CIT-Consult Emotion-Blog

Hurra! – Wir leben noch!

03.09.2010 von: Paula Bemmann-Wöschler

Von Grizzlys nach dem Mittagsschläfchen gefressen zu werden, wäre einmal eine ganz andere Erfahrung des Sterbens. Man ginge, so schwadronierten wir noch ganz benommen nach unserer Bären-Begegnung in live, dann ganz natürlich in den Kreislauf des Lebens ein. Fast fühlten wir uns Eins mit der wilden, atemberaubenden Natur um uns herum: Geboren, um Beute zum Überleben zu machen oder eben selbst zur Beute anderer zu werden. Diese Vorstellung faszinierte uns regelrecht und war irgendwie cooler als unfalltot zwischen Trümerteilen oder zerfallend zwischen Medizinschläuchen zu enden.  Aber der Reihe nach.

In den vergangenen Wochen verbrachten wir unseren ersten Kanada-Urlaub. Mit Kanada verband ich schon vorher unendliche Weite, wilde unberührte Natur und natürlich Grizzlybären. Egal, was wir erleben sollten, Fakt war für mich vor Reiseantritt: Ich will unbedingt Bären in freier Wildbahn sehen! Vor meinem Freund standen harte Zeiten, denn ich war bereit, alles für meine Wunscherfüllung in Bewegung zu setzen: in der Dämmerung auf der Lauer liegen, alle Plätze in den Rockys, an denen jemals Bären gesichtet wurden, abzufahren und ich weiß nicht, was mir noch alles eingefallen wäre.

Mein Freund muss ein Glückskind sein, denn gleich am ersten Tag unserer Wanderungen durch die Rocky Mountains wurde ich vom Schicksal erhört und ihm entspannte Urlaubsabende garantiert. Mit müden Beinen von unserem Ausflug trotteten wir zurück gen Jasper, nur 2 Meter seitlich einer befahrenen Straße (befahren natürlich nicht im europäischen Sinne, aber alle 5 Minuten kam doch ein Auto vorbei, was für kanadische Verhältnisse wirklich stark befahren bedeutet), als es neben uns im Unterholz knackte. Mein Blick folgte sofort dem Geräusch und ein niedlicher kleiner Teddybär trat in die Lichtung, Luftlinie keine 50 Meter entfernt und nur durch eine kleine Senke zwischen uns und ihm getrennt. Vor lauter Aufregung und Überraschung bekamen wir fast die Kameras nicht aus unserem Rucksack, aber damit nicht genug, war der Kleine auch nicht allein. Gelassen und entspannt trat Mama Bär gefolgt von einem weiteren niedlich kleinen, vor sich hin schlendernden Geschwisterbärli ebenfalls auf die Lichtung. Wir waren sprachlos, glückseelig, völlig aus dem Häuschen – alles durcheinander, nur nicht ängstlich.

Später fragte ich mich, wo meine Instinkte geblieben waren! Der Ernst der Lage, eine Bärenmutter mit zwei einjährigen Jungen, die uns weder gerochen noch gesehen hatte, mit unserer Anwesenheit zu überraschen (um es einmal positiv zu formulieren), wurde uns erst bei unserer wohlbehaltenen Rückkehr in unsere Unterkunft allmählich bewusst. Zugegeben, die Bären liefen gelassen von uns weg, die Senke war außerdem dazwischen, die Tiere hatten genug Fluchtwege… Aber wenn die Alte mit dem falschen Bein aufgestanden wäre oder mangels fehlender Fähigkeit zum Perspektivenwechsel uns fälschlicherweise als Bedrohung ihrer Jungen angesehen hätte, ob wir dann das 5-Minuten-Auto-vorbei-fahr-Zeitfenster erwischt hätten? Mal abgesehen davon, dass wir das Auto bei bärenhaften 60km/h Laufgeschwindigkeit vielleicht gar nicht mehr vor dem Bär erreicht hätten. Außerdem wäre ich mir im Nachhinein selbst bei Todesangst nicht sicher, ob wir tatsächlich auf einen Baum gekommen wären oder uns überzeugend tot stellen gekonnt hätten.

Aber wer kann das schon ohne konkrete Erfahrung genau wissen – manchmal scheint “survival of the fittest” wohl auch zu bedeuten: “Einfach Schwein gehabt, Greenhorns!”.

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