CIT-Consult Emotion-Blog

Achtsamkeit: Kürzer treten

17.01.2016 von: Michael Blochberger

Wieder liege ich auf der Bank vom Physiotherapeuten, der versucht, meine Schmerzen zu lindern, damit meine Beine zur gewohnten Beweglichkeit zurückfinden können. Nach vielen Jahren exzessiver sportlicher Aktivitäten lassen sich die Verschleißerscheinungen in meinen Hüftgelenken nicht mehr negieren. Mein Körper zeigt mir in aller Deutlichkeit die Grenzen auf. Zwingt mich aktuell dazu, auf viele, mir wichtige Aktivitäten zu verzichten. So sehr mich das ärgert, ist es vielleicht eine Chance daraus zu lernen?

Auf der Suche nach den Ursachen

Als introvertiertes, eher ängstliches Kind fand ich erst über den Sport und meine körperliche Entwicklung zu Willenskraft und Ehrgeiz. Weniger der Wettkampf als vielmehr die eigene körperliche Herausforderung wurde zum Motor meiner Motivation in Freizeit, Beruf und Selbständigkeit. Bewegung, Aktivität, das Planen und Erreichen von neuen, selbstgesteckten Zielen bereitete mir große Lust und je herausfordernder die Ziele, desto größer mein Engagement.

Sowohl im Sport wie in der beruflichen Herausforderung meiner Agenturzeit: Die besten Leistungen vollbrachte ich wie im Rausch. Da war so viel Spaß an der Leistung, dass ich meinen Körper und dessen Warnsignale allzu oft ignorierte. Solange ich erfolgreich war, kam es mir gar nicht in den Sinn, die Stresssymptome, meine Rückenschmerzen und schließlich meinen Bandscheibenvorfall auf meine Selbstüberforderung zurückzuführen. Sportarzt und Physiotherapeuten gelang es, mich wieder fit zu machen und ich ackerte weiter ohne etwas zu ändern.

Erste Misserfolge in Beziehung und Beruf führten dazu, Trainings zur Persönlichkeitsentwicklung zu besuchen und eine dreijährige Trainerausbildung zu absolvieren, in deren Verlauf mir bewusst wurde, dass die Ursache meiner gesteigerten Leistungsbereitschaft in meinem mangelnden Selbstbewusstsein zu suchen waren. Indem ich immer schneller und immer bessere Leistung brachte, suchte ich die Anerkennung zu finden, die ich mir ohne Erfolge nicht geben konnte. Ich war abhängig von dieser meiner Leistungsfähigkeit. Ohne sie fühlte ich mich sinn- und wertlos.

Krisen machen Entwicklung möglich

Erst durch jahrelange Selbsterfahrung entwickelte ich den Mut, mein Leben zu ändern. Ich fand in Heidrun eine liebevolle Ehefrau, wurde Vater, gründete das CIT Institut und fand meine Erfüllung im Beruf des Trainers und Coaches. Ich habe heute weniger Stress als früher, trinke weniger Kaffee und führe ein gesünderes Leben. Aber die Altlasten von damals habe ich auch heute zu tragen: Schon mein halbes Leben ertrage ich meinen Bandscheibenvorfall. Meine Sehnen neigen immer wieder zu Entzündungen und meine Hüftgelenke sind durch jahrelanges Squashspiel verschlissen.

Seit Jahren versuche ich mit diesen Handicaps bewusst und achtsam umzugehen. Ich treibe keinen exzessiven Sport mehr, sondern versuche mich mit Gymnastik und angepasstem Fitnessprogramm beweglich zu halten. Aber an meiner Lust auf Leistung hat sich wenig geändert: Während des EQ2-Trainings im November des vergangenen Jahres überforderte ich meine Hüftgelenke bei der Anleitung von Bewegungsmediationen. In der Freude und Euphorie des Tuns missachtete ich meine warnenden Körpersignale. Tage später nahm ich meine eingeschränkte Beweglichkeit wahr, später stechende Schmerzen im Hüftgelenk beim kleinsten Fehltritt, heute einen Dauerschmerz, der mich in physiotherapeutische Behandlung zwingt.

