CIT-Consult Emotion-Blog

Kindergarten für Erwachsene!

13.06.2017 von: Michael Blochberger

Weiterbildung ist und bleibt die Entscheidung des Arbeitgebers, das belegt eine aktuelle Studie der Hochschule für angewandtes Management (HAM). Zwar sind 83,7% der Arbeitgeber an Weiterbildung interessiert, aber nur ganz wenige wären bereit, sich an den Kosten zu beteiligen. Zwei Drittel der Veranstaltungen werden vom Arbeitgeber empfohlen. Davon sind 57% interne Schulungen, zu 40% werden externe Seminare besucht. Zahlen und Sprache machen deutlich: Die fachliche Qualifizierung steht im Fokus. Die Entwicklung emotionaler und sozialer Kompetenzen kommt zu kurz, obwohl wir durch die jährliche Gallup Studie wissen, wie schlecht es um die intrinsische Motivation und die Identifikation der deutschen Arbeitnehmer bestellt ist.

Trotz ausgesprochen mäßiger Erfolge in der Personalentwicklung und trotz neuer Erkenntnisse der Neurowissenschaften glaubt man bis heute daran, Menschen verändern zu können, indem man sie mit noch mehr Wissen vollstopft oder ihnen Techniken beibringt, um ihren wahren Charakter zu überspielen.

Aber jeder Psychologe kann bestätigen, dass unsere emotionalen Verhaltensmuster in den ersten Jahren der Kindheit durch die Erziehung und frühe Erfahrungen geprägt werden. Alle kindlichen Erlebnisse, Momente der Zuwendung oder Ablehnung, Siege und Niederlagen, Freude und Schmerzen sind im Lymbischen System, unserem emotionalen Gehirn, als prägende Erfahrung gespeichert.

Immer wenn es kritisch wird, in herausfordernden Situationen, in Konflikten, unter Stress oder in Krisen verlieren wir die intellektuelle Kontrolle über unser Handeln. Ohne dass es uns bewusst werden muss, übernimmt unser emotionales Unterbewusstsein die Regie und wir fallen zurück in unser kindliches Verhalten. Wir reagieren so, wie wir als Kinder sein mussten, um akzeptiert zu werden, um Zuwendung und Liebe zu erhalten oder unseren Willen zu bekommen. Wir schreien oder jammern, suchen Hilfe, resignieren, versuchen etwas besser oder schneller zu machen.

Zu vielen intellektuellen Kompetenzen fehlt uns in solchen Momenten der Zugang, weil wir uns nicht mehr frei fühlen, sondern emotional getrieben. Wir überreagieren statt Lösungen zu suchen. Gefährden durch unser Verhalten oft auch das Vertrauen in unsere Person.

Alle Varianten dieser emotionalen Überforderungen erleben wir täglich am Arbeitsplatz. Jeder von uns hat mit seinen eigenen, ganz individuellen Mustern zu kämpfen und könnte eine professionelle Unterstützung durch den Arbeitgeber gut gebrauchen. Die Wenigsten erhalten diese. Die Mehrzahl der Unternehmen erkennt das Problem gar nicht und setzt auf noch mehr Wissensvermittlung – fordert mehr Leistung und fördert am falschen Ende.

In den wenigen Organisationen, in denen die Personalentwicklung psychologische Verantwortung übernimmt, haben Führungskräfte und Leistungsträger die Chance auf einen Coach. Eine solche professionelle Begleitung kann helfen, eine neue Einstellung zu Konflikten oder Krisen zu finden, nur sind solche Prozesse oft langwierig und wenig nachhaltig. Vor allem, wenn es dem Coach nicht gestattet ist, auf die Persönlichkeitsebene des Klienten einzugehen.

