CIT-Consult Emotion-Blog

Ich kann unser Gejammere nicht mehr hören!

20.08.2016 von: Michael Blochberger

Mauerbau bei 30 Grad im SchattenDas Timing ist perfekt: Direkt nach dem letzten Coaching-Urlaub kommt der Bauunternehmer mit vier seiner Mitarbeiter, um die sechs Meter hohe Stützmauer unserer Gartenanlage zu verstärken. Eine Woche lang – auch am Samstag und einem Feiertag – verarbeiten sie Tonnen von Felsen und Beton – bei bis zu 30 Grad im Schatten und einer UV-Strahlung von 10 bis 12. Bedingungen, bei denen sich ein normaler Mitteleuropäer nicht mal aus dem Haus traut.

Morgens um 8 Uhr, bevor die Sonne über die Berge schaut, fahren sie an, um die noch morgendliche "Frische" zu nutzen. Noch herrschen angenehme 23 Grad, erst ab 10/11 Uhr wird es heiß. Und gegen 14 Uhr, wenn das Thermometer über 30 Grad steigt, ist Feierabend, denn unter senkrechter Sonne wird schwere körperliche Arbeit völlig unmöglich. Alles geht Schlag auf Schlag: Das Abladen des Baggers, Zement, Kies, der Schalungsbretter und Gerüste. Alle sind auf selbstverständliche Weise in Bewegung. Trotz der körperlich hohen Belastung scheint sich keiner gestresst zu fühlen. Es wird gelacht und gescherzt, ohne die Arbeit zu unterbrechen. Der Chef ist dabei und packt mit an, koordiniert und motiviert, obwohl er körperlich deutlich angeschlagen ist. Sein Gang zeugt von schmerzhafter Arthrose in Hüfte und Knien. (Seit ein paar Monaten kann ich ahnen, welche Schmerzen er haben muss.)

Ich erinnere mich noch an alte deutsche Vorurteile von der spanischen Arbeitsmoral: "Mañana, mañana", hieß es da abfällig, weil Spanier nicht zum verabredeten Termin erschienen, weil sie keine Lust auf Arbeit hatten und alles gerne auf "Morgen" verschieben wollten. Keine Ahnung, ob das jemals eine reale Grundlage hatte. Aber davon ist hier und heute gar nichts mehr zu spüren. Ganz im Gegenteil: Ich habe Hochachtung vor diesen Leuten, die unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen eine so beeindruckende Arbeitsmoral zeigen. Mitten in den Sommerferien ist es für sie nicht selbstverständlich, dass ihr Chef einen solchen Auftrag annimmt: Sie sind freie Mitarbeiter und freuen sich über das unerwartete Einkommen, sind hoch motiviert und haben Spaß an ihrer Arbeit.

Ihre gute Laune wirkt ansteckend auf uns, obwohl wir als verwöhnte Deutsche noch nicht mal mit dem Frühstück fertig sind. Während die Betonmischmaschine in ihrem monotonem Rhythmus vor sich hin jammert und der Bagger auf dem Gelände die größeren Felsbrocken aufsammelt und vor der Mauer ablädt, sitzen wir im Halbschatten des Jacarandabaumes bis Kaffee getrunken und Brötchen verspeist sind. Nur wirklich genießen kann ich mein Frühstück nicht, wenn andere sich auf meine Kosten in der Sonne plagen müssen.

Wenig später treibt mich mein schlechtes Gewissen und ich setze für die Männer vom Bau eine Kanne Espresso auf. "Cinco cafés solos" rufe ich, als ich die 5 kleinen weißen Tassen auf dem Tablett zur Mauer balanciere und werde von strahlenden Gesichtern begrüßt. Gern unterbrechen sie ihre Arbeit, um den starken Kaffee mit viel Zucker zu genießen, bevor es gleich wieder an die Arbeit geht. Diese kleine Geste der Zuwendung nehmen sie mit Freude entgegen.

Schon am nächsten Tag bin ich "El Hombre de Café". Und ich frage mich, was macht den Unterschied, dass diese Menschen, die jeden Tag dafür kämpfen müssen, das Geld zum Überleben zu verdienen, so offenherzig, engagiert und frei von Neid sein können. Sie sind es gewohnt, an ihre Grenzen zu gehen und tun das gerne. Keine Spur von Unzufriedenheit, Überforderung oder Angst. Pünktlich nach 5 Tagen haben sie das Projekt abgeschlossen, verabschieden sich per Handschlag, bedanken sich und grüßen mit "Hasta luego"... bis zum nächsten Auftrag. Sie haben in 5 Tagen 140 Arbeitsstunden geleistet und wenn ich von der Rechnung die üblichen Kosten für Material, Bagger und Maschinen abziehe, wurde uns eine Arbeitsstunde mit ca. 12 Euro berechnet, das heißt, die Mitarbeiter erhalten nicht mal den Mindestlohn – wohlgemerkt: bei einem offiziellen Auftrag, nicht auf Basis von Schwarzarbeit!

