CIT-Consult Emotion-Blog

Leistungsträger sein: Glück oder Fluch?

20.01.2016 von: Heike Anne Dietzel

Lange Zeit empfand ich es als großes Glück, Leistungsträgerin in meinem Beruf zu sein. Zu spüren, dass ich in der Lage bin, Projekte voranzubringen, die von mir erwarteten Ergebnisse zu bringen bzw. diese zu übertreffen. Ich habe viele Jahre meine beruflichen Aufgaben mit großer Leidenschaft und einem sehr hohen Qualitätsanspruch erfüllt.

Durch meinen Beitrag habe ich tolle, weiterführende Projekte und besondere Förderung erfahren. Verantwortungsvolle Positionen wurden mir angeboten und hervorragende Beurteilungen wurden mir zuteil, ebenso vielsagende Jobtitel und Prämien. Besonders wichtig waren mir die Trainings, die ich besuchen konnte. Meinem Arbeitgeber gab ich im Gegenzug viele Hunderte Überstunden und natürlich die vielbesagte Leistung. Erst später habe ich erkannt, dass ich mich hauptsächlich durch immaterielle Dinge motiviert fühlte, die von außen, von meinem Arbeitgeber kamen: Anerkennung und Wertschätzung durch außerordentliche Beurteilungen und besondere Titel haben mich getragen und zu noch mehr Leistung motiviert.

So hat mein Berufsleben viele Jahre für mich sehr gut funktioniert. Bis zu einem Beurteilungsgespräch im Jahr 2010, das ich als Schlüsselerlebnis werte. Ich saß vor meinem Manager, der zu diesem Zeitpunkt schon die Position gewechselt hatte, und seiner Vorgesetzten, der Bereichsleiterin. Ich kam geschockt aus diesem Gespräch wieder heraus. Herabgestuft! Nur ein Gut bis Befriedigend! Und dazu Kommentare wie: „Du arbeitest zu viel.“ Oder: „Du musst lernen, weniger zu tun und dich abzugrenzen.“ Die Worte drangen irgendwie zu mir durch und etwas in mir sagte „Gut, dass du das hörst. Sie haben Recht.“ Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass beide mit dem Finger auf mich zeigten und mich allein verantwortlich für etwas machten, was in meinen Augen doch gut war: viel zu arbeiten! Ich hatte es damals noch nicht verstanden. Zurück blieb nach dem Gespräch das Gefühl, dass ich mich von meinen Vorgesetzten nicht mehr gewertschätzt, sondern getäuscht, ja fast betrogen fühlte: Ich hatte so viel gearbeitet und bekam dafür eine Note, die ich in Beurteilungen noch nie bekommen hatte: ein Gut bis Befriedigend!

Nach diesem Beurteilungsgespräch war alles anders. Ich funktionierte nicht mehr. Ich konnte nicht mehr. Das, was vorher so gut für mich funktioniert hatte, nämlich Wertschätzung und Anerkennung gegen Leistung, war gebrochen. Aus. Vorbei. Ich saß vor dem Computer und konnte mich nicht mehr entscheiden. Überlegte hin und her, formulierte um und wieder um. Brauchte für bestimmte Mails mehr als eine Stunde. Leistungsträgerin zu sein hatte sich in einen Fluch verwandelt. Aus. Vorbei mit der Leistung. Das Ganze war gekippt und ich drohte, richtig abzustürzen. In Meetings konnte ich nicht mehr richtig zuhören. Ich bewegte mich und verhielt mich als wenn ich unter einer Käseglocke stehen würde. Nichts mehr machte Sinn. Mein „System“, das mich über Jahre hinweg motiviert hatte, funktionierte nicht mehr.

Ich merkte, dass es so keinen Sinn mehr machte und mein Arbeitsleben zu einer reinen Quälerei geworden war. Ich hatte den Mut, ehrlich zu sein. Ich zog die Reißleine. Flüchtete in zwei Wochen Urlaub, in denen ich die Entscheidung traf, das Unternehmen zu verlassen. Das mir in einigen Jahren so treu gedient hatte wie ich ihm. Ich hatte Titel, Positionen, Projekte und viel Geld angesammelt. Mir war jedoch klar, dass ich nach der langen Schufterei und den unzähligen, im Büro verbrachten Abenden und Wochenenden etwas ändern musste. Mein Leben war in eine sehr ernste Schieflage geraten. Ich würgte mich morgens in den Tag, war einsilbig geworden und schlief die Wochenenden durch. Der erste Schritt war, das Unternehmen zu verlassen, um diesen Fluch zu beenden. Glücklicherweise gab es da in mir etwas, das noch die Kraft hatte, die Wende einzuleiten. Nachdem ich das Unternehmen verlassen hatte, ging ICH für ein Jahr auf Reisen und begann danach eine zweite Karriere. Eine der besten Entscheidungen in meinem Leben.

Jeder und jede unter Ihnen, die überdurchschnittliche Leistung in seinem, ihrem Beruf erbringt, weiß, ob das Leben als Leistungsträger Glück oder Fluch ist. Für mich war es beides, Glück und Fluch. Leider gab es kein Dazwischen, keinen Mittelweg. Es war meine ganz eigene Erfahrung und jetzt im Nachhinein erkenne ich, dass der Mittelweg der möglicherweise bessere Weg gewesen wäre. Ich hätte mir durch mehr Achtsamkeit meinen Grenzen gegenüber, mit einem achtsameren Umgang mit meinen Ressourcen einen schmerzhaften Weg ersparen und möglicherweise die mir wichtigen Ziele genauso erreichen können.

Als ich von meiner Weltreise nach München zurückkam, stolperte ich über die achtsamkeitsbasierte Stressbewältigung (MBSR) nach Jon Kabat Zinn. Es war ein Glückstreffer und die erste Weiterbildung, die ich nach meiner Rückkehr von meiner Auszeit gemacht habe. Auf eigene Kosten. Ich habe mein Gegenmittel zur übertriebenen Leistungsträgerschaft gefunden. Zu erkennen, dass der Schlüssel in mir liegt, war unendlich heilsam. Genauso heilsam war es zu fühlen, wie viel Lebendigkeit ich durch diese Haltung gewinne und dass der Umgang mit mir und anderen um so viel leichter wird, wenn ich mich im Nicht-Bewerten übe.

Sie sehen, ich gerate ins Schwärmen. Wenn Sie sich also durch meine Geschichte ertappt fühlen, dann wünsche ich Ihnen die Erkenntnis, so bald wie möglich etwas dagegen zu unternehmen. Achtsamkeit kann man erlernen. Sie haben jeden Tag die Chance, einen neuen Weg einzuschlagen und eine neue Strategie zu erproben. Ich habe sehr lange damit gewartet, warum sollten Sie das gleiche tun?

Das Training zum Thema:
Selbstbewusstsein gibt's jenseits der Komfortzone

Mit Abstand Klarheit gewinnen:
Business-Retreat

 

Foto: Antrey Fotolia

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