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Minimalismus – Befreiung aus der Abhängigkeit

15.11.2017 von: Michael Blochberger

Wir leben in einem Land, in dem wir scheinbar alle Möglichkeiten haben, ein freies und glückliches Leben zu führen. Wir haben die Chance, unser Leben nach unseren Bedürfnissen zu gestalten. Der Staat sorgt für unsere Bildung, übernimmt Verantwortung für Renten- und Gesundheitssystem und fördert unzählige soziale und kulturelle Einrichtungen, die uns Lebensqualität versprechen. Trotzdem sind wir selten wirklich frei in unseren Entscheidungen, sondern begeben uns in materielle und ideelle Abhängigkeiten.

Die Ursachen dafür sind so vielfältig, dass ich nur die aufführen möchte, die mir am elementarsten scheinen:

Wir suchen die Gemeinschaft, wollen dazu gehören und glauben, die Ansprüche, Standards und Normen anderer erfüllen zu müssen, um deren Anerkennung zu gewinnen. Das führt zu einem Konsumverhalten, das oft unsere finanziellen Ressourcen übersteigt. Wir entscheiden uns oft nicht für den Beruf, für den wir uns berufen fühlen, sondern den, der die meiste finanzielle und ideelle Anerkennung verspricht. Wir leben auf Pump, begeben uns in finanzielle Abhängigkeit und unterwerfen uns dem Zwang, immer erfolgreicher werden zu müssen, um die fremdbestimmten Ideale finanzieren zu können.

Wir leben in einer materialistischen Gesellschaft, in der Wertschätzung mehr durch materielle Belohnung als durch Lob, Zuwendung und Liebe zum Ausdruck gebracht wird:

  • Die gute Schulnote wird nicht durch eine Umarmung sondern mit einem Geldschein honoriert.
  • Geschenke werden nicht an ihrem liebevollen Engagement sondern nach ihrem materiellen Wert bemessen.
  • Der Ehepartner (m+f) erhöht seinen Wert weniger durch Empathie und Liebesfähigkeit als vielmehr durch seinen materiellen und gesellschaftlichen Status.


Besitz wird zur Währung unseres Selbstwertes. Wir halten an unserem Eigentum fest, weil es unser Ego stützt. Wir verlernen Prioritäten zu setzen und auf Sinnloses zu verzichten. Wir verstopfen unser Leben mit wertlosen Dingen, weil wir uns von Vergangenem nicht trennen können. Bis wir uns selbst die Luft zum Atmen nehmen.

Wir übernehmen keine Verantwortung, Gesundheit, Sicherheit und Bildung haben wir an den Staat delegiert:

  • Für unsere Gesundheit sind weniger Ernährung und Lebenswandel als vielmehr das Gesundheitssystem verantwortlich.
  • Viele vertrauen immer noch darauf, dass ihre Rente sicher ist und lehnen die Verantwortung für eine private Vorsorge ab – bis es zu spät ist.
  • Weiterbildung liegt für die Mehrheit in der Verantwortung von Staat und Arbeitgebern. Diese investieren aber nicht in unsere persönliche Entwicklung! Die Folge ist ein weitgehend mangelhaftes Bewusstsein in weiten Teilen der Bevölkerung. Wir erfahren nicht, welche seelischen Bedürfnisse und Potenziale in uns schlummern und sind gezwungen, unsere innere Freiheit den gesellschaftlichen Normen und Zwängen zu opfern.


Minimalismus als bewusste Methode der Befreiung

"Minimalismus ist die Beschränkung auf das Nötigste und das Wesentliche. Speziell in bildender Kunst, Architektur und Musik beschreibt der Begriff eine Reduktion auf möglichst wenige Elemente und den Verzicht auf schmückendes Beiwerk." (neueswort.de)  

Heute beschreibt der Begriff auch eine Form der Lebensweise, in der man sich bewusst auf die wirklich wichtigen Dinge beschränkt und auf Überflüssiges verzichtet. Das ist nicht gleichzusetzen mit Askese oder Selbstkasteiung. Im Minimalismus geht es vielmehr um die Demut gegenüber dem Wert des Details. Es geht darum, die Qualität einer Sache oder eines Augenblicks wahrzunehmen und zu genießen und sich nicht in der belanglosen Quantität des Konsums zu verlieren.

Minimalismus kann deshalb ein wirkungsvoller und nachhaltiger Ansatz sein, um uns von Zwängen und Normen zu befreien, weil er an den alltäglichen Dingen im Leben ansetzt. Indem wir uns die kleinen Entscheidungen bewusst machen und immer wieder hinterfragen, lernen wir langsam, Schritt für Schritt, unser Bewusstsein für ein selbstbestimmtes Leben zu entwickeln.

