CIT-Consult Emotion-Blog

Bildung: Vom Gehorsam zur Selbstverantwortung

19.04.2017 von: Michael Blochberger

An meine letzten Jahre vor dem Abitur habe ich viele gute Erinnerungen. Die damalige Schulreform gab uns erstmals die Chance, die Fächer und Lehrer zu wählen, die unseren Bedürfnissen entsprachen. Nach Jahren der Anpassung und Quälerei empfand ich es als eine Befreiung, den eigenen Interessen nachzugehen und in Kursen mit Gleichgesinnten meine Neugier und meinen Wissensdurst zu befriedigen. Das gab mir den Raum, mich auszuprobieren und erste berufliche Interessen zu entwickeln. Mit dem Abitur hatte ich einen klaren Berufswunsch, den ich im Studium, im Angestelltenverhältnis und in der Selbständigkeit 25 Jahre lang von ganzem Herzen realisiert habe. Und wie ist es heute?

Das heutige Schulsystem lässt den Kindern kaum noch Raum für eine selbstbestimmte Entwicklung. Vollgestopfte Lehrpläne, die G8-Komprimierung und die oft überzogenen Ansprüche der Eltern degradieren die Kinder zu zwanghaften Lernmaschinen, die sinnfreies Wissen ansammeln, um fragwürdige Normen zu erfüllen. Der Abi-Schnitt wird zum Non plus Ultra, der über die Zugangsberechtigung für die begehrten Studiengänge entscheidet, die doch für die spätere Karriere so wichtig scheinen!

Praktische Erfahrungen sammeln? Die eigenen Bedürfnisse wecken? Die emotionale Kompetenzen entdecken? Die eigene Persönlichkeit entwickeln? Dafür bleibt keine Zeit! Schon lange geht es nicht mehr darum, dass sich junge Menschen finden können, sondern darum, Schüler an ein System anzupassen, in dem sie zu funktionieren haben. Unabhängig von ihren Neigungen, Interessen und schlummernden Fähigkeiten geht es um Anpassung – nicht um persönliche Entwicklung.

Im Bekanntenkreis unseres Sohnes, bei den Kindern im Freundeskreis und im Coaching begegnen mir die Opfer dieser Entwicklung: Hilflose junge Menschen, die keine Vorstellung von ihrer Zukunft haben, die mutlos Ausbildungen oder Praktika abbrechen, ohne innere Überzeugung ein Studium beginnen oder vor lauter Lebensangst abhängen und sich aufgeben.

Da ist eine Freundin unseres Sohnes, die unbedingt Innenarchitektur studieren will. Aber schon während des ersten Praktikums muss sie erfahren, wie schwierig es ist, in diesem Beruf sinnvolle Perspektiven zu entwickeln. Da sie sich nicht vorstellen kann, später als Küchenberaterin oder Möbelverkäuferin in einem Kaufhaus zu enden, bricht sie kurzerhand ihr Studium ab und beginnt, in einer Boutique zu jobben. Ein Jahr später hat sie noch keine Alternative gefunden, hofft auf Impulse von außen und droht in Gelegenheitsjobs hängen zu bleiben.

Da ist der überforderte Student, der im dritten Studium scheitert, weil er nicht motiviert ist, sondern vom Vater dazu gezwungen wurde. Im Coaching gelingt es mir schnell, seinen wahren Interessen und Fähigkeiten auf den Grund zu gehen, ihm Mut zu machen und neue Perspektiven zu entwickeln. Viel schwerer ist es, diesem jungen Menschen zu helfen, die Schmach der Niederlage abzuschütteln, sich von den falschen Erwartungen des Vaters zu befreien und endlich Eigeninitiative für seinen Lebensweg zu entwickeln.