Kein deutsches Unternehmen würde damit überleben können und ich kenne keinen Deutschen, der zu diesen Stundensätzen diese Leistung bringen würde.

  • Weil deutsche Unternehmen der wirtschaftliche Einstieg erschwert wird, Rückstellungen, Versicherungen und höheren Abgaben notwendig sind, was die Stundensätze in die Höhe treibt.
  • Weil ein deutscher Bauunternehmer nicht mehr Hand anlegt sondern durch Organisation und Verwaltung ausgelastet ist.
  • Weil es in Deutschland notwendig scheint, sich mit dickem Auto und repräsentativem Büro als erfolgreich darzustellen.
  • Weil ein deutscher Arbeitnehmer nicht mehr bereit ist, an Sonn- und Feiertagen zum normalen Lohn zu arbeiten.
  • Weil wir alle über alle Maßen verwöhnt sind und unseren Lebensstandard als selbstverständlich ansehen.
  • Weil wir in einer Neidgesellschaft leben, in der wir uns immer mit anderen vergleichen müssen.


Aber sind wir damit glücklicher? Ich glaube nicht. Es ist nicht das höhere Gehalt, das größere Auto oder der längere Urlaub, der glücklich macht. Viel wichtiger für ein glückliches Leben scheint mir die Anerkennung im soziale Umfeld, die Wertschätzung im Freundeskreis, die ehrliche Lebensfreude.

Natürlich hat ein spanischer Handwerker niedrigere Lebenshaltungskosten. Er lebt oft in einem familiären Umfeld, das ihm Sicherheit und ein Zuhause gibt. Und der soziale Status spielt hier keine große Rolle. Selbst der Chef kommt im Kleinwagen angefahren und zeigt keine Hemmungen mit anzupacken. Ja, auch er ist von höheren Ansprüchen getrieben, meckert, wenn die Verschalung nicht stabil genug angebracht ist. Aber er agiert auf Augenhöhe, spielt sich nicht auf, schaut nicht auf seine Mitarbeiter herab.

In den meisten deutschen Unternehmen dagegen werden Hierarchien gepflegt. Fühlt sich der Chef häufig als etwas besseres. Lässt andere seine scheinbare Überlegenheit spüren. Ist der normale Mitarbeiter dauerhaft unzufrieden, fühlt sich ausgebeutet, würde lieber heute als morgen aufhören.

Der Durchschnitts-Palmero ist zufrieden, wenn er einen Job mit regelmäßigem Einkommen hat. Er pflegt irgendein Hobby, das ihm noch einen Nebenverdienst ermöglicht, er angelt, jagt Kaninchen oder baut im Garten Gemüse an. Er ist zufrieden, wenn er sich mit Freunden nach Feierabend ein Bierchen leisten kann. Er braucht kein neues dickes Auto, weil man nirgendwo schneller als 60 fährt. Er kann sich mit seiner Arbeit identifizieren, was den meisten Deutschen gänzlich abgeht, obwohl wir wirklich nichts zu ertragen haben. Dafür sind wir Deutschen dauerhaft unzufrieden, meckern auf höchstem Niveau. Warum?

Sind wir einfach zu verwöhnt? Geht es uns zu gut, um unser Leben wieder schätzen zu lernen? Oder ist es das schlechte Wetter, das uns die Stimmung verhagelt? Ich weiß es nicht, bin mir aber sicher, dass wir unser Glück erst wieder entdecken werden, wenn wir den Mut haben, unsere Komfortzone zu verlassen, wenn wir unseren Ängsten wieder begegnen und für die Erfüllung unserer Bedürfnisse wieder leiden lernen.

Von daher scheint mein Workshop auf den SinnStifter-Tagen im Oktober ein passender Schritt zu sein: "Selbstbewusstsein gibt's jenseits der Komfortzone" ist so eine Chance, über unseren verwöhnten Schatten zu springen, um zu neuer Stärke und Zufriedenheit zu finden. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen besinnlichen Spätsommer.

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