CIT-Consult Emotion-Blog

Wer nicht integer ist, wird korrumpierbar

20.01.2012 von: Paula Bemmann-Wöschler

„Die Treue zu sich selbst halten“ oder „Würde besitzen“, so könnte man persönliche Integrität umschreiben. Wer integer ist, der ist unbestechlich. Er folgt „festen, tief verankerten, positiven Werten“, steht zu seinen persönlichen Überzeugungen und folgt einem inneren ethischen Wertesystem, von dem er sich nicht abbringen lässt. Das Gegenteil von integer ist korrumpierbar. Korrumpierbar werde ich, wenn ich aufhöre, meinen inneren Werten und Prinzipien zu folgen, weil ich mich von Verlockungen und äußeren Drohungen leiten lasse.

Vor zwei Wochen traf ich mich wie jedes Jahr mit Freunden für ein paar Tage zum Skifahren. Wir alle waren durch die Bank fasziniert von einer Mutter aus unserer Mitte. Dieses Mal war sie da mit Kleinkind Nummer drei. Wie selbstverständlich hatten die beiden 400 km Zugstrecke und 400 km Autofahrt hinter sich gebracht. Und zu unser aller Erstaunen wirkten beide herrlich ungestresst. Es war faszinierend, Mutter und Kind miteinander zu erleben. Unsere Freundin ging so natürlich auf ihre Tochter ein, ließ diese alles ausprobieren, reagierte auf ihre Bedürfnisse umgehend, setzte Grenzen, indem sie Alternativen anbot und sorgte dennoch ausreichend für sich selbst. Die Kleine besitzt dadurch in ihrem zarten Alter bereits erstaunlich viel Vertrauen, Kontaktfreude und Selbstwirksamkeit – die besten Voraussetzungen, um eine sichere eigene Identität zu entwickeln.

Über eine eigene, bewusste Identität muss ich verfügen, will ich mich integer verhalten können. Wenn ich nicht erleben durfte, eigene Wünsche und Bedürfnisse zu spüren, weil sie mit den Vorstellungen meiner Eltern nicht konform gingen. Wenn ich nicht ausdrücken konnte, was ich im Inneren fühle, weil es sich nach Ansicht meiner Betreuungspersonen in der jeweiligen Situation nicht schickte. Wie will ich dann unterscheiden können zwischen dem, was ich bin und dem, was ich sein soll?

Konnte ich nicht so kindgerecht und meiner eigenen Persönlichkeit entsprechend aufwachsen wie die drei Kinder meiner Freundin, dann blieb mir nur der Weg, die unerwünschten Anteile in mir zu unterdrücken oder sie durch äußere, erwünschte Vorgaben und Gebote zu ersetzen. Mein Selbstkonzept kann dann Widersprüche und „Trugbilder“ enthalten, nach denen ich mein Verhalten ausrichte. Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele? ist daher nicht nur ein genialer Buchtitel, sondern spricht uns ganz existenziell an.

Wer bin ICH? Welche Anteile machen MICH wirklich aus? Wofür STEHE ICH? Erst mit der Auseinandersetzung mit meinem Selbstkonzept über Selbstreflexion, Hinterfragen automatisierter Deutungs- und Handlungsmuster, Rückmeldungen anderer oder Selbsterfahrung im Training bzw. Coaching komme ich zu meiner eigenen Identität. Ich kann mir dadurch meine handlungsweisenden Motive und inneren Werte bewusst machen und mein Verhalten nach ihnen ausrichten.

Der Lohn ist Authentizität und Selbstwirksamkeit – der beste Schutz vor Burnout und Manipulation von außen, das Vertrauen meiner Mitmenschen sowie frei werdende Energie, die ich für eine Lebensgestaltung entsprechend meiner Werte einsetzen kann.

Integrität hat, wer eben nicht als einer der Ersten trockenen Fußes am Ufer steht und aus sicherer Entfernung telefonisch Evakuierungs- und Rettungsmaßnahmen koordinieren „will“ oder sich Vorteile Kraft seines Amtes verschafft. Integer ist, wer seine Position, seine Rolle oder sein Amt nach ethischen Prinzipien ausfüllt und sein Verhalten moralisch nach seinem inneren Wertesystem ausrichtet.

facebook twitter