CIT-Consult Emotion-Blog

Wir wachsen an dem, was weh tut

27.02.2017 von: Michael Blochberger

Mit 23 Jahren hatte ich mein Studium zum Kommunikationsdesigner als einer der Besten des Jahrgangs abgeschlossen. Auf Empfehlung meines Profs bewarb ich mich im führenden Designbüro der Stadt und bekam ganz unerwartet auf Anhieb den Job. In meiner jugendlichen Euphorie und aller Unerfahrenheit glaubte ich, dass mir jetzt die Welt zu Füßen läge, bis...

bis mich der Praxisschock eiskalt erwischte.

Ich hatte in den Semesterferien regelmäßig gejobt, im Großhandel, in einer Kaffeerösterei oder einer Werbeagentur. Das waren immer neue, sehr bereichernde Erfahrungen für mich, die ich mit Hilfe der fest angestellten Kollegen mit Leichtigkeit erledigte. Ich erfüllte meine Pflichten, hatte viel Spaß an Neuem, konnte nervige Vorgesetzte oder störende Abläufe mit einem Lächeln ertragen. Schließlich war es immer nur für ein paar Wochen.

Mit gleichem Optimismus startete ich an meinem ersten festen Arbeitsplatz. Doch dort war alles anders: Den Chef bekam ich kaum zu Gesicht. Einen direkten Vorgesetzten gab es nicht. Die Person, der ich zuarbeiten sollte, verweigerte die Zusammenarbeit. Statt Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit gab's Distanziertheit und Ablehnung. Ich war geschockt. Teamarbeit Fehlanzeige! Es gab nur einen Haufen von Einzelkämpfern ohne Führung. Aber in meiner Unerfahrenheit war ich ohne Dialog, ohne Feedback, ohne Inspiration von außen kaum in der Lage, befriedigende Arbeit zu leisten.

Wenige Wochen nach meinem Start verließ ausgerechnet der Kollege, der mir am sympathischsten war, das Unternehmen. Und weil niemand anderes da war, wurde ich ins kalte Wasser gestoßen und musste seine Position übernehmen.

Einerseits verstand ich das als Chance mich beweisen zu können, andererseits hatte ich fachlich noch so viel zu lernen, dass ich mit der Projektorganisation und der Kundenbetreuung völlig überfordert war. So musste ich früh die bittere Erfahrung machen, dass ich in der Kundenberatung ohne fundierte Erfahrung nur zum Handlanger der Vorstellungen des Auftraggebers reduziert werde. Das war unbefriedigend und brachte mir dazu noch die Häme der Kollegen ein.

Das Spannungsfeld zwischen Leistungsdruck, eigenem Anspruch und mangelnder Unterstützung wirkte sich bald auf meine Gesundheit aus. Grippe, Infektionen und Magenprobleme bereiteten mir zunehmend Schmerzen. So unangenehm die Zeit für mich war, bin ich für diese Erfahrung heute sehr dankbar: Ich erkannte, dass ich in diesem Umfeld nicht glücklich werden konnte und mein Schmerz gab mir den Mut zu kündigen und die Flucht nach vorne anzutreten. Ich machte mich selbständig und gründete eine eigene Werbeagentur.

Da stand ich nun ohne Kunden und ohne Sicherheiten vor neuen Herausforderungen: Neben gestalterischen und beratenden Aufgaben durfte ich zusätzlich noch lernen, wie man Neukunden akquiriert, Aufträge kalkuliert, Werbetexte und -konzepte schreibt, Märkte und Zielgruppen analysiert, mit Lieferanten und Mitarbeitern umgeht oder seine Buchhaltung führt.

Hätte ich von der Komplexität dieser Anforderungen im Voraus gewusst, hätte ich mir wohl eine neue Festanstellung gesucht. Vielleicht hätte ich mich an unangenehme Arbeitsumfelder langsam gewöhnt oder auch positivere Erfahrungen gesammelt. Wer weiß, wo ich gelandet und wer ich geworden wäre?

