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Lachend gewinnen - Humor als Unternehmenskultur

15.04.2016 von: Anna Burbach

Lachend gewinnen – das seriöse HumortrainingAB: Herr Blochberger, Sie nutzen in Ihren Humortrainings den Begriff des Lachens. Anfangs dachte ich, Lachen wäre ein Ausdruck von Humor. Als ich dann gelesen habe, das muss gar nicht sein, fand ich das auch nachvollziehbar.

M. Blochberger: Ja, ich nutze Lachen als Oberbegriff, weil er für alle Arten humorvoller Kommunikation steht. Wenn ich die Intensität von Lachen aber als Kriterium für die Qualität von Humor nehme, liege ich falsch. Das lauteste Lachen folgt auf aggressive Witze. Und es ist wunderbar zu spüren, wie weich Lachen werden kann, wenn man zum Humor findet. Also die Qualität des Lachens ist das Entscheidende, daran kann ich erkennen, wieviele Anteile Komik, wieviel Witz und wieviel echter Humor vorhanden sind. Und das ist steigerungsfähig bis zum Galgenhumor, in dem dann der eigene Schmerz verarbeitet wird, und der hat ja keine Feinde. Im Galgenhumor ist die Verbindung zur Komik erkennbar, im Galgenhumor gehe ich wieder in den Tiefstatus. Ich mache den Witz über mich und die unabdingbare Situation, nicht über andere. Wie der Delinquent, der am Montag zur Hinrichtung geführt wird und sagt: „Die Woche fängt ja gut an!“

AB: Nach Ihrer Definition ist Humor also nur ein Teil der drei Elemente des Lachens.

M. Blochberger: Ja, der Oberbegriff ist das Lachen. Darunter ist Humor nur die anspruchsvollste Form des Lachens. Zum Humor kann ich nur finden, wenn mir das Spiel zwischen Komik, Witz und Humor bewusst ist. Humorvolle Führung heißt, dieses Spiel mit diesen drei Elementen zu beherrschen. Die richtige Dosierung im richtigen Moment.

AB: Können Sie nochmal konkret die Vorteile einer humorvollen Kommunikation im Unternehmen benennen, also im Gegensatz zu einer ganz gewöhnlichen?

M. Blochberger: Ja. Lachen macht vieles leichter, wenn man es beherrscht: Mit Komik entspanne ich kritische Situationen und finde zur Gelassenheit zurück. Mit Witz schaffe ich Solidarität und Motivation, solange er sich nicht gegen die eigenen Mitarbeiter und Kollegen richtet. Und mit echtem Humor schaffe ich Vertrauen, Sicherheit und Integration – wenn er von Herzen kommt und sich nicht über andere stellt.

AB: Sie meinen eine Verbundenheit über das gemeinsame Lachen?

M. Blochberger: Ja, Sigmund Freud sagt, der Witz dient dazu, den Frust über unerfüllte Bedürfnisse zu vergessen. Wir lachen mit Gleichgesinnten über andere, um Wut, Trauer und Enttäuschung abzubauen. Humor wird erst daraus, wenn wir unsere Aggression überwunden haben, dem Gegner verzeihen können, ihn wieder ins Team holen, statt ihm zu schaden. Integrieren, liebevolles Verzeihen, das braucht Erfahrung, Reife und Persönlichkeit. Ich muss die eigenen Verletzungen erkannt und verarbeitet haben. Ich muss souverän genug sein, niemanden verletzen zu wollen, auch wenn ich selbst verletzt bin, damit Vertrauen entstehen kann.

AB: Also das sind quasi auch die Vorteile, die humorvolle Kommunikation ins Unternehmen bringt?

M. Blochberger: Lachen ist die wahrscheinlich erfolgreichste Kommunikationsstrategie, weil sie so vielfältig ist. Und wenn man das beherrscht, im richtigen Moment die passende Intervention, dann haben Sie für jede Situation eine humorvolle Bemerkung oder ein nettes Wort auf Lager. Sie beherrschen den Wechsel von Hoch- zu Tiefstatus, je nach Bedarf. Zum Beispiel eine komische Geste: Wenn ein Mitarbeiter sauer auf Sie ist und Sie als Chef gehen in die Komikerrolle und drücken nur durch eine Geste aus: „Ich wollte das nicht, ich bin unschuldig!“ Dann gehen Sie in den Tiefstatus und das verursacht Beißhemmungen. Der Situation wird die Spitze genommen, weil Sie nicht auf Ihrem Status bestehen und Aggressionen vermeiden.

