CIT-Consult Emotion-Blog

Selbstständigkeit ist Selbsterfahrung

06.12.2015 von: Michael Blochberger

Was für ein Herbst... Nach 21 Trainingstagen in zwei Monaten bin ich froh, mit der DVD-Dokumentation von EQ2 dieses Jahr erfolgreich abschließen zu können. So schwierig es ist, Anfang des Jahres unsere offenen Seminare zu füllen – gegen Jahresende wächst bei vielen Menschen das Bedürfnis nach Selbstreflexion und persönlicher Entwicklung. Dann folgt ein Termin dem nächsten. Und weil meine Trainings immer über mehrere Tage gehen, finden sie zunehmend am Wochenende statt. Planung, Organisation, Durchführung, Dokumentation. Da bleibt kaum ein Tag zum Luft holen.

Wer einem regelmäßigen Job nachgeht, mit 38 Stunden-Woche und monatlichem Festgehalt am Monatsende kann sich kaum in den Alltag eines Selbständigen hineinversetzen: Die notwendige Bereitschaft, viel Geld und noch mehr Zeit zu investieren, ohne eine Erfolgsgarantie zu besitzen. Der ständige Kampf, sich und seine Dienstleistung im Markt bekannt zu machen und zu behaupten. Der latente Zwang, sich den rasanten Entwicklungen in der Wirtschaft und veränderten Bedürfnissen anzupassen. Das erfordert Selbstdisziplin, Mut, Kreativität, Motivation, Leidenschaft und die Bereitschaft, auf Sicherheit und anderen Luxus verzichten zu können.

Trotzdem möchte ich mit keinem Angestellten tauschen. Denn was wäre ich, wenn ich noch als Angestellter am Computer einer Werbeagentur säße oder als Personalentwickler in einem Großkonzern? Dann hätte ich meine Unabhängigkeit und Selbstbestimmung gegen eine vermeintliche Sicherheit und ein Festgehalt getauscht. Dann müsste ich meine persönlichen Interessen den Anforderungen der Organisation unterordnen, mich den Arbeitszeiten anpassen und meinem/r Vorgesetzten gegenüber Rechenschaft ablegen.

Schnell wäre ich auf der Suche nach dem Sinn meiner Tätigkeit, um motiviert zu bleiben. Die fehlende berufliche Erfüllung suchte ich vielleicht im Konsum unnützer Luxusgüter zu kompensieren. Im Schatten meiner Statussymbole würde ich wohl in falscher Zufriedenheit verharren, ohne Anregung zur persönlichen Entwicklung. Da bin ich lieber mein eigener Herr, auch wenn das selten ein Zuckerschlecken ist.

Der Weg zum Selbst

Um als Selbständiger bestehen zu können, brauchst du mehr als gute Fachkenntnisse. Du musst auch Kaufmann sein, Produktentwickler, Ein- und Verkäufer, Marketingspezialist und Menschenkenner. Denn jeder Fehler, den du begehst – ein schlechtes Produkt, ein fehlerhaftes Marketingkonzept, ein falscher Mitarbeiter – kostet dich enorm viel Geld und kann letztendlich deine Existenz gefährden. Das zwingt dich dazu, die gemachten Fehler sofort zu analysieren und abzustellen, um deine Leistungen zu optimieren und erfolgreicher zu werden.

In meiner Existenz als selbständiger Unternehmer habe ich auch gelernt, mein eigenes Verhalten, meine Einstellungen und meinen Charakter in Frage zu stellen, um die eigenen Schwächen zu erkennen und Defizite abzustellen. Das war eine wirklich harte Schule, die von vielen kleinen Niederlagen und großen Krisen geprägt war. Es gab unzählige Momente, die mir emotional und finanziell weh getan haben. Aber dieser Weg hat sich gelohnt, weil er mich stark gemacht hat. Heute empfinde ich eine große Dankbarkeit dafür, denn die Selbständigkeit hat mir etwas gegeben, was kein Therapeut der Welt mir geben kann: Sie hat mich dazu bewegt, mich zu verändern, meine Persönlichkeit zu entwickeln und meine Sicherheit in mir selbst zu finden.  