Da ist der Sohn im Freundeskreis, der sich aufgrund seiner Interessen für ein Studium zum Mediendesigner entschieden hat. Als seine Eltern von den schwierigen beruflichen Perspektiven erfahren, schüren sie in wochenlanger Kleinarbeit seine Zukunftsängste und überreden ihn schließlich dazu, Zahnmedizin zu studieren, damit er später einmal die Praxis des Vaters übernehmen kann. Ohne innere Überzeugung ist er den Anforderungen im Grundstudium aber nicht gewachsen. Er erleidet einen Nervenzusammenbruch und bricht sein Studium ab. Mit Hilfe des Uni-Psychologen und einer Professorin gelingt es, ihn wieder aufzubauen und zur Fortsetzung seines Studiums zu überreden. Er fügt sich den Ansprüchen der Erwachsenen ohne seine eigenen Bedürfnisse ausprobiert und gelebt zu haben. Schon vor Berufseintritt sind die Voraussetzungen gegeben, dass er einmal im Burn-out endet.  

Drei Beispiele von tausenden, die zeigen, wie schlecht unsere Kindern auf das Leben vorbereitet sind. Wie selten wir ihnen die Chance geben, ihre eigenen Erfahrungen zu machen. Wie oft wir ihnen keine Hilfe sind, sondern sie bevormunden. Dabei stehen uns alle wirtschaftlichen Ressourcen zur Verfügung, um den jungen Menschen den Raum zu geben, sich auszuprobieren, scheitern zu lernen und zu lernen, sich durchzubeißen. Was uns persönlich oft fehlt, ist die Geduld und das Vertrauen in die jungen Menschen. Und das nicht nur im Privaten, sondern auf allen Ebenen.

Eltern und Familie

Eltern müssen lernen, ihre Kinder und deren Bedürfnisse ernst zu nehmen. Damit ist nicht gemeint, sie während der Schulzeit zu verwöhnen, sie ständig zu beaufsichtigen oder ihnen alle Entscheidungen abzunehmen. Es geht darum, für ihre Entwicklung die Verantwortung zu übernehmen, ihnen die Chance zu geben, unterschiedliche Erfahrungen zu machen, damit sie aus ihren Fehlern lernen können. Es geht darum, den Kindern die Zeit zu lassen sich auszuprobieren, sie zum differenziertem Denken anzuregen, ihnen Vorbild zu sein, ohne über sie zu bestimmen. Eine verantwortungsvolle Erziehung heißt deshalb, den Kindern bedingungslos Liebe, Vertrauen und Wertschätzung entgegenzubringen statt sie leistungs- und erfolgsabhängig zu bewerten.

Jeder junge Mensch hat das Recht, seinen eigenen Lebensweg zu entdecken, den Beruf zu wählen, zu dem er sich berufen fühlt. Denn das wichtigste im Leben ist, sich mit dem zu beschäftigen, aus dem man Freude, Motivation und Bestätigung schöpfen kann. Nicht das angestrebte Gehalt ist entscheidend, sondern die Energie, die ich aus dem ziehen kann, was ich tue. Solange unsere Kinder mit dem zufrieden sind, was sie tun, sollten wir als Eltern uns glücklich schätzen. Es ist ihr Weg zum Glück. Woher nehmen wir das Recht uns einzumischen?

Weil die Welt sich immer schneller dreht, gibt es keine Garantie mehr, dass unsere heutigen Ziele morgen noch Bestand haben. Der Beruf, den wir heute anstreben, kann morgen schon nicht mehr existieren. Um so sinnloser ist es, die Berufswahl unserer Kinder als existenzielle Entscheidung überzubewerten. Viel wichtiger scheint es, unseren Kindern das Vertrauen zu schenken, sich selbst orientieren zu dürfen. Und wenn ihr Berufswunsch sich in der Praxis als wenig attraktiv erweist, dann haben sie die Kompetenz, daran zu wachsen oder sich neu zu orientieren. Die Berufswahl ist eine Entscheidung für einen Lebensabschnitt, nicht fürs ganze Leben.

