CIT-Consult Emotion-Blog

Wertschätzung für die schweigende Mehrheit

15.11.2016 von: Michael Blochberger

In der Nacht vom 8. auf den 9. November schrecke ich aus dem Tiefschlaf auf und schaue auf mein Handy: Es ist 4-Uhr-30 – die aufblitzenden Tweets #USwahl16 flashen unser Schlafzimmer: 04:35 Ohio geht an Trump: 168/131 Wahlmänner für Trump. 04:55 Florida geht an Trump: 197/131. Träume ich das? Oder ist das Realität?

Ich springe aus dem Bett und schalte den Fernseher ein. Auf allen Kanälen fragende Gesichter, hilflose Kommentatoren, verunsicherte Politiker. Mit jedem US-Bundesstaat wird klarer: Trump ist der Sieg nicht mehr zu nehmen. Das Unfassbare ist real geworden: Im Geburtsland der Bürgerrechte wird ein Bauunternehmer ohne jegliche politische Erfahrung trotz seiner rüden Umgangsformen und populistischen Parolen, trotz seiner frauen- und ausländerfeindlichen Äußerungen zum amerikanischen Präsidenten gewählt! Damit hat niemand gerechnet. Selbst Trump scheint auf seinen Sieg nicht vorbereitet.

Wir alle können nur Vermutungen anstellen, was die Wahl Trumps für uns bedeuten wird, denn politisch ist er noch ein unbeschriebenes Blatt. Schließlich besteht die Hoffnung, dass die wirtschaftlichen und weltpolitischen Realitäten den kommenden Präsidenten dazu bewegen werden, einen gemäßigten Weg einzuschlagen. Neben radikalen Beratern soll der diplomatisch versierte bisherige Parteichef Priebus sein zukünftiger Stabschef werden.

Wichtiger als Trump selbst scheint mir aber die Frage, wie ein politisch unerfahrener Unternehmer auf so schockierende Weise das Vertrauen von fast 60 Millionen US-Bürgern gewinnen konnte, indem er die niedrigsten Instinkte der so genannten "schweigenden Mehrheit" ansprach. Trump ist es gelungen, sich zum Sprachrohr des "kleinen (weißen) Mannes" zu machen. Er hat die Ängste und Bedürfnisse der Wähler angesprochen, für die sich die etablierte Politik schon lange nicht mehr interessiert. In seinen Reden gibt er diesen Menschen, die sich oft als Opfer der Globalisierung verstehen, die Hoffnung zurück, indem er deren Wut, Hass und Verachtung in plakativen Politikversprechen zum Ausdruck bringt.

Die Wahl Trumps zeigt uns allen, wie gefährlich es ist, wenn die Politik ihr eigenes Volk nicht mehr ernst nimmt und der Basis die Wertschätzung entsagt. Die "schweigende Mehrheit" wird schnell zum Pulverfass, wenn sie sich missachtet und vergessen fühlt. Welche Kräfte ein Volk entwickeln kann, wenn jemand antritt, der dem kleinen Mann Anerkennung und Stolz zurückzugeben verspricht, das haben die Deutschen schon vor 80 Jahren erfahren müssen. Trump zeigt, dass so etwas auch heute noch möglich ist.

Wir alle, allen voran die Politiker müssen jetzt unsere Lehren daraus ziehen. Nur Donald Trump zu verteufeln kann nicht die Lösung sein. Auch in Deutschland gibt es zu viele unzufriedene (Nicht)Wähler, die sich von der Politik verraten fühlen. Verständlich, denn alle Parteien, die an die Regierung kommen, scheinen sich nur um die Durchsetzung von Wirtschaftsinteressen zu kümmern. Europa schliddert von einer Krise in die nächste. Banken müssen mit Steuergeldern gerettet werden. Gesetze werden von der Industrie diktiert. Unzählige Menschen fliehen vor Krieg und Armut ins reiche Europa. Und für die dringenden sozialen Aufgaben, für Bildungs-, Gesundheits- und Rentenreform fehlt es an Mut und Geld.

Mehr Mut für ein neues Denken

Menschlichkeit und Wertschätzung. Wir alle müssen wieder lernen, die Probleme, Bedürfnisse und Ängste der Menschen ernst zu nehmen. Wer auch für die Verlierer des Systems ein Ohr hat, ihnen Zuwendung, Verständnis und Liebe entgegen bringt, tut etwas für den Zusammenhalt der Gemeinschaft. Papst Franziskus zeigt uns, was in unserer kapitalistischen Gesellschaften zu kurz kommt: Die Zuwendung und Wertschätzung derer, die dem System keinen Nutzen mehr bringen: Alte, Kranke und Arbeitslose. Auch die Politik kann das leisten, aber wir alle sind aufgefordert, mit gutem Beispiel voran zu gehen. In der ehrenamtlichen Hilfe für die Flüchtlinge haben viele gezeigt, wie stark wir als Gemeinschaft sein können.

