CIT-Consult Emotion-Blog

Pauschalisieren – Polarisieren – Frauen quoten

03.02.2011 von: Paula Bemmann-Wöschler

„Alle Jahre wieder…“, klingt es mir in den Ohren, als ich vor einigen Tagen im „Heute Journal“ den Bericht zur „Frauenquote“ sah. Mal wieder wird sie als „Universallösung“ für die Gleichberechtigung der Geschlechter, für die Beseitigung des Fachkräftemangels, für den Anschub der Ganztags-Kinderbetreuung oder für die Einführung neuer Unternehmenskulturen propagiert. Mal wieder geschieht dies im Quoten heischenden Pro- und Contra-Stil. Mal wieder für mich völlig am eigentlichen Thema vorbei.

Am Dienstagabend war ich auf der Sportlerehrung unserer Tageszeitung. Mir ist dabei aufgefallen, dass unter den geladenen Gästen nur wenige Frauen anwesend waren. Die meisten verheirateten oder liierten Männer, die ich kannte, waren ohne ihre Partnerinnen gekommen. Durch die Frauenquotendiskussion der letzten Tage angestachelt, kam mir prompt der dafür passende Erklärungsgedanke für diesen Umstand in den Sinn: Aha, Vereinsarbeit ist Männerklüngel. Die wollen auch beim Feiern unter sich sein. Wahrscheinlich haben die ihre Frauen gar nicht gefragt, ob sie mitkommen wollen… Ich bin fasziniert, wie schnell ich mir ein tolles Erklärungsmuster für die beobachtete Situation an den Haaren herbei ziehen kann. Ich habe auch gleich eine ganz einfach umzusetzende Lösung, um Geschlechtergleichheit wieder herzustellen: Im nächsten Jahr sollten mit der Einladung alle Gäste gezwungen werden, entweder mit Partner zu erscheinen oder erst gar nicht zu kommen.

Ich bin von mir begeistert – innerhalb von 2 Minuten habe ich einen Fakt (es sind deutlich mehr Männer anwesend als Frauen) effizient auf seine Wechselwirkung analysiert (es gibt ja offensichtlich nur zwei Parameter: Mann und Frau) und eine praktikable Lösung, die gleich noch eine eindeutige Handlungsanweisung beinhaltet, erarbeitet.

Die lässt sich sogar prima für andere Ansprüche von mir pauschalieren. Bei solchen Veranstaltungen sollten die Gäste doch besser den Querschnitt der in der Bundesrepublik gerade Lebenden abbilden: x Prozent Frauen, x Prozent Männer, x Prozent Alte und x Prozent Junge, x Prozent Behinderte, x Prozent Migranten, x Prozent Ausländer… Wie wunderbar, ich generalisiere einfach meine Quotenlösung auf jeden und alle gesellschaftspolitischen Probleme: Frauenquoten in Führungsetagen, Männerquoten im Kindergarten und in der Grundschule, Altenquote in die Unternehmensberatungen, Jungenquote…

Und genau das ist es, was mich an diesen absurden „Gleichmacherei“-Diskussionen so maßlos ärgert. Die Grundannahme ist fast immer, dass es einen Kampf zweier Interessensgruppen gibt und das Chancengleichheit bzw. Interessensausgleich nur durch Gleichbehandlung aller zu erzielen ist. Das führt meiner Ansicht nach jedoch nur dazu, dass ich „böse Schuldige“ und „arme Opfer“ definieren kann und mich in sinnlosen Pro- und Contradiskussionen verliere. Mit diesem Tunnelblick produziere ich nur Datenmüll und fülle prima – wie in den letzten Tagen zum Thema „Frauenquote“ – Internetseiten, Zeitungsblätter, Nachrichtensendungen und Talkshows. Ohne neue Ideen und ohne Eröffnung neuer Interpretationsräume.

Warum nutzen wir nicht einmal diese ganze Energie, um alle möglichen Betrachtungsweisen und die sich daraus ergebenden Fragen zum Fakt „deutsche Führungskräfte sind zu 27 Prozent Frauen und zu 73 Prozent Männer“ zusammen zu tragen und auf den Tisch zu bringen?

Was verlangen wir nicht alles von heutigen Führungskräften an Hard- und Softfacts! Doch nicht nur fachliche Kompetenz, sondern auch eine hohe emotionale Intelligenz, z.B. immer ein offenes Ohr für jedermann (Mitarbeiter, Kollegen, eigene Chefs, Lieferanten, Kooperationspartner, Gesellschafter oder Aktionäre), dann mindestens unternehmerisches Denken bei gleichzeitiger hoher moralischer Selbstverpflichtung, Verantwortungsbereitschaft und natürlich ein enormes Engagement zur Erfüllung der Unternehmensziele. Die Notwendigkeit einer 60-Stunden-Woche mit 24-Stunden-Erreichbarkeit per Handy und E-Mail wird kaum noch von jemandem in Frage gestellt, große zeitliche Flexibilität und landes- bis weltweite Mobilität werden selbstverständlich vorausgesetzt. Dazu kommen Zeit- und Kostendruck, Informationsflut, sich dynamisch verhaltende Rahmenbedingungen. Die Ansprüche wachsen mit den Erfolgen: höher, schneller, weiter ist unser wirtschaftliches Credo. Karriere läuft nur ohne Fehlzeiten. Wir passen uns Maschinenauslastungszeiten, Globalisierungskonsequenzen und Markterfordernissen an, statt Wirtschafts- oder Gesellschaftsstrukturen unseren Lebensbedürfnissen anzupassen. Wir übernehmen sogar unser Wirtschaftscredo auch noch für unsere persönlichen Ansprüche: auf den Punkt geplant schwanger werden, eine perfekte Organisation von Job und Freizeit, engagierte Eltern- und Partnerschaft leben, gestaltendes Vereinsleben, regelmäßig Sport, Kultur und persönliche Entfaltung. Wie soll das alles unter einen Hut zu bekommen sein? Das geht doch nur annähernd mit einer straffen, effizienten Arbeitsteilung – ich übernehme den einen Teil, Du den anderen oder wir wechseln in einem bestimmten Rhythmus – dann haben unser beider Karrieren nichts davon.

Geht es nicht eigentlich um die Beantwortung anderer Fragen, die Männer wie Frauen gleichermaßen betreffen? Unter welchen Bedingungen kann ich meine persönlichen Ansprüche und Bedürfnisse erfüllen? Wie definiere ich „erfolgreich sein“? Wo setze ich welche Schwerpunkte? Wie intensiv möchte ich Partnerschaft leben? Wie aktiv will ich auf die Entwicklung meiner Kinder Einfluss nehmen? Wie stark und intensiv möchte ich am Leben mir wichtiger Personen teilhaben? Wie intensiv möchte ich Wirtschaft oder Gesellschaft mitgestalten? Was erheben wir zur Norm und wer bestimmt das? …

Warum scheuen wir uns immer wieder, uns die ganze Komplexität bewusst vor Augen zu führen? Je extremer und radikaler wir uns auf eine Sichtweise einschießen, umso mehr flüchten wir doch nur vor unseren unerfüllten Bedürfnissen und ungelebten Anteilen. Der andere ist Schuld an meiner Misere, er soll sich oder die Umstände gefälligst ändern. Tut oder kann er nur leider nicht. Wie schade.

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