Wir lernen, uns von Ballast zu befreien, indem wir erst unseren Schreibtisch, später den Kleiderschrank und irgendwann die ganze Wohnung aufräumen und alle Dinge, die wir nicht mehr nutzen, aussortieren. Das, worauf wir eventuell einmal zurückgreifen müssen, kommt in den Keller oder ins Archiv. Das, was wir nicht mehr benötigen, wird entsorgt, gespendet oder verkauft. Das kann und sollte nicht alles auf einmal geschehen. Besser ist es, sich alle Wochen einen kleinen Teil vorzunehmen und die Prozedur bewusst als Trennungs-Ritual zu gestalten. So, dass wir es nicht als Belastung, sondern als Befreiungsakt erleben können.

Auch ungenutzte Mitgliedschaften, Versicherungen oder Zeitschriften-Abonnements können so hinterfragt werden: Was ist für mich notwendig? Und worauf kann und will ich verzichten? Und mit jeder Kündigung erfahre ich ein Mehr an Freiheit und weniger Verpflichtungen. Mein Schreibtisch ist aufgeräumt. Meine Wohnung lebt von wenigen sinnvoll genutzten Möbeln und meine Seele ist frei von Belastungen.

Wir lernen loszulassen und auf unnützen Konsum zu verzichten, indem wir uns bei jeder Kaufentscheidung bewusst machen, ob und wofür wir den Gegenstand benötigen – ganz gleich, ob es sich um ein Kleidungsstücks, ein Kosmetikprodukt, eine Reise oder ein Möbelstück handelt: Ist mir die Sache den Preis wert? Kann ich mich in einigen Monaten noch darüber freuen? Und worauf will ich für diese Anschaffung verzichten? Nur wenn ich auf alle drei Fragen positiv antworten kann, gebe ich mir die Erlaubnis zum Kauf und ersetze damit ein entsprechendes Produkt, das ich nicht mehr benötige. So vermeide ich, dass sich Besitztümer stapeln oder Erinnerungen häufen bis sie zur Belastung werden.

Wir lernen Prioritäten zu setzen. Sobald wir jeden Kaufentscheid als Tauschobjekt zur Verbesserung der Lebensqualität verstehen und nicht als zusätzlichen Erwerb, sind wir gezwungen zu reflektieren, was uns wirklich wichtiger ist: Benötigen wir das neue Smartphone oder sind wir mit dem alten Modell noch zufrieden? Ist es sinnvoller, mein Geld in einen neuen Laptop zu investieren oder in eine Urlaubsreise? Die bewusste Entscheidung zwischen Alternativen hilft, dem Leben die Bedeutung zu geben, die mir wichtig ist. Und mit jeder kleinen Entscheidung stärke ich meine Zufriedenheit. Glück ist nämlich abhängig von dem Gefühl, das Richtige getan zu haben und nicht von der Menge der Konsumartikel.

Wie im Konsum gibt es auch am Arbeitsplatz immer mehr zu tun, als wir uns leisten können. Deshalb können wir das Modell des Priorisierens auch auf den Arbeitsalltag übertragen. Auch hier muss ich den Aufgaben Priorität geben, von denen mein Erfolg und mein Wohlergehen am meisten abhängt. Wer versucht, immer alles zu tun, weil es eilig scheint, ohne den Wert der Aufgabe zu hinterfragen, macht sich zum abhängigen "Verbraucher" seiner Arbeitszeit. Wer sich auf die entscheidenden Herausforderungen zu konzentrieren weiß, wird zum selbstbestimmten Gestalter seines Lebens.

Wir lernen, uns von äußeren Einflüssen zu distanzieren. Indem wir uns regelmäßig hinterfragen, bevor wir uns zum Kauf entscheiden, richten wir unseren Blick nach innen, um in uns hineinzuhorchen, was uns persönlich wichtig ist. So haben wir die Gelegenheit zu erkennen, dass wir uns oft nur von außen zum Kauf genötigt fühlen. Gerade waren wir mit unserem Auto noch zufrieden, aber jetzt, wo der Nachbar einen neuen SUV fährt... Wie oft verschulden wir uns, weil wir glauben, damit unser Ego oder ein anderes unerfülltes Bedürfnis befriedigen zu können? Doch diese Hoffnung ist trügerisch und will wenig später aufs Neue befriedigt werden. Im Minimalismus liegt die Chance, uns von Werbung, Public Relation und Statusdenken zu distanzieren und falschen Versprechen nicht mehr auf den Leim zu gehen.

Wir lernen, Verantwortung für uns selbst zu übernehmen. Minimalismus ist eine kreative Kunst des Erwachsenwerdens. Der Verzicht auf den Konsum von sinnlosem Beiwerk kann zu einem Reifeprozess führen, in dem wir die frei werdenden finanziellen Ressourcen in Dinge investieren, die uns wirklich wichtig sind: in finanzielle Sicherheiten, in soziale Projekte oder in unsere persönliche Entwicklung.

 

Foto: twinlili_pixelio.de

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