AB: Meine nächste Frage passt total zu ihrem Thema Corporate Identity: Sind Sie der  Meinung, dass Humor auch die Reichweite hat, eine ganze Unternehmenskultur zu verändern? Und wenn ja warum?

M. Blochberger: Ja, ich kenne mehrere Beispiele dafür, dass das Lachen ein ganz wichtiger Aspekt der Unternehmenskultur sein kann, sowohl im positiven als auch im negativen Sinn. Vor einigen Jahren haben sie in der Zentrale eines großen Lebensmittelkonzerns in den USA Humor als neue Führungskompetenz eingeführt. Neben Durchsetzungsfähigkeit, Entscheidungsfähigkeit und anderen Kriterien sollte Humor als zusätzliche Kompetenz für die Auswahl und Entwicklung von Führungskräften gelten. Das lief dann so, dass ein Rundschreiben per Fax an alle Personalabteilung des Konzerns verschickt wurde. Und als das in der deutschen Konzernzentrale eintraf, stellte man sich die Frage: Humor als Führungskompetenz? Was ist das denn? Es gab keine Erklärung, es gab keine Definition.

AB: Das ist schon wieder komisch!

M. Blochberger: Ja. Und dann klingelt bei mir das Telefon: „Sie machen doch Humortrainings? Können Sie mal vorbeikommen?“ Dann haben wir zwei Stunden zusammengesessen und haben die Begriffe definiert und was möglich und nötig wäre, Führungskräfte in Humor zu entwickeln. Im Endeffekt haben sie verstanden, was die Konzernleitung will. Wer sich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzt, weiß, was für ein Potenzial für die Entwicklung von Führungspersönlichkeit darin steckt.

AB: Ja, ich finde das auch so naheliegend, dass es fast schon wieder verrückt ist, darüber überhaupt zu diskutieren!

M. Blochberger: Ja, aber es gibt auch die andere Seite! Ein Unternehmen aus der Automobil-Zulieferer Industrie kam auf uns zu, um für 38 Führungskräfte ein Humortraining zu veranstalten. Sie pflegten eine Lachkultur und wollten das weiterentwickeln. Das Unternehmen war lange Jahre privat geführt worden, 3000 Mitarbeiter an zwei Standorten. Der Inhaber war ein richtiger Patriarch. Er ging jeden Morgen durch den Betrieb, um den Mitarbeitern die Hand zu schütteln. Sehr persönlich, sehr viel Kontakt.

AB: Das ist so eine wichtige Geste, das wird so unterschätzt!

M. Blochberger: Ja, für die Mitarbeiter war er wie ein Vaterersatz. Er gab ihnen Arbeit, ihre Kinder, ihre Enkel, alle arbeiteten dort, der größte Arbeitgeber der Region. Aufgrund der Globalisierung haben dann drei Unternehmensberater das Unternehmen übernommen, die sich für humorvoll hielten. Sie haben durch Witz und Ironie geführt, machten sich über alles und jeden im Betrieb lustig. Wenn ein Mitarbeiter ein Problem hatte, wurde er ausgelacht, innere Haltung: Die sind alle blöd, wir sind die Cracks. Innerhalb von zweieinhalb Jahren haben die drei eine Kultur entwickelt, die auf Ironie und Zynismus basierte. Es herrschte eine latente Angst: Wird über mich gelacht oder darf ich noch mitlachen?

AB: Das ist natürlich eine ganz andere Art zu lachen.