Krankheit als Sprache der Seele

Gerade während meines Aufenthaltes zum Coaching-Urlaub auf La Palma kommt mir eine solche Bewegungseinschränkung sehr ungelegen. Wanderungen und Ausflüge zum Strand oder in die Berge sind für mich nicht schmerzfrei zu gestalten. So werden die ersten Wochen des Jahres zu einem ganz persönlichen SinnesWandel. Denn Situationen wie diese, die nicht veränderbar sind, sind eine Chance, zu alternativen Bewertungen und neuen Einstellungen zu finden. Die Fragen, die ich mir stelle, sind:

  • Was wollen mir diese Schmerzen sagen?
  • Welchen Sinn hat meine aktuelle Bewegungseinschränkung?
  • Welche Aufgabe habe ich in dieser Situation?

Nach Rüdiger Dahlke (Krankheit als Weg) steht die Hüfte für die Balance, mit der wir durchs Leben gehen. Diese Balance scheint gestört, denn das rechte Hüftgelenk bereitet mir so große Schmerzen, dass ich humple. Da die rechte Seite für das Männliche steht und stärker geschädigt ist als die linke, spricht vieles dafür, dass ich in meinem bisherigen Leben mehr Willen und Energie nach außen gezeigt habe, als es meiner Seele gut tut. Daraus kann ich den Schluss ziehen: meine Lust an der Herausforderung diente mehr der Kompensation psychischer Defizite auf Kosten meiner empfindsamen, weiblichen Seite.

Und was sind die Folgen dieses Ungleichgewichtes? Meine aktuellen Schmerzen zwingen mich dazu, meine Aktivitäten zurücknehmen und Herausforderungen ruhen zu lassen:

  • Statt auf die höchsten Berge und die steilsten Klippen zu klettern, bewege ich mich mit dem Rad auf flachen, asphaltierten Strecken mit geringen Steigungen, um meine Gelenke ohne Anstrengung in Bewegung zu halten. 
  • Da große, ausholende Schritte mit stechenden Schmerzen geahndet werden, bin ich gezwungen "kürzer zu treten" und bewege mich mit kleinen, langsamen Schritten voran.
  • Statt meine Bestätigung in meiner Unabhängigkeit und Selbstbestimmtheit zu finden, bin ich erstmalig dazu gezwungen, eine 'Gehhilfe' zu nutzen und muss schwere Lasten anderen zumuten.

Schmerz macht Veränderung möglich

'Krankheiten sind die Sprache der Seele' sagt Rüdiger Dahlke und ich finde es faszinierend, wie leicht die Seele sich das zu holen weiß, was ihr fehlt. Meine Aufgabe in dieser Situation ist eindeutig: Statt meinen Ehrgeiz durch extreme Herausforderungen zu befriedigen, ist es an der Zeit, den Blick nach innen zu richten. Auch wenn es mir noch schwer fällt: Ich bin gezwungen, meine Freude in einer vorsichtigen, leichten Bewegung zu suchen. Jeder Schritt ist eine Prüfung voller Rücksichtnahme gegenüber meinem Handikap und jede sanfte, weiche Bewegung wird mit Schmerzfreiheit belohnt. Jeder Tag wird zu einem Training der Achtsamkeit:

  • Der Schmerz zwingt mich zur Aufmerksamkeit nach innen und außen
  • In der neuen Langsamkeit meiner Bewegungen bekommt die Zeit – unabhängig von Leistung – einen neuen Wert
  • Im wohlwollenden Annehmen meines Schmerzes und meines Handikaps kann ich von alten Vorstellungen loslassen
  • In der Erkenntnis meiner unterschiedlichen Persönlichkeitsaspekte kann ich eine ehrlichere Balance meines Seins finden

Auch ich als Leistungsträger dieser Gesellschaft muss erkennen: Ganz gleich, wie lange wir uns etwas vormachen, wie lange wir mit unserem Körper Raubbau treiben oder glauben, unseren stressigen Alltag ertragen zu müssen. Wer nicht achtsam mit sich und seinen Ressourcen umzugehen weiß, wird eines Tages  dafür bezahlen müssen. Je später wir damit beginnen, desto größer wird der Schmerz.

Das Training zum Thema:
EQ.basics: Selbstbewusstsein gibt's jenseits der Komfortzone

Foto: Jerzy Sawluk/pixelio.de

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