CIT-Consult Emotion-Blog

Resonanz braucht Glaubwürdigkeit und Mitgefühl

27.05.2019 von: Michael Blochberger

Vor wenigen Monaten waren wir zum Vortrag eines namhaften Referenten eingeladen. Es ging um das Thema "Persönlichkeit und Motivation" und ich freute mich auf eine spannende und rhetorisch anspruchsvolle Präsentation. Durch seinen humorvollen Einstieg hatte er schnell die volle Aufmerksamkeit seines Publikums und gab uns dann einen offenherzigen Einblick in seine persönliche Biografie.

In geschliffener Sprache erzählte unser Referent von einem schweren Schicksalsschlag, der ihn und seine Familie vor einigen Jahren dermaßen erschütterte hatte, dass seine private und berufliche Existenz gefährdet waren. Um sein Leben wieder in den Griff zu bekommen und seine Ehe zu retten, suchte er Rat von außen, berichtete über die vielen kleinen Erfahrungen und Erkenntnisse, die ihm wieder Zuversicht und Lebensmut gegeben haben und ihn zu dem haben werden lassen, der er heute sei: Ein Mensch, der sein Leben voller Dankbarkeit anzunehmen wüsste. Ein Mensch, der immer motiviert sei, weil er mit den wirklich wichtigen Dingen zufrieden sei: Liebe, Vertrauen und den Glauben an Gott.

Im Saal konnte man eine Stecknadel fallen hören, so offen und empathisch lauschten wir seinen Worten. Er hatte unsere Herzen angesprochen und wir suchten in Resonanz zu gehen, um das was er beschrieb nachzuspüren. Aber er zeigte seine Gefühle nicht. So sehr wir uns auch anstrengten, er war nicht bereit, uns an seinem Schmerz, seiner Trauer, seinen Ängsten teilhaben zu lassen. Unser Mitgefühl wurde nicht belohnt. Stattdessen begann er, über seine neuen Glaubenssätze zu referieren. Sachlich. Strukturiert. Lehrmeisterlich.

Wir Zuhörer waren irritiert. Was stimmte da nicht? Inhaltlich war nichts gegen seine Thesen einzuwenden. Aber konnten wir ihm trauen? Seine Worte und seine Geschichte fanden in seinem Ausdruck, seiner Mimik, seiner Körpersprache keine Bestätigung. In der Rolle des erfolgreichen Marketingprofis fand er nicht zum Herzen, konnte mit uns nicht in Resonanz treten. War seine Geschichte vielleicht nur erfunden? Oder sollte sie nur dazu dienen, uns Zuhörer gewogen zu machen? Wir wurden misstrauisch. Und so kam es, wie es kommen musste.

Als unser Referent empfahl, jeden Tag 100 Seiten aus Sachbüchern zu konsumieren, um seine Persönlichkeit zu entwickeln, kamen die ersten Lacher: "Lesen allein verändert gar nichts!" kam es aus dem psychologisch erfahrenen Publikum. "Ohne körperliches Erleben ist keine Persönlichkeitsentwicklung möglich." Man konnte spüren, wie die Autorität auf der Bühne schwand. Der Referent war auf eine solche Diskussion nicht vorbereitet und begann, seine Aussagen zu relativieren. Er hatte sein Publikum weitgehend verloren, versuchte Haltung zu bewahren und sein Referat strukturiert zu Ende zu bringen. Wir war ihm gnädig gestimmt und verabschiedete ihn mit höflichem Beifall.

Was können wir aus dieser Geschichte lernen?

Zum besseren Verständnis der geschilderten Ereignisse kann die Mehrabian-Studie dienen, in der vor 50 Jahren belegt wurde, dass wir nur zu 7% dem gesprochenen Wort vertrauen, aber zu 38% der Stimme und zu 55% der Mimik. In der Praxis heißt das: Wenn wir zweifeln, ob wir einer Botschaft glauben können, weil Inhalt, Stimmklang und Mimik nicht im Einklang sind, vertrauen wir lieber den Signalen des Körpers als dem Gesagten.