M. Blochberger: Das ist bitterer Witz. Das hat mit Humor nichts zu tun. Der aggressive Witz spaltet in Gut und Böse, ihr seid die Dummen, wir die Guten. Das Ergebnis waren schlechte Zahlen, hohe Krankenstände, steigende Fehlerquoten. Das hat viel Geld gekostet. Und dann kam die Geschäftsleitung und meinte: „Wir müssen was tun! Das Thema interessiert uns.“ Wir haben zusammen mit diesen 38 Führungskräften ein Humor-Training veranstaltet, drei Tage lang. Dabei kam raus, im Witz waren sie klasse, Komik konnten die meisten nicht, und zum Humor gab es überhaupt keine Beziehung. Auch die intellektuelle Bereitschaft, das zu unterscheiden, war nicht gegeben.  Es fehlte an der persönliche Beziehung zu den Kollegen und Mitarbeitern, das Vertrauen, die Sicherheit und die Nähe waren nicht da. Wir haben das dann auf ernsthaftere Weise in Workshops aufgearbeitet. Dieses Unternehmen steht beispielhaft für unsere Gesellschaft: Lachen wird als Chance missverstanden, die eigenen Mobbing-Techniken zu verbessern. Das muss leider als Kernaussage festgehalten werden: Unsere Gesellschaft ist noch nicht reif für echten Humor: Zu groß ist der Drang, andere zu Verlierern zu machen, uns über andere zu erheben, um uns einen Vorteil zu verschaffen.

AB: Aber verrückter Weise untermauert das Ganze trotzdem die Aussage, dass Lachen diese Reichweite hat eine gesamte Unternehmenskultur zu beeinflussen, selbst wenn er negativ oder falsch angewandt wird, oder?

M. Blochberger: Ja, das Lachen hat immer Einfluss auf die Unternehmenskultur. Wenn es im Witz hängen bleibt, sind die Auswirkungen oft negativ. Das Problem ist, dass es zum Humor einer menschlichen Reife bedarf, die viele Führungskräfte nicht mitbringen. Im Lachen liegen das Gute, das Fröhliche und das Gemeine so nah beieinander. Leistungsdruck, Aggression, Wut, Ehrgeiz und Angst sind schlechte Berater auf dem Weg zum echten Humor.

AB: Sind Sie der Meinung, dass jede Führungskraft, egal welchen Stil sie benutzt, Humor anwenden kann, oder sagen Sie bei manchen Führungsstilen, da passt es nicht?

M. Blochberger: Eine autoritäre Führungskraft kann nicht humorvoll sein, weil sie ihren Hochstatus nicht verlassen kann. Erst wenn sie lernt, sich selbst in Zweifel zu ziehen, kann sie zum Humor finden. Humor ist für mich unweigerlich mit dem Wechsel des Führungsstiles verbunden. Nicht von oben herab, sondern auf Augenhöhe kommunizieren und in Krisen auch mal im Tiefstatus.

AB: Und die, die zu Ihnen kommen, mit welcher Erwartung kommen sie, was ist deren Motivation?

M. Blochberger: Die, die privat kommen, wollen etwas für sich tun. Sie wollen Leichtigkeit ins Leben bringen, um mit Problemen besser umgehen zu können und lernen, wie man Einfluss nehmen kann. Im Training wird schnell deutlich, dass viele eingleisig in ihrer Kommunikation sind. Es gibt die, die aus ihrer Komikerrolle nicht rauskommen, die immer mit Albernheit reagieren. Die müssen lernen, über Sprache Position zu beziehen. Oder es gibt die Witze-Macher, die nicht loslassen können. Jeder muss seine Schwachstellen überwinden, um humorvoll werden zu können.

AB: Also das heißt, Humor führt zu sich selbst! Eigentlich ja schön.

M. Blochberger: Ja, wunderbar, ich muss nur offen dafür sein.

AB: Gibt es denn auch Vorbehalte von Seiten der Teilnehmer, die mit Skepsis dort hinkommen?

M. Blochberger: Wer in ein offenes Seminar kommt, der steht dem Thema selten skeptisch gegenüber, aber in Vorträgen oder Inhouse-Trainings wird deutlich, die Angst bei Führungskräften ist weit verbreitet! Was passiert, wenn jetzt meine Mitarbeiter anfangen über mich zu lachen? Und dabei ahnen sie gar nicht, dass das ja schon längst passiert!

