CIT-Consult Emotion-Blog

Die Masche mit der Depression

01.03.2011 von: Paula Bemmann-Wöschler

War ich nicht zu hart? Ich habe ihn richtig provoziert. Und dabei leidet er doch ganz offensichtlich, fühlt sich ungeliebt, von den starren Strukturen um ihn herum am Verändern gehindert. „Ich kann das nicht oder es geht nicht, weil…“ – seine Aussagen erinnern mich an Cora mit ihrem „Ja, aber-Spiel“: Jedes Hilfsangebot verpufft, jeder Entscheidungsspielraum schrumpft auf einen Kubikmillimeter, jedes Aufzeigen von Konsequenzen zieht aggressive Resignation nach sich. Ich spüre Wut in mir aufsteigen. In was zum Teufel verwickle ich mich da gerade?

Es gibt Menschen, die sind wahre „Energieräuber“. Sie betreten den Raum und man hat das Gefühl, die gesamte Energie aller Anwesenden fließt in ein Schwarzes Loch. Je mehr man selbst neue produziert, desto schneller ist sie weg. Im Nu ist das Energielevel aller auf dem absoluten Tiefpunkt. Nicht selten scheinen Energieräuber wie gefangen in ihren Körpern. Konstruktive Impulse dringen kaum nach außen. Wenig Gestik und Mimik, oft eine monotone, ausdrucksarme Stimme. Ihre Körperlichkeit und Ausstrahlung ist auf ein Minimum reduziert. Sie wirken wie ein Neutrum: Als Frau leben sie ihre Weiblichkeit nicht mehr, als Männer nicht mehr ihre Männlichkeit. Alltäglicher Gleichklang auf unterstem Niveau.

In wirkliche zwischenmenschliche Nähe zu gehen, ist ihnen nicht möglich. Denn dazu bedarf es einem Energieaustausch in beide Richtungen. Aber sie nehmen hauptsächlich und fühlen sich zu schwach zum Geben. Wie Schmarotzer wandern sie von Baum zu Baum und saugen sich voll mit der Energie, die sie zum Leben brauchen. Sie erwerben ihre Kraftressourcen mittels eines anderen, der angezapft wird. Ist der eine Baum erschöpft und gibt nicht mehr genug her, haben sie bereits ein anderes kraftvolleres Exemplar erspäht und schwups hängen sie mit einem Ableger an diesem. Der Erschöpfte hat Glück, wenn er für seine nachlassenden „Liebesdienste“ oder seinen Rückzug aus Selbsterhaltungsgründen nicht noch ordentlich eine verbraten bekommt, bevor ihm die „Freundschaft“ gekündigt wird. Dann ist er aus den Augen und aus dem Sinn.

Um ihren Raubzug vor sich selbst und anderen zu verschleiern, vertreten sie nicht selten sehr rigide Moralvorstellungen mit einem – man mag es kaum glauben – plötzlich ungeheuren Energieeinsatz. Keiner ist ihren hohen Wertmaßstäben gewachsen, natürlich auch nicht sie selbst. Und raus sind sie aus dem Schneider, denn damit wäre bewiesen, dass man und am wenigsten man selbst, etwas allein und zum besseren bewegen kann.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich spreche hier nicht von Menschen mit einer Depressionserkrankung und auch nicht von Menschen mit Burnout, die dringend professionelle Unterstützung von außen benötigen. Ich meine Menschen, die „depressive“ Symptome wie Mut- und Antriebslosigkeit als „Masche“ (ein Begriff aus der Transaktionsanalyse) einsetzen, um sich in der Haltung des armen Opfers bequem einzurichten und damit sein Gegenüber zur Hilfsbereitschaft, sprich Energieversorgung, zu „nötigen“, will dieser nicht als a-sozialer Egoist abgestempelt werden.

Es ist nicht leicht, eine Depressionserkrankung von einer „Masche“ zu unterscheiden, wenn man nicht über eine große therapeutische Erfahrung verfügt, denn die Symptome können sich in der Ausprägung sehr ähneln. Bei beiden hat man als Außenstehender das Gefühl, nicht mehr an den Menschen ran zu kommen, sich ständig im Kreis zu drehen und wenig bis keine Energie zu spüren. Aber bei Menschen, die Depression als Masche einsetzen, erhält man, provoziert man sie, eine energetische Rückmeldung: Sie reagieren plötzlich mit Ärger, Wut oder Trotz – Ist man darauf nicht vorbereitet, kann man sich „richtig warm anziehen“!

Lange Zeit habe ich geglaubt, ich könne mit energieraubenden Menschen (ich will sie bewusst nicht depressiv nennen, weil sie zwar so wirken, es aber tatsächlich nicht sind) nicht umgehen. Im Bekanntenkreis bin ich fast verzweifelt, weil ich mit ansehen musste, wie zwei Freundinnen von mir, trotz Unterstützung von vielen Seiten, immer mutloser, verzagter und bequemer wurden. In meiner Trainerrolle lief ich oft Gefahr, mich zu stark zu engagieren und dem Klienten seine Arbeit abzunehmen. Abends hatte ich Kopfschmerzen, fühlte mich ausgebrannt und aggressiv. Letzteres machte mir wiederum Schuldgefühle, weil ich doch den Leidensdruck dieser Menschen spürte. Ihnen ist ihr destruktives Verhalten ja nicht bewusst. Sie leiden wirklich und möchten, dass ihnen geholfen wird. Natürlich fragte ich mich auch: Was hat das mit mir zu tun? Spiegeln mir diese Menschen vielleicht nur meinen eigenen verzagten, ängstlichen oder bequemen Verlierer-Anteil?

Vor einem Jahr habe ich in einer eigenen Fortbildung einen sehr erfahrenen Therapeuten mit einer jungen Energieräuberin arbeiten gesehen. Und plötzlich verstand ich all meine zwecklosen Versuche, der Depressionsmasche mit Verständnis, Aufmunterung und neuen Impulsen zu begegnen. Als Außenstehende kann ich nur helfen, wenn ich ihnen meine Energie versage, solange sie in ihrem Schmarotzertum verharren, und sie klar und deutlich mit ihrem Verhalten konfrontiere. Energieräuber müssen begreifen, dass sie nicht Opfer, sondern Täter sind. So können sie wieder zu ihren eigenen, inneren Energiequellen finden, indem sie selbst aktiv werden.

Damit Jellineks Zitat nicht auch am Ende auf sie zutrifft:

„Am Grab der meisten Menschen trauert, tief verschleiert, ihr ungelebtes Leben.“

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