Gesundheitsreform. Unser Gesundheitssystem wird von der Pharma-Lobby und der Apparatemedizin dominiert. Während die Konzerne fleißig Gewinne machen, werden medizinische und Pflegedienstleistungen im Minutentakt abgerechnet. Die Bedürfnisse und die Würde der Patienten werden dadurch systematisch missachtet. Nur der Opferbereitschaft vieler Ärzte und Pflegekräfte ist es zu verdanken, dass unser Gesundheitswesen noch funktioniert, dass Menschlichkeit und Wertschätzung nicht völlig vor die Hunde gehen. Wir brauchen aber neue Strukturen, die unsere menschlichen Werte stützen und nicht die Gewinnmaximierung der Konzerne.

Bildungsreform und Aufklärung. Nichts scheint so reformbedürftig wie unser Schulsystem: Wie vor 200 Jahren drücken unsere Kinder jahrelang die Schulbank, um im 45-Minuten-Rhythmus Fachwissen eingebläut zu bekommen, das sie in ihrem Leben nie wieder benötigen. In Schule und Studium werden unsere Kinder zum Funktionieren gedrillt, nicht zum eigenen Denken. Eine ungeheure Verschwendung von Ressourcen, wenn man bedenkt, wie die Welt sich verändert hat. Unsere Gesellschaft braucht lebenskundige, junge Menschen voller Selbstverantwortung, Kreativität, Problemlösungs- und Sozialkompetenz, um die Herausforderungen der Zukunft bewältigen zu können. PISA-Spitzenreiter Finnland macht es uns gerade vor, wie eine Bildungsreform aussehen kann: Dort sollen die Schulfächer einfach abgeschafft werden.

Mindestrente und Bedingungsloses Grundeinkommen. In einer Gesellschaft, in der jeder normale Angestellte damit rechnen muss, dass er spätestens mit 50 auf der Straße steht und seine Familie nicht mehr ernähren kann, darf ein Arbeitsloser nicht wie ein Verbrecher behandelt werden. Im System der "Agentur für Arbeit" werden diese Menschen aber gedemütigt und erniedrigt und das zerstört unseren Gemeinschaftssinn. Wie krank ist es, dass jedes Sparguthaben, jede private Rentenvorsorge aufgelöst werden muss, bevor ich ein Recht auf Hartz 4 bekomme? Wie kann es sein, dass Menschen, die 45 Jahre und mehr gearbeitet, Steuern und Sozialabgaben gezahlt haben, von ihrer Rente nicht mehr ihre Miete bezahlen können, während Milliarden für die Verwaltung dieser Gelder verbrannt werden? Ein bedingungsloses Grundeinkommen ist das Minimum an Wertschätzung gegenüber den kleinen Leuten. Hier müssen wir Politik, Wirtschaft und Großverdiener dazu bewegen, die Gelder frei zu geben, bevor unsere Gesellschaft auseinander bricht.

Wir können nur wenig Einfluss auf die bestehenden Parteien, Institutionen und Systeme nehmen. Zu stark sind die Netzwerke der Macht und des Geldes, als dass dort Neues und Soziales entstehen könnte. Aber ich sehe eine Chance, uns für Aufklärung und persönliche Entwicklung zu engagieren. Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung ist groß. In dieser Unzufriedenheit steckt eine große Kraft, die wir gewinnen können, wenn wir den Menschen wieder konstruktive Werte und Wege zur Sinnerfüllung aufzeigen können, bevor sie in Depression oder Aggression abrutschen. Daran sollten wir gemeinsam arbeiten.

Auch wir wollen einen kleinen Teil dazu beitragen, indem wir eine starke Gemeinschaft entstehen lassen, in der wir Menschen in ihrer Entwicklung zu mehr Selbstwert, Selbstverantwortung und Selbstbestimmung unterstützen können. Dazu haben wir im Oktober den gemeinnützigen Verein SinnStifter e.V. ins Leben gerufen, in den sich jeder einbringen kann, um sich mit anderen auszutauschen und voneinander zu lernen.  

"Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt"  hat Mahatma Gandhi einmal gesagt und daran wollen wir uns orientieren. Wenn du helfen willst, unsere Ideen und Visionen umzusetzen, hier kannst du Mitglied werden.

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