Schule und Bildung

Es gehört viel Mut und Persönlichkeit dazu, um in unserem heutigen Schulsystem ein guter Lehrer zu sein. Aber es gibt sie, die Lehrer, die den Schülern ein Vorbild sind, die nicht nur den Lehrstoff abarbeiten sondern ihnen helfen, sich im Leben zurecht zu finden. Es kommt schließlich nicht darauf an, jahrelang Wissen anzuhäufen, um irgendwelche Prüfungen zu bestehen, sondern zu lernen, selbständig Probleme zu lösen, Erfahrungen zu sammeln und lebensfähig zu werden.
 
Deshalb ist eine grundlegende Schulreform notwendig, die fächerübergreifend praktische Erfahrungen machen lässt. Im Projektunterricht lernen Kinder dann früh zu kooperieren, im Team zu recherchieren und gemeinsam Lösungen zu erarbeiten. Viel früher als heute könnten Praktika eingebunden und Impulse von außen aufgegriffen werden. Dem Lehrer käme die Rolle eines Mentors zu, der Hilfestellung geben kann und die Schüler individuell beraten und auf Praktika vorbereiten darf. Selbständigkeit und Eigenverantwortung stehen dann im Mittelpunkt der Pädagogik statt Auswendiglernen, Prüfen und Benoten.

Sowohl die Lehrerausbildung wie der hierarchische Aufbau des Bildungssystems mit der Überbewertung intellektueller Studiengänge scheinen mir nicht mehr zeitgemäß. Praxisnahe Bildungswege zum Beispiel für Ingenieure und Handwerker, die mit dem Fachabitur abschließen, wären für viele Schüler eine bessere und lebensnahe Vorbereitung für ihre spätere Karriere. Wenn diese Bildungswege auch die gesellschaftliche Wertschätzung erhalten, die ihnen zustehen, wäre vielen jungen Menschen geholfen. Die Schulzeit wäre nicht mehr vergeudet, sondern würde mehr Kindern Chancen eröffnen.

Politik und Gesellschaft

Wir leben in einer spätkapitalistischen Gesellschaft. Kein Wunder also, dass die Mehrheit aller Bürger Geld und Status in den Mittelpunkt ihres Lebens stellt und sich auf das Anhäufen von Besitz konzentriert. Gesetzgeber und Wirtschaft tun bisher alles dazu, dass es so bleibt und sich weiter verschärft. Leider wird dabei übersehen, dass wir uns zu einer neurotischen Gesellschaft entwickeln, die außer ihren materiellen Bedürfnissen gemeinschaftliche und soziale Werte zu verlieren droht.

Deshalb ist es höchste Zeit, dass Politik und Wirtschaft Rahmenbedingungen schaffen, die es uns erlauben, demokratische Grundwerte wie Gerechtigkeit, Solidarität und Gemeinschaftssinn wieder in den Mittelpunkt unseres Lebens zu stellen. Riskante Börsenspekulationen müssen bestraft und nicht durch Boni belohnt werden. Kapitalerträge sind genauso zu versteuern wie Lohn und Gehalt. Soziale Berufe, die dem Menschen dienen, dürfen nicht schlechter bezahlt werden, als Berufe, die der Vermehrung von Kapital dienen.

Wir haben für unsere jungen Menschen gesellschaftliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die es ihnen ermöglichen, den Beruf zu wählen, der ihnen am Herzen liegt und ihren Fähigkeiten entspricht. Eine Gesellschaft, in der nur der zu Reichtum und Ansehen gelangen kann, der sich (gegen seine innerste Einstellung) dem Geld und der Gier unterwerfen muss, verspielt ihren Zusammenhalt und ihre Zukunft. Und das wollen wir unseren Kindern doch nicht antun!

Workshops zum Thema auf den SinnStifter-Tagen.


Photo: Stephanie Hofschlaeger_pixelio.de

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