CIT-Consult Emotion-Blog

Loyal oder integer?

19.01.2012 von: Michael Blochberger

In Jeans und offenem Sakko steht er vor mir, reicht mir die Hand zur Begrüßung. Sein Blick ist offen, aber unstet. Blitzschnell erfasst er die Details in der für ihn ungewohnten Umgebung. Kurzer Smalltalk am röhrenden Kaffeeautomaten, bevor wir mit den dampfenden Tassen in mein Giebelzimmer steigen. Sein Blick schweift durch die Glasfront in die Natur und kommt langsam zur Ruhe. “Wo Sie arbeiten, möchten andere gerne Urlaub machen!” In seinem Lachen schwingt eine Spur Schmerz und Sehnsucht mit. Und dann beginnt er zu erzählen…

Er ist ein erfolgreicher Marketing-Mann in leitender Position. Er liebt seinen Beruf, die Möglichkeit etwas zu bewegen, Einfluss zu nehmen. Er arbeitet viel, 60 Stunden die Woche. Seine Familie hat sich damit arrangiert. Er verzichtet gern auf Teile seines Privatlebens,… solange er sich mit seinem Handeln identifizieren kann. Seit längerem hat er damit seine Probleme, sein Frust ist gestiegen. Zu vieles läuft für ihn schief. Er beißt sich durch, aber es fällt ihm schwer, sich täglich aufs Neue zu motivieren.

Wir schauen hin, was ihn so viel Kraft kostet. Er ist ein aufrichtiger Charakter, einer, der zu seinem Wort steht und nach klaren Prinzipien und Wertevorstellungen handelt. Menschen, die keine eigene Meinung haben und ihr Fähnchen nach dem Wind richten, nennt er “Schleimer”. So möchte er nie sein, persönliche Integrität ist ihm wichtig.

Andererseits hat die Angst in seinem Arbeitsumfeld zugenommen. Der Kampf um die Märkte wird härter. Da ist jeder angehalten, Kompromisse zu machen. Die Zielvorgaben der Geschäftsleitung sind brutal und auf gradlinigem Weg nicht zu erreichen. Er fühlt sich gezwungen, Mittel einzusetzen, die gegen seine persönlichen Wertevorstellungen verstoßen. Er ist ein loyaler Mitarbeiter, der alles für den Erfolg seines Unternehmens tut, aber er hat das Gefühl, sich dafür selbst aufgeben zu müssen.

Das ist es, was ihn langsam ausbrennen lässt: der Konflikt zwischen zwei seiner wichtigen Grundwerte: der persönlichen Integrität und der Loyalität zum Arbeitgeber. Beides scheint für ihn nicht mehr vereinbar. Aber muss er das eine aufgeben, um das andere erfüllen zu können?

Mein Coachee ist mit diesem inneren Konflikt nicht allein. Unzählige Arbeitnehmer leben unter dem Zwang, ihre Pflichten nicht mit ihren Werten und Bedürfnissen in Einklang bringen zu können. Besonders für die mittleren Führungsebenen ist es eine Herausforderung, Loyalität und Integrität zu wahren, zwischen dem Leistungsdruck von oben und der Verantwortung für die eigenen Mitarbeiter. Das heißt einerseits sich mit den Unternehmenszielen zu identifizieren, die Mitarbeiter zu unterstützen, zu motivieren, immer aufs Neue herauszufordern, sie andererseits aber auch zu schützen und den Vorgesetzten gegenüber notwendige Grenzen aufzuzeigen.

In einer solchen Sandwich-Position eine persönliche Balance zu finden fordert einen starken Charakter, Mut, Selbstbewusstsein und Authentizität. Wer da nicht klar und sicher auftritt, wirkt schnell wie ein Spielball der äußeren Ereignisse und verspielt seine Autorität. In kritischen Zeiten ist es deshalb sinnvoll, sich einen unabhängigen und professionellen Gesprächspartner als Coach zu suchen. Auch Trainings können helfen, die eigenen emotionalen Befindlichkeiten zu hinterfragen, eine konstruktive Einstellung zu entwickeln oder wichtige Entscheidungen zu treffen.

Nur eins muss klar sein: Für den Konflikt zwischen Loyalität und Integrität gibt es keine universelle Lösung. Unserem Marketing-Mann ist es in wenigen Sitzungen gelungen, eine konstruktive Einstellung zu seinen Arbeitsbedingungen zu finden. Mit mehr Klarheit und der Bereitschaft, seine persönlichen Grenzen zu definieren und gegenüber seinen Vorgesetzten zu vertreten, hat er wieder auf die Siegerstraße zurück gefunden. Das ist sein persönlicher Weg, der aber nicht für andere Gültigkeit haben muss.

Letztendlich ist nicht wichtig, welchen Weg man geht. Entscheidend ist, dass man sich nicht seinem scheinbaren Schicksal ergibt, sondern sich aufmacht, sich hinterfragt, die Initiative ergreift, die eigene Resilienz stärkt. In diesem Sinne schließe ich mit einem Zitat von Klaus Kobjoll: Machen Sie es gut, aber machen Sie es bald!

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