CIT-Consult Emotion-Blog

Glückspilz oder Pechvogel – wir haben die Wahl

22.09.2011 von: Paula Bemmann-Wöschler

Es gibt Menschen, zu denen ich eindeutig nicht gehöre, die tatsächlich glauben, vom Schicksal besonders begünstigt zu sein. Sie gehen in ihrem Traumberuf auf, erfreuen sich bester Gesundheit, bewegen sich in einem tollen Freundeskreis und  haben auch noch ihren Traumpartner gefunden. Alles, was sie anfassen, scheint sich in Gold zu verwandeln, sie strahlen eine Zufriedenheit aus, dass mir schlecht werden könnte – zumindest an Tagen wie heute.

Heute hatte ich schon üble Laune, bevor ich überhaupt richtig erwachte. Meine Blase schrie nach Entleerung, der Rest von mir nach Weiterschlafen. Beide meiner Grundbedürfnisse lieferten sich einen erbitterten, gefühlt stundenlangen, Kampf bis ich mich ergab und zum Klo tapste. Danach war ich zwar wieder entspannt, aber an Schlaf war nicht mehr zu denken. Keine meiner bevorzugten Schlafpositionen half mir wieder einzuschlummern. Ich hasse solche Morgen, an denen ich nicht einmal selbst entscheiden kann, wann ich aufstehen will!

Kurz vorm Weckerklingeln muss es mir wohl doch gelungen sein. Wie toll! Aus dem beginnenden Tiefschlaf abrupt aufgeweckt zu werden ist ganz besonders schön! Dann habe ich so einen Schädel, als hätte jemand diesen mit dem Vorschlaghammer malträtiert. Ein strahlend glückliches Gesicht erhebt sich neben mir. Das hat mir jetzt gerade noch gefehlt! Ich habe jetzt gar keine Lust auf das Teilen von Vorfreude auf diesen Tag. Ich knurre vor mich hin, murmle was von Hormonen und deute an, später zu folgen.

Mit vorgezogenen Schultern, gesenktem Kopf und herunter gezogenen Mundwinkeln schleppe ich mich nach angebrannten Toast und zu dünn geratenem Kaffee in mein Büro. Diese Körperhaltung hilft mir, ganz bei mir und meinem schlechten Gefühl zu bleiben. Außerdem muss ich dann niemanden grüßen. Sozialkontakt würde mich jetzt nur ablenken, denn ich nutze den kurzen Gang, um mich auf den heutigen Horrortag kognitiv optimal vorzubereiten: Zuerst will mich ein Kunde wegen meines Angebotes anrufen. Was der wohl wieder zu bemäkeln hat! Wahrscheinlich will er wie alle mehr für weniger Preis. Ich hasse diese Preishehlereien und wenn ich es mir recht überlege, brauche ich überhaupt diesen Auftrag? Danach habe ich noch eine riesige Anrufliste. Gerade heute! Ich habe überhaupt keine Lust zum Reden, schon gar keine Lust, anderen und ihren Arbeitsaufträgen hinterher zu telefonieren! Warum verteile ich eigentlich Unteraufträge, wenn ich dann doch die halbe Zeit hinterher sein muss! Ach ja, das habe ich fast vergessen. Die Krönung kommt noch: Ich muss ja noch einen Artikel schreiben zum Thema „Glück“. Ich habe es immer schon gewusst – die Welt hasst mich! Ich bin und bleibe einfach ein Pechvogel…

„Moment mal!“, meldet sich zaghaft ein hageres Stimmchen in mir, „so eindeutig kann man das jetzt auch nicht sagen.“ Ich überlege kurz, und muss mir Recht geben. Vor zwei Monaten beim Ja-Wort überflutete mich plötzlich so eine ungeheure Dankbarkeit. Ich war so glücklich, zu meinem Mann „Ja.“ zu sagen. Und das in aller Öffentlichkeit, sogar mit fester, sicherer Stimme. Und dann erst unsere Hochzeitsfeier mit all unseren Freunden auf der Alm in den Bergen. Auf der Wiese zu stehen, uns unsere Liebe zu zeigen, zu versprechen, sie nicht zu vergessen und unser Glück mit allen um uns herum teilen zu können. Ich habe mich so getragen gefühlt von unserer Liebe und von der Liebe zwischen uns allen, Familie, Freunde. Kleinere Pannen ignorierte ich einfach. Ich hatte sowieso das Gefühl, dass alles richtig ist. Selbst wenn es geregnet hätte, es wäre mir egal gewesen. Oh Mann, ich musste was richtig gemacht haben im Leben. Alle unsere Freunde waren gekommen. Keiner hatte abgesagt. Die Sonne umarmte mich, ach was, alle umarmten mich, die ganze Welt liebte mich! Ich schwebte wie auf Wolken. Ich fühlte mich als absoluter Glückspilz!

„Was'n nu. Glückspilz oder Pechvogel?“ – Oooh, können innere Stimmchen nerven! Was weiß ich! Mein altes Thema – ich lass mich nicht gern festlegen. Irgendwie bin ich so dazwischen. Aber auf keinen Fall durchschnittlich! Eher mit dem Potenzial für beides. Es soll ja zu 50% mit den Genen zu tun haben, unser Glücksempfinden, die anderen 50% sind Erziehung und Erfahrung. Da hatte ich sowohl Glück als auch Pech. Jeweils eine Optimistin und einen Pessimisten als Elternteil. Genetisch und erzieherisch wurde mir also die ganze Bandbreite zuteil. Wenn das kein Fingerzeig auf einen riesigen Gestaltungsspielraum ist.

Ich kann das Verharren in meiner üblen Laune und meinem Pessimismus als Ausrede benutzen, stehen zu bleiben, anderen oder mir Schuld zu geben und alles hinzuschmeißen. Ich kann meine Gefühle aber auch beeinflussen, mich schütteln, wie die Tiere das nach einer Gefahr machen, um ihre Angst loszuwerden, und mich an einen Glücksmoment erinnern oder auf etwas Schönes konzentrieren.

Ich kann aber auch in meinen schlechten Gefühlen eine zeitlang verweilen, um heraus zu finden, auf welche Disbalance in meinem Leben sie mich hinweisen wollen: Was passt nicht mehr für mich, was stört, was fehlt?

Und dann kann ich entscheiden, ob ich sage:
„Scheiße, es liegt nur an mir!“ oder „Ja, es liegt nur an mir!“

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