Lösungsansätze und Rahmenkennzahlen in der Gruppe als Information vorhanden. Es fehlte nur meist an Integrationskraft, Überblick und stressfreier Kommunikation. Nur einmal haben wir erlebt wie eine Führungskraft das Blatt der Gruppe bilderbuchmäßig wenden konnte. Nach der Hälfte der Zeit hatte sie erfasst, dass das schon beinahe fertige Produkt falsch konstruiert wurde und es eine optimale andere Lösung gibt. Doch anstatt in wilde Hektik zu verfallen oder die bisherige Arbeit aller schlecht zu reden, zog sich derjenige kurz an den Rand zurück, bastelte ein Modell seiner richtigen Lösung und schaute sich in aller Ruhe nach Mitstreitern um. Einer der Teilnehmer war auf seine Eigeninitiative aufmerksam geworden und diesen überzeugte er daraufhin im „Einzelgespräch“. Damit hatte er einen Gleichgesinnten gewonnen und gemeinsam gingen sie nun auf die anderen zu. Mit Lob und Wertschätzung für das bereits geleistete Engagement der Gruppe gelang es den beiden im Tandem tatsächlich in nur fünf Minuten alle anderen davon zu überzeugen, noch einmal komplett von vorn anzufangen. Der Schmerz des Loslassens und die Angst, nach Ablauf der Frist doch eventuell ohne Resultat dazustehen, waren allen Gruppenmitgliedern regelrecht ins Gesicht gezeichnet. Es war wie ein kurzer, harter Kampf zwischen allen Beteiligten bis jeder der neuen Lösung zustimmte. Hier hatte eine Führungskraft die Begabung gezeigt, von alten Bildern loszulassen, eine neue, ganz andere Idee zu entwickeln, den strategisch richtigen Zeitpunkt abzuwarten (die alte Konstruktion drohte zusammen zu brechen), um dann mit Unterstützung, der eigenen inneren Sicherheit und seiner Integrationsfähigkeit eine ganze Gruppe umzustimmen, die motiviert an die Neukonzipierung ging! Schlussendlich hat er mit seiner Mannschaft gegen drei andere Teams im Wettbewerb innerhalb der vorgegebenen Zeit mit der besten Lösung gewonnen.

Survival of the Fittest – der am besten Angepasste und nicht etwa der Schnellste oder Stärkste macht „das Rennen“. Seit jeher waren die Überlebenden in der Evolution die Flexibelsten, diejenigen, die Altes, nicht mehr Zweckmäßiges, loslassen konnten und sich rechtzeitig und konsequent dem Wandel unterzogen. In beruflichen und privaten Diskussions- und Reflexionsrunden erlebe ich es immer, dass viele Anwesenden falsche wirtschaftliche oder politische Entwicklungen sehen und einige sogar über gute, umsetzbare Alternativen verfügen. Wie viele Fingerzeige zum Umsteuern benötigen wir noch bis wir aus dem alten Fahrwasser treten und neue Wege bestreiten? Das Know-how dazu ist Zweifelsohne in uns allen vorhanden.

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