Im Falle unseres Referenten hatte uns seine dramatische Geschichte verbal erreicht. Aber weder in der Stimme noch in der Mimik kamen die geschilderten Gefühle zum Ausdruck. Sein Gesamtbild war nicht kongruent und das machte uns misstrauisch und wachsam. Man legt dann jedes Wort auf die Goldwaage und sucht nach weiteren Widersprüchen, um sicher zu gehen. Dann kann ein einziges unpassendes Statement zu Widerstand oder Verweigerung führen (wie die Leseempfehlung in unserem Beispiel), denn mangelnde Glaubwürdigkeit zerstört Vertrauen.

Wenn ich also Menschen zu führen oder zu überzeugen habe (als Führungskraft, Berater oder Trainer), ist meine Authentizität ein entscheidender Faktor für den Erfolg. Nur wie kann ich erfahren, ob ich ich in Wort, Stimme und Mimik kongruent auftrete? Wann bin ich authentisch, wann nicht? Über andere können wir uns schnell ein Bild machen. Uns selbst können wir als Ganzes nie von außen beobachten. Wir sind also auf Feedbacks von Mitmenschen angewiesen.

Nur dumm, dass wir im privaten wie beruflichen Umfeld selten ein objektives Feedback erhalten. Weil bestehende Beziehung gegenseitige Gewohnheiten und Abhängigkeiten mit sich bringen, sind solche Rückmeldungen selten nützlich und ehrlich. Schließlich will man niemandem zu nahe treten. Besser ist es, sich sein Feedback in losen Interessengemeinschaften zu holen, die für solche Themen offen sind, ohne dass Abhängigkeiten existieren. Solche Treffen finden zum Beispiel bei SinnStifter e.V. statt.

Noch professioneller kann ich Selbst- und Fremdbild abgleichen, indem ich ein Persönlichkeitstraining besuche, das Glaubwürdigkeit, Authentizität und Emotionale Intelligenz zum Thema hat. In solchen Seminaren habe ich die Chance, mich in unterschiedlichen Settings, Auftritten und Präsentationen zu beweisen. Ich bekomme immer wieder Feedback von den anderen Teilnehmern, den Trainern und über Videoanalysen. Das ist so vielschichtig, dass ich nach wenigen Tagen erkenne, welchen Rahmen ich benötige, um bei mir zu bleiben und echt zu sein. Und ich erfahre, wann ich beginne eine Rolle zu spielen und warum das so ist.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass oft negative Erfahrungen und Ängste die Ursachen für solch falsche Rollenspiele sind. Der Wert von Trainings und persönlichkeitsfördernden Ausbildungen liegt darin, Ängste zu erkennen und anzunehmen, neue positive Erfahrungen zu machen und Selbstbewusstsein zu entwickeln. Und gerade wenn ich Persönlichkeitstrainer/in werden will, muss ich die Tiefen meiner Biografie durchleuchtet und mich von psychischem Ballast befreit haben, um gut geerdet zu sein und die Themen meiner Klienten auffangen und klären zu können.

Wenn es mir nicht gelingt, meine eigenen Ängste als Teil meines Wesens zu akzeptieren, kann ich nicht wertfrei mit meinen Mitmenschen in Resonanz treten. Ich kann für andere Menschen kein Mitgefühl entwickeln, ihnen nicht helfen, über ihren Schatten zu springen und über sich selbst hinauszuwachsen. Unserer Referent war noch nicht so weit, sich an solch anspruchsvolle Aufgabe zu wagen. Deshalb kann ich ihn nur einladen, selbst die Erfahrung zu machen, wie stark es sich anfühlt, vor Fremden seine Gefühle zu zeigen. Drei oder vier Tage genügen, um dir diese Welt zu öffnen.

"Kein Mensch kann das beim anderen sehen und verstehen, was er nicht selbst erlebt hat." Hermann Hesse.

 

Foto: getty-images

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