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COVID-19 – Wie uns die Krise verändern kann

24.03.2020 von: Michael Blochberger

Was wurde unsere Welt in letzter Zeit von Krisen erschüttert: Krieg in Syrien, ein Trump als US-Präsident, Flüchtlingsdrama in Europa, Brexit in der EU, rechtsradikaler Terrorismus in Deutschland, politisches Theater in Thüringen und über allem der drohende Klimawandel... Wer wollte da nicht an der fehlenden Vernunft verzweifelt? Wie oft mussten wir fürchten, dass wir dabei sind, unsere Welt ins Chaos zu stürzen? Schlimmer konnte es kaum kommen. Doch dann kam COVID-19...

Ein neues, aggressives Virus zwingt die ganze Welt innerhalb weniger Wochen in die Knie. Nahezu hilflos müssen wir zusehen, wie eine weltweite Pandemie, die schon mit der Pest oder der Spanischen Grippe verglichen wird, alles auf den Kopf stellt. Wirtschaftsinteressen? Präsidentschaftswahlkampf in USA? Brexit? Finanzkrise? Schwarze Null? Alles Schnee von gestern! Plötzlich geht es nicht mehr um Einzelinteressen, sondern darum, Menschenleben zu retten. Und weil wir keine anderen Mittel haben, uns vor dem unbekannten Feind zu schützen, wird das öffentliche Leben zunehmend eingeschränkt. Wir werden gezwungen uns zurückzuziehen und uns auf uns selbst zu besinnen.

Diese Krise hat eine neue, uns bisher unbekannte Dimension. Nicht, weil sie die ganze Welt betrifft, sondern weil der Feind nicht greifbar ist. Wir können niemanden dafür verantwortlich machen. Das Virus macht an keiner Grenze halt. Macht keinen Unterschied zwischen Nationalitäten. Zwischen arm und reich. Zwischen Christen und Moslems.

Noch scheint die Situation all jene zu überfordern, die gerne polarisieren, die immer jemandem die Schuld geben müssen. COVID-19 ist eine globale Bedrohung, die niemand verhindern konnte, weil wir kein Gegenmittel besitzen. Wir können sie nicht bekämpfen, indem wir Krieg führen, Grenzen schließen oder Menschen verurteilen. Es gibt nur einen Weg sie zu besiegen:

Solidarität und Verantwortung

Weltweit sind Ärzte, Pflegekräfte und andere Dienstleister im Dauereinsatz, um Erkrankte zu pflegen und zigtausende Menschenleben zu retten. Aber die explodierenden Fallzahlen überlasten schon jetzt unsere Ressourcen. Wir alle sind angehalten, unsere persönlichen Interessen zurückzustellen und mitzuhelfen, dass die Infektionsraten nicht weiter steigen, nur so können die Krankenhäuser ihre Kapazitäten ausbauen und unser Gesundheitssystem bewahren.

Einer Gesellschaft die zunehmend von Rücksichtslosigkeit, Egoismus, Gier und exzessivem Verhalten getrieben scheint, kann es nur gut tun, wenn wir für einige Monate auf Partys, Kino- und Stadionbesuche, Urlaubsreisen oder zwanghafte Geselligkeit verzichten müssen. Die Pandemie verordnet uns eine Auszeit von aller Hektik und Oberflächlichkeit. Wir sollten diese Chance nutzen, um einmal zur Ruhe und mit uns selbst ins Reine zu kommen.

Das Virus lehrt uns, wie verletzlich und voneinander abhängig wir doch alle sind. Unsere Gesellschaft wird von dem Pflichtbewusstsein und dem Idealismus unzähliger Mitmenschen getragen. Ohne Ärzte, Pfleger, Politiker und Ordnungshüter müsste unsere Gemeinschaft an der Pandemie zerbrechen. Jetzt ist nicht die Zeit für Corona-Partys. Jetzt ist die Zeit gekommen uns in Solidarität und Dankbarkeit zu üben. Und wenn es dir an der Kasse im Supermarkt gelingt, dein Unwohlsein abzuschütteln und der Kassiererin mit Wertschätzung zu begegnen, weil sie sich für uns täglich großer Ansteckungsgefahr aussetzt, kannst du vielleicht spüren, wie sich eine solidarische Gemeinschaft anfühlt.

Not macht erfinderisch, heißt es. Vielleicht haben wir einen so radikalen Einschnitt gebraucht, um endlich unsere Komfortzone zu verlassen und wieder mehr Hilfsbereitschaft und Kreativität ausleben zu können? Fast scheint es so:

  • Überall finden sich Angebote zur Nachbarschaftshilfe z.B. zur Besorgung von Lebensmitteln und Medikamenten
  • Nach dem Vorbild Italiens organisieren sich die Menschen, um von ihren Balkonen und Fenstern gemeinsam zu musizieren, zu singen oder ihre Dankbarkeit zu zeigen
  • Unter Schirmherrschaft der Regierung nahmen 43.000 Hacker an dem 'Hackathon' #WirvsVirus teil, in dem über 1.000 digitale Lösungen im Kampf gegen das Virus entstanden
  • Unzählige Freiwillige helfen im Krankenhaus, auf Pflegestationen, in der Logistik oder in der Produktion von Hygieneartikeln aus