Nach meinen Erfahrungen sind die meisten Menschen auf der Gesprächsebene nicht zu entwickeln oder zu therapieren. Man kann ihnen Mut machen, ihnen einen Spiegel vorhalten, ihnen Alternativen aufzeigen. Grundlegende Veränderungen werden aber erst möglich, indem man sie anleitet, neue Erfahrungen zu machen. Jeder Mensch, der in seiner Kindheit einseitig geprägt wurde (und das sind wir mehr oder weniger alle), kann seine Persönlichkeit nur vervollständigen, indem er neue, alternative  Erfahrungen sammelt, die seinen alten Mustern widersprechen. Erst das intensive Erleben, dass ich mehrere Verhaltens- und Einstellungsmuster beherrsche und erfolgreich anwenden kann, gibt mir die emotionale Sicherheit frei zu wählen.

Solche tiefen Erfahrungen sind im Coaching ganz selten zu erreichen. Viel leichter fällt das in gruppendynamischen, erlebnisorientierten Trainings, wo die Feedbacks der anderen Teilnehmer die Selbstreflexion unterstützen und verstärken. Ich bin ein großer Freund dieser Methodik, weil ich während meiner dreijährigen Trainerausbildung selbst erlebt habe, welche intensiven Selbsterkenntnisse und Entwicklungsprozesse möglich sind. Oft genügt eine kurze, unscheinbare Übung, um eine falsche Einstellung zu erkennen, zu revidieren und dich von jahrelangem Leiden zu befreien. In diesen Jahren meiner Entwicklung ist mir aufgefallen, wie wenig diese Erkenntnisprozesse mit Lernen und Wissen zu tun haben. Die entscheidenden Momente waren Augenblicke des "Begreifens", Momente der intuitiven Erkenntnis, die ich erst im zweiten Schritt intellektuell verstehen und relativieren konnte.

Aus dieser meiner Erfahrung entstand das Bedürfnis, Management-Trainings zu entwickeln, um Leistungsträger und Führungskräfte in eine spielerische Erlebniswelt zurückzuführen. Diese Methode ist so einfach wie zielführend: Erst im scheinbar simplen Spiel sind wir bereit, unsere Selbstkontrolle und Verhaltensnormen abzulegen und zu unserem wahren Wesenskern vorzustoßen. Im hemmungslosen Wettstreit und stresssimulierenden Spielen entdecken wir unsere Ängste, kommen wir an unsere Grenzen und zeigen wir unseren Charakter. Was im Stress des Alltags untergeht, kommt im geschützten Rahmen der kleinen Gruppe ans Tageslicht, wird mit Leichtigkeit thematisiert und mit Freude überwunden. Und dieser Erkenntnisprozess ist ansteckend, weil er Spaß und Erleichterung verschafft. Ein Kick jagt den nächsten, bis die Gruppe auf einer Welle der Euphorie schwimmt. Dann geht es nur noch darum, diese Energie in den Alltag zu transferieren und die Veränderung konsequent umzusetzen. Mit oder ohne begleitendes Coaching.

Wer einmal erlebt hat, wie wertvoll und effizient solche Trainings sind, der möchte nie mehr mit einem dieser langweiligen, sinnentleerten Seminare mit Referenten, PowerPoint und Flipchart bestraft werden. Es ist ja auch psychologisch nachvollziehbar: Wenn wir etwas verändern wollen, das in der Kindheit entstanden ist, müssen wir auf die damalige Lernmethodik zurückgreifen, und die war spielerisch, lust- und körperbetont. In dieser Zeit waren wir besonders aufnahmebereit und lernwillig, ohne dass der Verstand dazu viel beitragen konnte.

Eine Teilnehmerin sagte mal zu mir: "Was du da machst, ist Kindergarten für Erwachsene." Das war vielleicht das treffendste Feedback, das ich je erhalten habe.

 

Dazu passende Beiträge:

Den eigenen Charakter verstehen

Persönlichkeit und Aggression Teil 1: Der Choleriker

Persönlichkeit und Aggression Teil 2: Der Zwanghafte

Persönlichkeit und Aggression Teil 3: Der Depressive

Persönlichkeit und Aggression Teil 4: Der Schizoide

 

facebook twitter

Kommentare