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Willkommenskultur – Chance für Deutschland

09.09.2015 von: Michael Blochberger

Wenn ich die Bilder vom Münchener Hauptbahnhof sehe, wie die zahllosen Flüchtlinge mit Beifall begrüßt werden, kommen mir die Tränen. In den hilflos-trotzigen Siegergesten der Erwachsenen, den müden, ungläubigen Kinderaugen erkenne ich mich selbst. Erinnere mich an die Zeit, als ich selbst als Flüchtlingskind in eine neue Welt geschmissen wurde.

Wie Flashs kommen die Erinnerungsfetzen in mir hoch. Die Bilder vom Durchgangslager. Die Doppelstockbetten an den Wänden. Die wenigen Nächte mit acht Personen auf 20 Quadratmeter. Die Untersuchung beim Arzt. Das Warten in den Schlangen der Essensausgabe. Und dann der Umzug ins Auffanglager bei Unna. "Massen auf der Tüte" hieß es und der Name war Programm: In den ca. 60 Wohnblocks waren damals bis zu 3.000 DDR-Flüchtlinge untergebracht.

Wir bewohnten für ein paar Wochen eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung, von denen das Wohnzimmer mangels Möbel abgeschlossen war. Noch deutlicher sind mir die Erfahrungen in der nahegelegenen Schule: Die Fragen der Lehrer,  auf die ich keine Antwort wusste. Die Trennung in Konfessionsklassen. Mein erster Religionsunterricht. Der Pausenhof. Die unzähligen neuen Gesichter.

Mit den Bildern kommt dieses indifferente Gefühl von damals wieder hoch. Diese Mischung aus Staunen und der Ohnmacht, das alles nicht verstehen und einordnen zu können. Dem Geschehen hilflos ausgeliefert zu sein. Den Sehstörungen meiner Mutter. Der Abwesenheit meines Vaters, der weite Strecken zur Arbeit fahren musste. Schließlich der Umzug in unsere neue Heimat.

Ja, ich fühle mit diesen Menschen, die ihre Heimat verlassen haben, um dem Krieg, dem Hunger und dem Elend zu entfliehen. Ich kann nachempfinden, wie es ist, alles aufzugeben, weil man keinen Ausweg mehr sieht. Wenn man Familienangehörige, Freunde, Besitz und Gewohnheiten hinter sich lässt, ausschließlich mit der Hoffnung im Gepäck, dass es in einem fremden Land nur besser werden kann. Ich selbst konnte mich damals in meiner Muttersprache verständigen, aber das Gefühl, trotzdem nicht wirklich verstanden zu werden, das hatte ich in der neuen Welt noch lange.

Aber da ist noch etwas, das mich bewegt: Die Hilfsbereitschaft vieler Deutscher, die zur Begrüßung an den Bahnhöfen stehen, Wasser, Spielzeug und Prepaid-Karten verteilen. Die, die Notlager einzurichten, Flüchtlinge aufnehmen, Kleidung spenden oder dolmetschen. Gerade jetzt entsteht etwas, was viele in Deutschland kaum für möglich gehalten haben: Wir zeigen Mitgefühl, Empathie und Solidarität mit uns fremden Menschen! Wir heißen die Opfer einer brutalen Kriegs- und Ausbeutungspolitik in unserem reichen Land willkommen. Wir nutzen die Chance, das was ihnen in den Herkunftsländern angetan wurde, zu einem ganz kleinen Teil wieder gut zu machen. Wir zeigen der Welt ein ungewohnt menschliches Gesicht. Und das macht Hoffnung!

Plötzlich wirken die Demos rechtsnationaler Populisten wie eine dumme Randerscheinung. Im hinhaltenden Geschwafel der Politiker erkennen wir die Ohnmacht und Konzeptlosigkeit einer weltfremden Kaste. Und in den Streitigkeiten zwischen den EU-Ländern erkennen wir den bevorstehenden Kollaps eines Systems, das nie mehr war als eine Wirtschaftsvereinigung zum Profit von Großkonzernen.

Die Flüchtlingskatastrophe ist eine riesige Chance für Deutschland. Nicht nur, weil mit den Neuankömmlingen eine große Zahl von dringend benötigten, gut ausgebildeten Menschen zu uns kommen. Nicht nur, weil die kinderreichen Familien unsere miserable Geburtenrate vergessen machen und dadurch unser Renten- und Steuersystem retten können. Diese Völkerwanderung ist die Chance unserer Gesellschaft, den Mächtigen dieser Welt zu zeigen, dass wir uns als Gemeinschaft nicht manipulieren lassen, sondern für unsere menschlichen Werte einstehen. Wenn es hart auf hart kommt, entdecken wir wieder unsere tiefsten Grundbedürfnisse, rücken zusammen und zeigen Herz. Und diese Kraft ist stärker als alle nationalistische Panikmache und politischer Aktionismus.

Gemeinsam werden wir diese Krise meistern und stärker daraus hervorgehen. Deutschland hat eine lange Erfahrung in der Aufnahmen von Flüchtlingsströmen und wird sich der ganzen Welt wieder als Organisationstalent präsentieren. Und der Zustrom dankbarer, ehrgeiziger und gut ausgebildeter Menschen wird unserem Land zu einer neuen Dynamik verhelfen. Die Neuankömmlinge haben die Hölle erlebt, sie wissen die Sicherheit Deutschlands zu schätzen. Sie werden die dekadente Unzufriedenheit vieler Bürger schnell vergessen machen, mehr Mut, Optimismus und eine ungeahnte Resilienz einbringen.

Wir haben jetzt die Chance, unserer Gesellschaft eine neues Gesicht zu geben. Eines, das von Solidarität und Herzlichkeit bestimmt ist und nicht primär von Geld, Profit und Gier. Und ich persönlich habe die Chance, mit meiner eigenen Familie erstmals seit meiner Kindheit wieder nach "Massen auf der Tüte" zu fahren, um mitzufühlen und zu helfen. Das Lager, das vor drei Jahren wieder in Betrieb genommen wurde, soll wieder über 3.000 Flüchtlinge beherbergen...

 

Foto: Sören Rudolph_pixelio.de

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