So auch unser Sohn, der im Rahmen seines Medizinstudiums eigentlich sein Erasmussemester im spanischen Alicante absolvieren sollte. Als Anfang März der dortige Universitätsbetrieb eingestellt wurde und ausländischen Studenten empfohlen wird, Spanien zu verlassen, kam er zurück nach Deutschland. Aber auch hier sind Unis und Schulen inzwischen geschlossen. Also hat er den umliegenden Krankenhäusern seine Hilfe angeboten und wird in der Notaufnahme eingesetzt um Ärzte und Pflegekräfte zu entlasten.

Demokratie und Glaubwürdigkeit

Bis vor wenigen Wochen schien die Politik ausschließlich mit Machtspielchen, Lobbyismus und dem Kleinkrieg um einen sinnvollen Einsatz von Steuermitteln beschäftigt. Seit Ausbrechen der Pandemie scheint das Geschichte. Plötzlich ist es möglich, übers Wochenende zu gemeinsamen Entscheidungen zu kommen. Plötzlich spielt Geld keine Rolle mehr und Gesetze, die man sich jahrelang nicht mal zu fordern getraut hat, werden in kürzester Zeit verabschiedet.

COVID-19 zwingt die Politik dazu, Verantwortung zu übernehmen und viele Politiker nutzen ihre Chance. Endlich ist ein großes Thema gefunden, das alle vereint und das man gemeinsam bewältigen muss. Plötzlich geht es nicht mehr um wirtschaftliche Interessen, sondern um die Gesundheit unserer Nation! Und die Politik gewinnt ihre Autorität zurück. Die Entscheidungen bringen notwendige Einschränkung mit sich, aber sie sind glaubwürdig. Sie sind nachvollziehbar, weil sie ehrlich und transparent kommuniziert werden. Deshalb werden sie auch die notwendige Akzeptanz in der Bevölkerung finden.

Aber COVID-19 wird unsere Welt verändern. Viele unserer Mitmenschen werden noch ihr Leben verlieren – selbst wenn unser Gesundheitssystem dem enormen Druck standhalten sollte. Aber noch mehr Menschen werden unter den wirtschaftlichen Folgen zu leiden haben, müssen finanzielle Opfer bringen oder verlieren ihre berufliche Existenz, damit wir alle möglichst viele Menschenleben retten können. Das kann zur Zerreißprobe für unsere Demokratie werden, wenn die Politik ihre Mittel falsch einsetzt und versagt.

Ich bin aber optimistisch, dass unsere politischen Kräfte die Chance nutzen werden, um unsere Demokratie zu stärken und die Spaltung unserer Gesellschaft zu überwinden. In der Not werden wir bereit sein, zusammenzurücken und glaubwürdigen Krisenmanager(inne)n zu folgen. Denn eines zeigt sich schon jetzt: Mit Ignoranz und Lügen ist COVID-19 nicht zu stoppen. Populisten und Nationalisten machen weltweit zur Zeit keine gute Figur. Und am Ende wird die Krise helfen, die politische Spreu vom Weizen zu trennen, denn die vielen Opfer werden nicht vergessen.

Werte und Gemeinschaft

Wie wird unsere Gesellschaft nach COVID-19 aussehen? Dazu können wir nur Vermutungen anstellen, aber sicher scheint, dass die Pandemie unser Miteinander verändern wird. Fast jeder von uns wird es als Einschnitt in sein Leben in Erinnerung behalten. Entweder weil wir liebe Mitmenschen in der Familie oder im Bekanntenkreis verloren haben oder weil wir materielle Opfer bringen mussten. Das wird Spuren in unserer Einstellung und unserem Verhalten hinterlassen.

Ich hoffe, dass diese weltweite Katastrophe uns bewusst machen kann, dass Respekt, Solidarität und Hilfsbereitschaft wichtiger sind als Geld, Gier und Profit. Vielleicht nutzen wir diese Chance, die Prioritäten in unserem Alltag ein wenig zu verschieben? Weg von Konkurrenz, Kampf und Macht hin zu mehr Bescheidenheit, Dankbarkeit und Gemeinschaft?

Ich würde mir wünschen, dass die Berufe, die unser Leben schützen, in Zukunft mehr Anerkennung erfahren (auch finanziell) als die Berufe, die mit unserem Geld spekulieren. Ich würde mir wünschen, dass unsere Krankenhäuser für ihre Leistung unterstützt und belohnt werden, statt Hilfsbereitschaft betriebswirtschaftlich wegzurationalisieren. Und ich würde mir wünschen, dass die Politik ihrer sozialen Verantwortung wieder gerecht wird und die Werte vorlebt, die unsere Gemeinschaft zusammen halten. Dann waren die vielen Opfer vielleicht nicht umsonst...

 

Foto: Andreas Hermsdorf_pixelio.de

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