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Demokratie und Streitkultur

23.01.2018 von: Michael Blochberger

Mit großem Interesse habe ich die Auseinandersetzungen in der SPD über den Wert der Sondierungsgespräche zur GroKo verfolgt, die am Sonntag auf dem Parteitag in Bonn ihren Höhepunkt fand. Wann haben wir es das letzte Mal erlebt, dass über 600 Politiker so lebendig für ihre Überzeugung eintreten? Wann haben deutsche Politiker öffentlich so engagiert für ihre Ziele und Lösungswege gerungen?

Seit Jahrzehnten vermisse ich die ehrliche Auseinandersetzung um unterschiedliche politische Ziele in Deutschland. Nach 8 Jahren Großer Koalition und 12 Jahren Angela Merkel scheint Politik nur noch verwaltet zu werden. Entscheidungen finden weitgehend hinter verschlossenen Türen statt und werden uns oft als "alternativlos" verkauft – eine Floskel, die jedem gesellschaftlichen Diskurs endgültig den Todesstoß versetzt.

Der Widerstand in der SPD gegen ein "Weiter-so" ist das erste Lebenszeichen einer Partei, die manche schon auf dem Scheiterhaufen der Geschichte wähnen. Dass die Basis sich endlich mal gegen den Parteivorstand zu Wort meldet, gibt mir Hoffnung, dass sich gerade bei den jüngeren Mitgliedern ein neues politisches Bewusstsein entwickelt. Politik ist eben nicht alternativlos, sondern braucht eine Streitkultur, in der unterschiedliche Ansichten und Lösungsansätze diskutiert werden, um notwendige gesellschaftliche Reformen zu verwirklichen. Demokratie braucht Auseinandersetzung, um überleben zu können. Das müssen nicht nur die Politiker sondern wir alle wieder lernen.

Was mich aber besonders erschreckt, ist die Häme, mit der der politische Gegner und weite Teile der Presse einen zutiefst demokratischen Entscheidungsprozess überziehen: Da ist von "Zwergenaufstand", von "Spaltungsprozess der SPD" oder "tiefer Zerrissenheit" die Rede. Ein verzweifelter Versuch, davon abzulenken, dass Politik zu einer Kultur der faulen Kompromisse verkommen ist. Konträre Meinungen und faire, lebendige Auseinandersetzungen werden als Störung empfunden! Armut, Ungerechtigkeiten und soziale Probleme werden ausgeblendet. Die zunehmende Spaltung der Gesellschaft wird unter den Teppich gekehrt.

Wo bleibt unser Verständnis von Demokratie?

Verstehen die Politiker sich noch als ehrliche Interessenvertreter des Volkes? Oder geht es nur noch um das Vermarkten von Wirtschaftsinteressen an eine verblendete, "bewusstlose" Wählerschaft? Da, wo eine politische Diskussion aufblüht, wird sie im Keim erstickt und mit Verachtung bestraft. Die Politik hat weitgehend den Kontakt zur Basis verloren und hat es versäumt, für eine breite Bildung und entsprechend politisches Bewusstsein zu sorgen. Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung ist so groß, dass ein rechtsradikaler Haufen enttäuschter Politiker wie die der AfD bei der Bundestagswahl 12,6% der Stimmen auf sich vereinigen konnten, weil sie widersprechen, ohne wirkliche Alternativen zu bieten.

Aber der Erfolg der AfD ist mehr als das Ergebnis einer weichgespülten Politik. Er ist vor allem Ausdruck einer gespaltenen, in weiten Teilen unpolitischen Gesellschaft, die auch 85 Jahre nach den Wahlerfolgen der NSDAP für billige Rhetorik und Angstmache empfänglich ist. Es zeigt sich, dass unsere Gesellschaft trotz unserer Geschichte, trotz politischer Bildung und demokratischer Erziehung sich von Angst und Hass leiten lässt.

Trotz finanziellen Wohlstands und weitgehend funktionierender Sozialsysteme fühlen sich viele Menschen unserer materialistischen Leistungsgesellschaft stark verunsichert. Geld, Besitz und Leistungsfähigkeit regieren unsere Welt. Und je mehr wir uns darauf fokussieren, desto stärker gehen die Werte verloren, die uns Halt und Sicherheit geben können: Gemeinschaft, Vertrauen, Gerechtigkeit, Solidarität, Verantwortung, Bewusstsein oder Freiheit.

Es geht uns ja nicht um Parteipolitik, es geht uns um die Erhaltung gemeinschaftlicher Werte und letztendlich um das Überleben der Demokratie! Wir können nicht der Politik allein dafür die Verantwortung überlassen. Wir alle nehmen mit unserem alltäglichen Verhalten Einfluss auf unser Miteinander. Je mehr wir uns für die uns wichtigen Werte einsetzen, desto realer wird die Chance, dass die Politik darauf reagiert.

