CIT-Consult Emotion-Blog

Den Super-GAU vor Augen

16.03.2011 von: Paula Bemmann-Wöschler

Seit sechs Tagen schaue ich zu, aus sicherer Entfernung, fassungslos. Mein Hirn kann schon die Ausmaße des Erdbebens und des Tsunamis nicht be-greifen. Um die 10.000 Opfer sollen es werden, wahrscheinlich eher mehr, eine Zahl, so abstrakt, die als solche kein Gefühl bei mir hinterlässt. Erst die Einzelschicksale – wie z.B. die weinende Frau, die die Hand ihrer Tochter festhielt und ihr „Baby“ doch nicht halten konnte und jetzt hofft, ihre Tochter hat den Kampf in den Fluten wie sie überlebt – erst die Geschichten der Opfer lassen mich in Verbindung mit ihnen treten und irgendwie mit-fühlen.

Ich kann dabei nur zurückgreifen auf meine Erfahrungen der Trauer um geliebte Menschen, auf meine Angst, Familienangehörigen oder Freunden könnte etwas passieren. Denn ich habe noch keine derartige Katastrophe erlebt, mir fehlen, Gott sei Dank, dieses Erlebnis und die dazugehörigen Gefühle. Mein Mit-„Gefühl“ ist daher zum größten Teil eine Projektion meiner individuellen Erfahrungen.

Vielleicht brauchen wir „Un-Erfahrenen“ daher immer Superlative, um Unbegreifliches in Worte zu fassen. Der Super-größte anzunehmende Unfall steht gleich mehreren Reaktoren bevor und wir sind alle „live“ dabei. Was wir gerade beobachten können, ist die Tatsache, dass erfahrene Spezialisten alle technisch möglichen Vorkehrungen getroffen haben, den Anfangsprozess eines GAUs zu vermeiden. Aber auf einen sich gerade vollziehenden GAU ist keiner vorbereitet.

50 Menschen sind auch nach der dritten Explosion, die nun doch zur Beschädigung eines Reaktorbehälters geführt hat, noch im Kernkraftwerk. Als „Die Todgeweihten“ werden sie bereits tituliert, die sich für die Rettung vieler opfern und ihre Pflicht erfüllen – bis zum Schluss. Ich frage mich, was diese Menschen in diesen und den nächsten Tagen empfinden. Zumindest die Techniker und Ingenieure wissen ganz genau um die Gefahren. Neben kultureller Pflichterfüllung, dem Versuch, sein Gesicht zu wahren, vielleicht auch sich verantwortlich zu fühlen für Tausende von Menschenleben und der Hoffnung, doch noch das Blatt wenden zu können, um die Katastrophe zu verhindern, werden die Verbliebenen auch große Angst ums sich selbst haben. Verdrängen sie diese? Überschlagen sich die Ereignisse so sehr, dass keiner von ihnen Zeit hat, über sich selbst und die persönlichen Konsequenzen nachzudenken? Wie lange greifen solche Verdrängungsmechanismen?

Ich glaube, in uns allen ist ein tiefes, elementares Grundgefühl der eigenen „Unverletzlichkeit“ verankert, mit dem wir durchs Leben gehen. Lebensbedrohliches passiert anderen, aber nicht uns selbst. Keiner kann sich vorstellen, wie sein eigener Tod vonstatten geht – vielleicht hat ein jeder gedankliche Vorstellungen, aber ein Gefühl dazu gibt es nicht. Die Angst, die wir eventuell bei diesem Thema spüren, ist lediglich Erwartungsangst (eine Art verzerrte Befürchtung ohne persönliche, realistische Fundierung) und damit wieder eine Projektion alter, unbearbeiteter, eigener Erfahrungen. Wie sich der Tod anfühlt bzw. was man ganz persönlich empfindet, wenn man ihm „in die Augen sieht“, können wir erst begreifen und nachvollziehen, wenn wir aufgrund eines Unfalls, einer Naturkatastrophe, einer Gewalttat oder einer schweren Krankheit auf dieser Schwelle stehen.

Vielleicht ist es deshalb so schwer, eine wirklich offene und vorbehaltlose Diskussion zum Thema Kernkraftnutzung zu führen und damit darüber, was wir uns als Gesellschaft leisten wollen und welchen Preis wir dafür bereit sind zu zahlen. Und so makaber es klingt, vielleicht ist das einzig „Gute“ an dem sich abzeichnenden Super-GAU in Japan, dass wir alle im medialen Zeitalter von Anbeginn bis zum Ende „live“ dabei sein werden und sich dabei bei uns „Ersatz“-Emotionen verankern können. Ich hoffe, sie helfen uns, uns verdrängungs- und dogmenfrei der notwendigen Diskussion über die Erzeugung von und den Umgang mit Energie sowie über die Entsorgung und alle (!) damit verbundenen Nebenkosten zu stellen. Ich wünsche mir, dass uns dies vor allem in der Breite der Bevölkerung gelingt.

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