CIT-Consult Emotion-Blog

Der Tank ist leer – Anspruch und Wirklichkeit

16.09.2019 von: Michael Blochberger

Eigentlich wollten wir den Spätsommer in Deutschland verbringen, da kommt von der spanischen Verwalterin unseres Hauses auf La Palma die Hiobsbotschaft: Der Wassertank ist leer, die Gartenpumpe zieht Luft und der Wasserstand im Pool ist so niedrig, dass auch die Umwälzung gestört ist. Und das 14 Tage bevor sich die nächsten Gäste angekündigt haben! Auf die Distanz ist niemand bereit zu helfen. Also fliegen wir kurzfristig auf die Kanaren, um das Probleme zu lösen.

Vor Ort stellen wir fest, dass viel zu wenig Wasser im Tank ankommt. Auf unsere Beschwerde hin erhalten wir die Auskunft: Aufgrund des trockenen Sommers stünde nur noch sehr wenig Wasser zur Verfügung. Also sind wir gezwungen, die Gartenbewässerung abzustellen, um das Restwasser für Haus und Pool nutzen zu können. Wir beginnen, Spül- und Duschwasser aufzufangen, um damit zumindest die jungen Pflanzen wässern zu können. Und ich spüre, wie mich das Thema zunehmend nervt...

Wir erkundigen uns beim Amt für Wasserrechte und erhalten eine etwas positivere Nachricht: zur Zeit werden knapp drei Viertel der vereinbarten Wassermenge geliefert. Wir bekommen aber nur 50%. Wo sind die restlichen 25% geblieben? Unsere Verwalterin rät uns, selbst die benötigten Wasserrechte in Form von Aktien zu kaufen, statt diese nur zu mieten und uns damit aus der Abhängigkeit der Vermieter zu befreien, die ihren Wasserbedarf jeder Zeit auf unsere Kosten erhöhen könnten.

Ich war immer der Meinung, dass die Zeit, in der Kriege geführt wurden, um sich Wasserrechte zu sichern, vorbei sei. Jetzt werde ich eines Besseren belehrt! Die Kanarischen Inseln sind zwar Teil der EU, aber sie liegen schon recht nah am Äquator und mit steigenden Temperaturen wächst auch hier der Wert des Wasser. In den Städten und Siedlungen kontrolliert der Staat die Verteilung des Stadtwassers. Auf dem Land aber liegen die Wasserrechte in privater Hand und werden über Aktiengesellschaften vertrieben. Für die Kontrolle der Verteilung sorgen "Ombudsmänner", die (wie im Mittelalter) den Schlüssel zu den Verteilerkästen haben. Und mit denen solltest du dich gut stellen.

Für jemanden wie mich, der es gewohnt ist auf sein Recht zu pochen, ist es schwer zu ertragen, mich auf solch archaischen Verteilerkämpfe einlassen zu müssen. Aber dieser Kampf ist Teil unserer Realität. Und er wird zum Symbol für die Spaltung unserer Welt: In den Subtropen der Kanaren trifft der verschwenderische Luxus der Industrieländer auf die klimageschädigte, ressourcenarme Natur der südlichen Welt. Und dort, wo es keinen Überfluss mehr gibt, gibt es keine Gerechtigkeit, sondern es gilt das Recht des Stärkeren und Mächtigen.

Aber was schert das den verwöhnten Touristen? Er erwartet ein perfekt eingerichtetes Ferienhaus auf einem gepflegten und begrünten Grundstück mit einem sauberen, beheizten Pool vorzufinden! Dafür zahlt er einen guten Preis und er möchte nicht wissen, welcher enormen Ressourcen und Arbeitszeit es bedarf, um ihm diesen Luxus bieten zu können. Er möchte nicht erfahren, dass man mit dem Inhalt seines Pools ein Dorf in Afrika mehrere Monate mit Trinkwasser versorgen könnte! Er möchte sich erholen und für ein paar Wochen den Alltag vergessen.

Ja, auch unsere Gäste haben das Recht, so zu denken! Und ich stecke in der Zwickmühle, denn ich persönlich bin dafür verantwortlich, dass ihre Erwartungen erfüllt werden und sie sich hier wohl fühlen. Das heißt, ich muss mich dem hiesigen Verteilerkampf stellen, obwohl mir die Methoden zuwider sind.

Wo liegt die nachhaltige Lösung im Spannungsfeld zwischen diesen Welten?

  1.  Mit dem Kauf von Wasseraktien (für horrende fünfstellige Beträge) könnten wir uns auf die Seite des Kapitals schlagen und dem Trugbild eines luxuriösen Paradieses die notwendige Sicherheit geben. Das hieße, noch mehr Geld zu investieren, in der Hoffnung, für eine gewisse Zeit den Verteilungskampf zu gewinnen – wohl wissend, dass es ein Spiel auf Zeit ist.
  2. Wir könnten taktieren: Zum Beispiel einen Tankwagen voll Wasser bestellen, um für ein oder zwei Wochen Ruhe zu haben. Wir könnten dem Wasservermieter mit juristischen Schritten drohen (ohne große Aussicht auf Erfolg). Wir könnten weitere Lieferanten ausfindig machen, um Alternativen zu haben. Wir könnten die entscheidenden Personen ausfindig machen, um mehr Einfluss auf die Verteilungsprozess zu bekommen. Lauter Handlungen, die viel Zeit in Anspruch nehmen, ohne eine dauerhafte Lösung zu bieten. Und keine stellt mich wirklich zufrieden.
  3. Wir können aber auch aus der Not eine Tugend machen und nach Wegen suchen, um zukünftige Gäste während ihres Luxusurlaubs über das Spannungsfeld zwischen diesen Welten aufzuklären:
  • Wir können Gästen im Haus das Sammeln von Brauchwasser ermöglichen, um damit eigenhändig die Blumen, Stauden und Bäume begießen zu können.
  • Wir können einen Coaching-Urlaub anbieten, mit täglicher Gartenarbeit bei freier Kost und Logie.
  • Wir können in einer alten Bodega eine schlichte Schlafgelegenheit einrichten, in der man für eine Nacht das bescheidene Leben ohne fließend Wasser und Toilettenspülung genießen kann – in gesunder Distanz zu Luxusvilla und Pool.
  • Wir wollen niemandem den Spaß nehmen, täglich in diesen sauberen Pool springen zu können. Aber es sollte mit Demut geschehen, mit dem Bewusstsein, dass 90% der Weltbevölkerung sich wünschen, einmal so viel sauberes Trinkwasser zur Verfügung zu haben.

Je länger ich mich mit diesen Gedanken beschäftige, unseren Gästen vor Ort den Kontrast zwischen den Welten erlebbar zu machen, desto mehr kann ich mich entspannen. Ich habe das Gefühl, dass das für uns die nachhaltigste Lösung ist. Nicht nur, weil sie beide Seiten zulässt ohne zu bewerten, sondern weil wir in diesem Haus allen eine Chance geben, sich neu zu erleben: Sie können jederzeit wählen zwischen Fülle und Bescheidenheit, zwischen Technik und Natur, zwischen Individualität und Gemeinschaftsinn. Ein Urlaub der Erkenntnis, der uns befreien kann von maßlosen Ansprüchen, uns dafür aber zufrieden und natürlich sein lässt.

Foto: Jürgen Acker_pixelio.de

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