Was wir für unsere Gesellschaft tun können

1. Gemeinschaftssinn entwickeln

Auf sich selbst gestellt wird jeder von uns zum Opfer der äußeren Bedingungen. Wenn wir etwas verändern wollen, sollten wir lernen, unseren Egoismus zu überwinden. Ein erster Schritt wäre, uns mit Gleichgesinnten zusammenzutun, um unsere Interessen gemeinsam zu verfolgen. Ob in der freiwilligen Feuerwehr, dem Sportverein, einer Partei oder einer wohltätigen Organisation. Es gibt eine Vielfalt von Möglichkeiten, sich zu engagieren und Gemeinschaftssinn zu entwickeln. Und wer in keiner Organisation seine Interessen vertreten sieht, der gründet seinen eigenen Verein, so wie wir es mit den SinnStiftern getan haben.

Das Miteinander in einer solchen Gemeinschaft ist ein phantastisches Übungsfeld, um seine emotionale Intelligenz, seine Empathie und seine Teamfähigkeit zu entwickeln. Es beginnt mit der Bereitschaft, den anderen zuzuhören, ihre Andersartigkeit zu akzeptieren, Vertrauen zu entwickeln, sich fair mit ihnen auseinanderzusetzen und im Team die eigene Begrenztheit zu überwinden. In der kleinen Gemeinschaft können wir lernen das zu leben, was wir uns in der großen Gesellschaft wüschen.

2. Solidarität und Verantwortungsbewusstsein

Jede Gemeinschaft lebt von der Solidarität ihrer Mitglieder und deren Vertrauen in die gemeinsame Sache. Dieses Vertrauen entwickelt sich, indem wir Verantwortung übernehmen und uns für die gemeinsamen Ideen engagieren. Wer Verantwortung übernimmt, wird zum Vorbild für andere, ganz unabhängig von seiner offiziellen Position. Deshalb bietet jede Gemeinschaft die Chance, an Führungsaufgaben zu wachsen und den Führungsstil zu entwickeln, der möglichst vielen Menschen gerecht wird. Denn in einer ideellen Gemeinschaft geht es mehr darum, in ein emotionales Miteinander zu investieren. Ganz anders als in einem betriebswirtschaftlich geführten Unternehmen, wo man den kurzfristigen Gewinnversprechen hinterher jagt und der Mensch nur zählt, solange er funktioniert.

In einer kleinen Gemeinschaft Verantwortung zu übernehmen, kann in puncto Menschenführung ein sehr konstruktiver Lernprozess sein. Denn es geht viel mehr darum, andere zu überzeugen, statt sich (wie im Unternehmen) aufgrund einer (Macht)Position durchzusetzen. Wer von seinem Arbeitgeber keine emotionalen Führungstrainings finanziert bekommt, hat so immer die Chance, selbst an der guten Sache zu wachsen.  
 
3. Freiheit, Charakterbildung, Selbstbewusstsein

Viele Arbeitnehmer fühlen sich aufgrund finanzieller Abhängigkeiten im Hamsterrad der beruflichen Verpflichtungen gefangen. Leistungsdruck, Existenzangst oder Anspruchsdenken machen es ihnen schwer, sich privat zu verwirklichen oder berufliche Erfüllung zu finden. Viele Menschen sind durch Schule, Ausbildung oder Studium in einem Beruf gelandet, der sie nicht befriedigt. Sie kennen ihre eigenen Begabungen nicht oder sehen keine Chancen, diese zu entwickeln. Von einem falsch verstandenen Bildungssystem wurden sie gedrillt zu funktionieren.

Unserer aller Aufgabe sollte es sein, uns gegenseitig Mut zu machen, uns aus unseren Abhängigkeiten zu befreien und charakterlich zu reifen. Über Hobbys und Interessen können wir uns neue Impulse geben und unsere Chancen dort suchen, wo wir unsere Berufung sehen. Es gilt, über den eigenen Tellerrand zu schauen und uns in Interessengemeinschaften zu finden, in denen wir uns gegenseitig inspirieren und ein wertschätzendes Miteinander pflegen können. Jenseits des Materiellen gilt es, Menschen Sicherheit und Vertrauen zu schenken.

Wir brauchen eine lebendige, flexible und offene Gesellschaft, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern. Wir werden alternative Wege finden und neue Visionen entwickeln müssen. Jeder braucht dazu ein hohes Maß an Selbstbewusstsein, innerer Sicherheit, Mut und Konfliktbereitschaft. Ohne gegenseitige Hilfe und gesellschaftlichen Zusammenhalt wird das nicht gehen. Durch die politischen Realitäten der letzten Jahre (wie Trump, Brexit, AfD und Euro-Krise) sollte uns bewusst geworden sein, welche Risiken wir eingehen, wenn wir unseren Zusammenhalt verspielen. Wenn wir ehrlich zu uns sind, haben die meisten von uns die Zeit und das Geld dazu, in Gemeinschaft zu investieren und etwas dafür zu tun. Es ist nur eine Frage der Prioritäten, die wir setzen.

Mir scheint die Zeit reif, diese Prioritäten zu überdenken. Vielleicht war die Auseinandersetzungen in der SPD so etwas wie ein Signal zum Aufbruch.

 

Foto: Maria Lanznaster_pixelio.de

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