CIT-Consult Emotion-Blog

Es trifft immer die Falschen!

23.02.2011 von: Michael Blochberger

Gestern haben wir einen lieben Menschen verabschieden müssen, der immer für andere da war und an sich selbst zuletzt gedacht hat. Sie war engagiert bis zum Umfallen, hilfsbereit bis zu Selbstverleugnung und großzügig, wenn es um ihre Mitmenschen ging. Aber sich selbst hat sie nichts gegönnt, hat ein bescheidenes, zurückgezogenes Leben geführt ohne Höhepunkte, ohne wirklichen Urlaub, ohne Herausforderungen und ohne echte Lebensträume. Ihr plötzlicher und unerwarteter Tod führte viele Menschen zusammen, die sich in der gemeinsamen Trauer die gleichen Fragen stellten: Warum sie? Warum wird eine so gutmütige Frau mitten aus ihrem Leben gerissen? Und hätten wir das verhindern können?

Ich kannte sie schon fast 20 Jahre und sie war verlässlicher als jeder andere Mensch in meinem Bekanntenkreis. Ihre liebenswürdige Art und ihre bedingungslose Hilfsbereitschaft waren ehrlich gemeint, wurden mir aber gelegentlich auch unangenehm, weil ich ihr Vertrauen nie wirklich gewinnen konnte. Wenn es um meine Gefühle ging, wurde ich mit Trost überschüttet, den ich gar nicht wollte. Ging es um ihre Gefühle, lachte sie gern darüber hinweg und zog sich in ihr Schneckenhaus zurück. Ihre Art zu Geben war der Versuch, die Zuneigung ihrer Mitmenschen zu gewinnen, deren Nähe sie aber nicht wirklich zulassen konnte.

Die Menschen, die ihr näher standen, vor allem ihre Familienangehörigen, wussten um ihr mangelndes Durchsetzungsvermögen, die Mutlosigkeit ihre Alltagsprobleme zu lösen und ihre großen Lebensängste. Sie halfen ihr so gut sie es vermochten und taten damit wohl genau das Falsche. Indem sie immer für sie da waren, wenn es darauf ankam, wichtige Entscheidungen für sie trafen und für vieles Verantwortung übernahmen, nahmen sie ihr die Chance, sich durchbeißen zu müssen und an den täglichen Herausforderungen zu wachsen.

Das, was so liebevoll gemeint war, verhinderte nachhaltig, dass sie Selbstsicherheit und Selbstwertgefühl entwickeln konnte. Auch als erwachsene Person war sie über alle Maßen von der Zuwendung ihrer Familie abhängig. Sie war ein Mensch, der nie gelernt hatte, die eigenen Bedürfnisse zu respektieren und sich selbst zu lieben. Aus einem inneren Gefühl des Defizits entstand die Angst, nicht zu genügen und daraus der Zwang noch mehr zu gefallen. Ihre Gutmütigkeit und Hilfsbereitschaft wurden zu bitteren Hilferufen nach der Zuwendung, die sie sich selbst nicht geben konnte.

Viele ihrer Mitmenschen, auch Kollegen wussten damit nicht umzugehen, und die daraus entstehende Distanz interpretierte sie als Ablehnung oder Mobbing. Immer seltener konnte sie sich aus der Spirale von Hilfsbereitschaft und Demütigung befreien. Jede Form professioneller Hilfe lehnte sie ab, denn sie war unfähig, sich selbst und ihre Schmerzen ernst zu nehmen.

Zwei Wochen lang unterdrückte sie mit Tabletten ihre Magenschmerzen statt zum Arzt zu gehen. Als schließlich der Notarzt kommen musste, weigerte sie sich, ins Krankenhaus gefahren zu werden. Als sie 24 Stunden später einer Notoperation unterzogen wurde, war es bereits zu spät: Sie starb an akuter Entzündung der Bauchspeicheldrüse, dem Organ, das wie kein anderes für das Gleichgewicht von “Geben und Nehmen” im Leben steht. Die Entzündung hatte die Durchblutung ihrer inneren Organe so gestört, dass viele bereits abgestorben waren. So wurde ihr Tod zum Symbol für ihr ganzes Leben, in dem das Verhältnis von Liebe geben und Liebe annehmen so aus dem Gleichgewicht war.

Und ich frage mich, was hat es für einen Sinn, dass es so oft die Menschen trifft, die sich für andere aufopfern? Wir sagen: Es trifft die Falschen. Es sind nicht die, die vom Glück verfolgt werden. Es sind die, die zu leiden gelernt haben! Aber warum ist das so?

Wenn wir etwas daraus lernen können, dann ist es die Tatsache, dass es nicht im Sinne der Natur ist, sich selbst zu verleugnen. Wir dürfen uns selbst am nächsten sein, ja, es ist sogar unsere Pflicht! Denn wer für andere da sein will, muss das aus einer inneren Stärke heraus tun, um nicht zu verbrennen. Wir müssen Selbstsicherheit, Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl entwickelt haben, um anderen davon abgeben zu können.

Der erste und wichtigste Schritt auf diesem Weg ist es, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen, sie wertzuschätzen und den Mut zu entwickeln, für deren Umsetzung zu kämpfen. Jeder von uns muss diesen Weg alleine gehen. Wer sich helfen lässt, kann in sich selbst keine Sicherheit finden, sondern wird sich weiter von anderen abhängig fühlen. Erst auf der Basis deiner persönlichen Erfolge kannst du das notwendige Selbstvertrauen entwickeln. Erst wenn du dir selbst vertraust, kannst du anderen vertrauen. Vertrauen ist die Voraussetzung für ein gesundes Geben und Nehmen. Erst aus Vertrauen heraus kann sich Verständnis, Nähe und Liebe entwickeln.

Und echte Liebe entsteht erst aus der Liebe zu dir selbst, dem inneren Gefühl, es dir selbst Wert zu sein. Nur das, was du dir selbst zu geben bereit bist, kannst du auch von Herzen anderen geben. Um andere Menschen zu lieben, muss du keine Opfer bringen oder dich demütigen. Liebe ist etwas Wertvolles und Stolzes. Sie bleibt auf Augenhöhe mit den Mitmenschen. Jeder Versuch, sich über den anderen zu stellen oder sich ihm zu unterwerfen, macht Liebe unmöglich.

Vielleicht ist es das, was sie dir sagen wollte: Nimm die eigenen Bedürfnisse ernst! Lebe dein Leben statt es für andere zu opfern! Suche deinen inneren Reichtum, statt es anderen Recht zu machen! Fang damit an, bevor es zu spät ist! Der Tod ist schneller als du denkst.

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