CIT-Consult Emotion-Blog

Unser Leben im sozialen Jetlag

14.07.2011 von: Paula Bemmann-Wöschler

Jeden Morgen das gleiche Szenario: Der Wecker klingelt immer um die gleiche Zeit. Mein Freund springt auf, ist voller Energie und Tatendrang und oben drauf auch noch gut gelaunt. Welch ein fulminanter Start in den Tag! Es tut mir fast weh beim Zuschauen. Denn ich quäle mich, verspüre überhaupt keinen Drang aufzustehen. Meine Augen sind wie zugeschweißt, ich fühle mich kraftlos und muss mich aus dem Bett wälzen, sonst schlafe ich sofort wieder ein. Nach Dusche und Kaffee erwachen allmählich meine Lebensgeister. Damit liege ich im Durchschnitt der Deutschen, die täglich kurz vor halb sieben aufstehen, rund zwei Stunden früher als ihr natürlicher Biorhythmus tickt.

Dass es etwas wie eine „innere Uhr“ in uns geben muss, darauf weist schon unser Überleben innerhalb einer Welt hin, die aus vielen natürlichen Rhythmen (also ständiger Veränderung) besteht: Wir haben uns dem Wechsel von Tag und Nacht, den Mondphasen, den vier Jahreszeiten, den Gezeiten, sogar extremen Temperaturschwankungen binnen eines Tages, hervorragend angepasst. Durch ein ausgeklügeltes Zeitsystem ist die innere Uhr des Menschen mit der Dauer einer Erdrotation synchronisiert, im Durchschnitt entspricht dies einem Rhythmus von 24 Stunden und 20 Minuten. Dies regelt ein winzig kleiner zentraler Taktgeber, der gerade einmal so groß wie ein Stecknadelkopf ist, aber immerhin aus einem Gewebe von ca. 20.000 Nervenzellen besteht, die von den Augen ausgehend sich oberhalb der Stelle bündeln, an denen sich die beiden Sehnerven kreuzen. Die Forscher nennen ihn aufgrund seiner Lage „Suprachiasmatischer Nucleus“ (über der Kreuzung liegender Kern), kurz SCN. Dieser hinter den Augen liegende „Big Ben“ unseres inneren Zeitsystems ist mittels feiner Nervenfortsätze mit der Netzhaut der Augen verbunden, um sich so über die Lichtrezeptoren mit der Außenzeit zu synchronisieren. Dadurch nimmt der SCN den Wechsel von Tag und Nacht wahr, was sogar unbewusst bei vielen Blinden funktioniert.

Deutsche Wissenschaftler bewiesen 1960igern Jahren im mittlerweile berühmten Andechser Bunkerexperiment, dass unsere „innere Uhr“ die Synchronisation mit der Erdrotation sogar ohne äußere Zeitgeber beibehält. Mehrere Freiwillige lebten für einige Wochen in zwei Apartments, die in einem Hügel gebaut, mit einer Eingangsschleuse und fensterlosen Wänden versehen sowie mit einem Mantel aus Kupferdrähten umgeben waren. Das Ergebnis: Auch abgeschirmt schliefen alle im Bunker durchschnittlich sieben bis acht Stunden und waren 17-18 Stunden wach – sie pendelten sich auf einen 24-25-Stunden-Rhythmus ein.

Im Selbstversuch erging es mir ähnlich. Während meiner Trainerausbildung hatte ich die Aufgabe 48 Stunden nur bei mir zu sein, in einer mir unbekannten Wohnung, mit Ohrstöpsel und Augenbinde. Der Hintergrund dieser Erfahrung war natürlich nicht die eigene innere Uhr zu spüren, sondern sich einmal nur mit sich selbst auseinander zu setzen, weg vom Außen den Blick nach innen zu kehren. Damals war ich sehr verwundert darüber, dass ich dennoch ein grobes, gutes Zeitgefühl hatte, zweimal ausgiebig schlief und gefühlte ein bis zwei Stunden vor Ende der 48 Stunden wartend wusste, dass die Zeit gleich rum ist. Ohne mir darüber in diesem Moment klar zu werden, hatte ich erlebt, wie 100 Billionen Zellen in mir, einem getakteten, zeitlichen Rhythmus folgten.

Wie ich später las, hatte man Anfang der 1990er Jahre den dafür zugrunde liegenden molekularen Mechanismus entdeckt, der in jeder Körperzelle ein inneres Uhrwerk ticken lässt – eine Art Kreislauf mit Rückkopplungsschleife. Auch etwa 25 „Uhren-Gene“ im menschlichen Erbgut sind mittlerweile bekannt. Alles deutet daraufhin, dass das Prinzip der inneren Uhr so alt wie das Leben selbst ist und uns, wie allen Lebewesen, einen entscheidenden Überlebensvorteil sichert: neben der Anpassung an den Wandel äußerer Bedingungen, können wir denselben auch vorher sehen.

Dummerweise meinen wir Menschen aber, uns auch über unseren Biorhythmus konsequenzlos hinwegsetzen zu können. Wahrscheinlich haben Frühtypen (Menschen wie mein Freund, deren innere Uhr genetisch etwas zu schnell läuft und die daher immer etwas früher dran sind, morgens eher wach werden und schnell aufnahmefähig sind, dafür aber abends früher ermüden) einmal festgelegt, dass Schulen oder Produktionslinien früh am Morgen beginnen müssen. Pech für uns Spättypen, die laut Wissenschaft im Übrigen in Westeuropa in der Mehrzahl sind. Aber damit nicht genug: Die Maschinenauslastung verlangt Schichtarbeit – machen wir! Der Klinikalltag verlangt Rufbereitschaft und ein Durcharbeiten über 48 Stunden – wird gemacht! Die Globalisierung verlangt, diese Woche in New York zu arbeiten, nächste Woche in China, natürlich ohne verlängertes Wochenende zur Umstellung dazwischen – kein Problem! Wir reden uns einfach ein, dass dieses, unser (Arbeits)-Leben entweder hipp und cool ist oder zwangsläufig alternativlos, wollen wir wirtschaftlich erfolgreich sein.

Die Folge ist ein Leben mit täglichen Jetlags. Chronobiologen (Wissenschaftler, die sich mit unseren inneren Uhren beschäftigen) haben dafür den Begriff des „sozialen Jetlags“ erfunden. Sie schätzen, dass die Mehrzahl der Bevölkerung (etwa 66 Prozent) heutzutage von diesem betroffen sind und das dauerhaft über lange Zeiträume hinweg. Schlafstörungen, Depressionen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Fettsucht, Diabetes und eventuell sogar Krebs, aber auch zahlreiche Unfälle wie Tschernobyl oder die Havarie des Öltankers „Exxon Valdez“ gehen auf das Konto eines Lebens am eigenen Biorhythmus vorbei.

Die Chronobiologen träumen von einem „Leben ohne Wecker“, von flexiblen Arbeitszeiten und Rahmenbedingungen, die es jedem ermöglichen, sich mit einem wachen Körper und Geist gewinnbringend in die Arbeitswelt einzubringen. Wie lange wollen wir nur davon träumen? Was hindert eigentlich jeden von uns daran, im Kleinen achtsamer mit uns selbst umzugehen?

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