Kein Persönlichkeitstraining der Welt und keine Führungskräfte-Ausbildung hat einen so fundamentalen Einfluss auf deine Persönlichkeit wie die Jahre als selbständiger Unternehmer. Keine Methode kann so elementar und nachhaltig wirken wie ein Leben, das dich täglich mit deiner Existenz und deinen Ängsten konfrontiert. Trotzdem ist es hilfreich, auch als Selbständiger immer wieder einen Coach oder Supervisor zu Rate zu ziehen, wenn es darum geht, wichtige Entscheidungen zu treffen oder sich neu zu orientieren.

Die Freiheit des Seins

In der Vielzahl meiner Erfahrungen als Selbständiger scheinen mir zwei Erkenntnisse von besonderer Tragweite.

Da ist zunächst meine Einstellung zum Geld, die sich über die Jahre verändert hat. Früher war Geld für mich nur Mittel zum Zweck, hatte keinen Wert in sich. Es diente mir zur Bestätigung und zur Befriedigung meiner Bedürfnisse. Geld war dazu da, ausgegeben zu werden. In der Selbständigkeit wurde Geld zu etwas, das mir Sicherheit gab. Es wurde nicht zum Selbstzweck, aber ich behandelte es mit demütiger Wertschätzung, wie ein Kind, das meiner Aufmerksamkeit und Pflege bedarf. Ich übernahm die Verantwortung für meine Finanzen. Geld diente nicht mehr dem Konsum sondern der Investition, um zu wachsen, sich zu vermehren, mir und meinen Mitarbeitern Arbeit und Lebensunterhalt zu geben.

In unmittelbarem Zusammenhang steht meine Entwicklung im Umgang mit meinen Ängsten. In den ersten 20 Jahren meiner Selbständigkeit als Geschäftsführer einer Werbeagentur quälten mich die Existenzängste besonders: Hohe Personalkosten, kostspielige Wettbewerbspräsentationen und der ständige Kampf um Kunden und Etats brachten wenig Gewinn ein. Aber das Risiko, bei einem Produktionsfehler oder einer erfolglosen Kampagne den Kunden zu verlieren oder die eigen Firma zu ruinieren, war immer gegenwärtig. Und je erfolgreicher ich war, je mehr Geld wir bewegten, desto größer wurde das Risiko und um so größer meine Ängste.

Um wie viel angstfreier ist nun meine Arbeit als Trainer und Coach, in der ich aus meiner Erfahrungen schöpfend meine Klienten begleiten darf, ohne für deren finanzielle Existenz verantwortlich zu sein. Im Bewusstsein meines Selbst bekommen meine Ängste ein menschliches Gesicht, werden annehmbar und liebenswert. In einem sinnerfüllten Leben finde ich die Sicherheit, dass es gut ist, wie es ist. Ich lerne, dass es Zeiten intensiven Arbeitens gibt, in denen ich über das normale Maß gefordert bin und Zeiten der Entspannung, in denen ich zur Besinnung kommen kann und neue Ideen entstehen. Ich lerne, zwischen Ehrgeiz und Demut meine Freiheit zu genießen.

Nach einem heißen Herbst stehen mir besinnliche Wintermonate bevor. Nach all dem hektischen Treiben ziehe ich mich auf meine geliebte Insel zurück, schenke mir und anderen den Raum, zur Achtsamkeit und Gelassenheit zurückzufinden. In diesen Wochen wird es nicht darum gehen, Pflichten zu erfüllen sondern darum, Neues zu denken, Ideen reifen zu lassen und Visionen zu entwickeln. Dass wir die Chance haben, frei von Stress und Ängsten solche Auszeiten zu genießen, das erfüllt mich mit großer Dankbarkeit. Und mit dieser Dankbarkeit möchte ich andere inspirieren, auch ihr Leben in die Hand zu nehmen.

 

Foto: "Freiheit" von Matteo Pugliese

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