So öffnete sich mir aber eine ganz neue Welt, weit weg von dem, was man heute "Komfortzone" nennt. Jeden Tag wurde ich vor neue Herausforderungen gestellt. Jeden Tag musste ich Entscheidungen fällen, und jede Fehlentscheidung wurde finanziell bestraft: durch Nachbesserung auf meine Kosten, Auftrags- oder Kundenverlust.

Nie wieder in meinem Leben habe ich so Vieles in so kurzer Zeit gelernt. Nie habe ich einen Fehler zweimal gemacht. Schließlich ging es um meine Existenz! Es ging darum, ob ich morgen meine Miete zahlen konnte. Ich war von Angst getrieben, gleichzeitig fühlte ich mich aber auch wie befreit. Ich war niemandem Rechenschaft schuldig, musste mich an keine Arbeitszeiten oder Regeln halten. Konnte mir aussuchen, mit wem ich zusammenarbeiten wollte. Das gab mir eine schier grenzenlose Energie. Ich schmiss mich in jeden Auftrag, als ob's der letzte wäre. Konnte Nächte durcharbeiten ohne schlapp zu machen.

Fast jeder kleine Auftrag wurde für mich zu einem Erfolgserlebnis, das mich weitertrug. Meine Arbeiten wurden besser. Meine erste Anzeigenkampagne wurde zu einem richtigen Erfolg. Das sprach sich rum und andere Kunden wurden auf mich aufmerksam. Ich lernte weiter dazu, engagierte Studenten zur Unterstützung und wuchs so an meinen Aufgaben!

Drei Jahre nach meiner Existenzgründung hatte ich nur noch wenig mit dem verschreckten Berufsanfänger von damals zu tun. Ich war erfolgreicher, unabhängiger, mutiger, optimistischer, kommunikativer und selbstsicherer geworden. Ich hatte in drei Jahren zehn mal mehr bewegt als alle Jahre zuvor. Aber diese Entwicklung war erst der Anfang. Es sollten noch weitere Krisen und Entwicklungsschübe kommen. Im Privaten wie im Beruflichen.

In den ersten Berufsjahren habe ich aber drei Erkenntnisse gewonnen, die mir auch in späteren Krisen geholfen haben:

  1. Wenn du unter etwas leidest, dann ändere es. Wenn du es nicht ändern kannst, dann geh! (Love it, change it or leave it)
  2. Jeder Schmerz, jede Herausforderung, jede Krise ist eine Chance zu wachsen – nutze sie!
  3. Egal wie schlimm es kommt, du findest immer eine Lösung, wenn du mental und finanziell darauf vorbereitet bist!


Heute, als Trainer und Coach begegne ich vielen Menschen, die einen frühen Absprung verpasst haben. Viele haben sich daran gewöhnt zu leiden. Viele beziehen ein Gehalt, das sie als "Schmerzensgeld" bezeichnen. Damit haben sie sich ihre private Komfortzone gebastelt, in der sie es mehr oder weniger gut aushalten. Manche träumen von einem Neuanfang, einem Beruf, der sie ausfüllt oder der Selbstständigkeit. Aber ihre finanziellen Abhängigkeiten sind oft so hoch, ihre Ansprüche so groß, dass sie das Risiko scheuen.

Irgendwann wird ihr Leid zur Krankheit. Ein Burn-out schmeißt sie aus der Bahn. Oder der Arbeitgeber entscheidet, weil sie nicht den Mut haben es zu tun. Ich kann nur raten: Warte nicht zu lange, sondern mach dich auf die Suche zu dir selbst!

Trainings zum Thema:

Selbstbewusstsein gibt's jenseits der Komfortzone
Mit Gefühl und Empathie zu mehr Erfolg
Der Weg zur authentischen Führungskraft

 

Foto: Rike_pixelio.de

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