AB: Ja, also wieder diese Angst vor dem Autoritätsverlust.

M. Blochberger: Ja, Kontrollverlust. Wer echte Autorität besitzt, kann auch über sich selbst lachen. Wenn mein Einfluss aber nur auf Status baut, dann muss ich Angst haben, diesen zu verlieren. Das ist unser Kernproblem: Das autoritäre Machtgehabe ist traditionell tief in der deutschen Führungskultur verankert. Es ist eine Illusion zu glauben, jetzt machen wir ein bisschen Humor und dann ändert sich das alles. Das System ist im Widerstand.

AB: Ja, schade. Was mich noch interessiert, ist die spezielle Wirkungsweise von Humor in der Führungskräftekommunikation, also wie kann Humor in der Krisenkommunikation eingesetzt werden?

M. Blochberger: Gerade in Changeprozessen kann Humor viel leisten! Verständnis schaffen, Vertrauen entwickeln, für Solidarität und Identifikation mit dem Unternehmen sorgen. Da steckt ja auch der väterliche oder mütterliche Aspekt drin, mit Humor den Menschen wieder ein Zuhause zu geben.

AB: Also in Veränderungssituationen ist das ja besonders wichtig, diesen Halt zu geben!

M. Blochberger: Ja, Veränderungen machen Angst. Da hilft es zu sagen: „Wir werden das Boot gemeinsam schaukeln." Gerade in Veränderungsprozessen kann Humor Sicherheit geben.

AB: Die Orientierungslosigkeit der Mitarbeiter ist ja in Veränderungsprozessen eine kritische Größe.

M. Blochberger: Richtig, Orientierung entsteht aus der Haltung der Führungskraft heraus, und herzlicher Humor ist eine sehr inspirierende Haltung. Und es ist noch nicht mal wichtig, dass ich das Liebevolle immer durchhalte, denn ich muss manchmal vielleicht auch hart sein, muss auch mal Grenzen setzen und dann kann das Humorvolle verloren gehen.

AB: Haben Sie denn generell von ihren Teilnehmern eine Rückmeldung, gibt’s da Resonanz über den praktischen Einsatz von Humor im Unternehmensalltag?

M. Blochberger: Ja, dass vieles leichter fällt, dass man an Gelassenheit gewonnen hat. Wenn ich die Clownsrolle annehme, kann ich Probleme abperlen lassen. Das kann ich am schnellsten lernen: gelassen zu bleiben und auf aggressives Verhalten nicht falsch zu reagieren. Positive Rückmeldungen kommen auch von Frauen, die Aggressionen nicht mehr als etwas Böses verstehen, sondern als ein wichtiges Instrument, sich durchzusetzen: Sie lernen einen Witz zu machen und Spitzen zu verteilen. Schwieriger wird es natürlich mit Humor, weil das ein längerer Weg ist. Manchmal gelingt es und manchmal gelingt es eben auch nicht, aber das ist in Ordnung. Es geht darum, Erfahrungen zu machen und je mehr Erfolgserlebnisse, desto mehr Sicherheit gewinne ich.

AB: Ein letzte Frage habe ich noch: Stellen Sie sich vor, sie würden vor Gericht stehen und sie müssen den Humor verteidigen, wie würde ihr Plädoyer aussehen?

M. Blochberger: Ich würde das Gericht, diese Institution, die ihre Macht aus ihrem Status zieht, dazu einladen, von ihren Podesten zu steigen, ihre Roben auszuziehen und sich alle in einen Kreis zu setzen, um ihnen auf Augenhöhe den Wert von Humor zu vermitteln. Ich würde sie also auf eine sympathische, humorvolle Weise „entmachten“, damit sie merken, dass eine Verurteilung des Humors völlig sinnlos und unnötig wäre! Das ist meine Art zu arbeiten: nicht viel argumentieren sondern den Sinn des Wortes erlebbar machen!

AB: Ja schön, Humor ein bisschen vorführen! Dann vielen vielen Dank für ihre Zeit!

Zum 1. Teil des Interviews

Das Training zum Thema: Lachend gewinnen

 

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