CIT-Consult Emotion-Blog

Menschen in Europa – was von der Krise übrig bleiben wird

14.07.2015 von: Heike Anne Dietzel

Menschen in Europa - was von der Krise übrig bleiben wirdIch habe länger darüber nachgedacht, worüber ich heute schreiben will. Die Themen, die mich in den letzten Tagen beschäftigt haben, waren die, die im Leben einer Frau meines Alters typischerweise eine Rolle spielen: Job und Liebe, Familie und Griechenland. Das spannendste Thema ist natürlich die Liebe, aber damit will ich Sie dieses Mal nicht belästigen. Denn die Griechenland-Krise beschäftigt und bewegt uns alle auf eine Art und Weise, die erstaunlich und es wert ist, genauer betrachtet zu werden.

Die letzten fünf Jahre habe ich das Geschehen um Griechenland nicht wirklich nah mitverfolgt. In diesen Tagen und Wochen aber ist es anders. Ich sitze vor dem Fernseher, drehe das Radio lauter und lese schon morgens in der U-Bahn die letzten Nachrichten auf meinem Smartphone. Ich hänge an und in den Medien. Warum will ich dieses Mal so nah dran sein? Dieses Mal ist es anders. Ich habe ein fast untrügliches Bauchgefühl. Ich fühle, dass es dieses Mal um richtig viel geht. Dass einiges auf dem Spiel steht. Was es ist, wird mir immer klarer. Es ist die europäische Idee und es ist die Art und Weise, wie wir in Europa in Zukunft miteinander umgehen wollen. Und es ist Angst, die mich am Geschehen hält. Angst davor, dass es richtig knallen könnte. Uns die Börsenkurse um die Ohren fliegen und unser Geld irgendwo versickert, ohne dass wir verstehen wohin und ohne dass wir es aufhalten können. Und dass damit ein Traum von mir den Bach runter gehen, mein Plan kaputt gehen könnte, ein Bauernhaus zu kaufen, der mit meiner Vorstellung von einem glücklichen Leben zusammenhängt.

Je länger ich den Ereignissen in Griechenland und in Brüssel folge, desto überraschter bin ich. Unabhängig von aller Angst. Ich registriere, dass nicht nur ich stark emotional in dieser Angelegenheit reagiere (Angst), sondern dass viele andere ebenfalls Gefühle zeigen. Ich bin überrascht, weil die starke Gefühle zeigen, von denen ich es am wenigsten erwarte. Nämlich die Politiker. Gerade in den letzten Tagen sind sie immer emotionaler geworden. Haben Sie es bemerkt? Je weiter sich die Situation zuspitzte, desto emotionaler sind alle geworden. Ich entdecke gerade in dieser Situation ein großes Maß an Menschlichkeit.

Es wimmelt in den Medien von Statements, die von Gefühlen gezeichnet sind. Haben Sie genau hingehört? Die tragenden Begriffe dieser Tage in den Interviews aller Politiker waren Gefühle. Es geht um Vertrauen, das nicht mehr vorhanden ist (Frau Merkel). Das auf unglaubliche Art und Weise gebrochen wurde (Herr Schäuble). Es wird mit extremen Begriffen hantiert, von Terroristen ist die Rede (Herr Varoufakis). Herr Renzi meint „Adesso, basta!“. Was im Alltag als normal emotionaler Ausruf eines Italieners einzuordnen wäre, aber im politisch-diplomatischen Umfeld ein große Tragweite besitzt.

Ich beginne mich bei all diesen Emotionen zu fragen, ob die Lösung oder Nicht-Lösung dieses Problems an Emotionen hängt und möglicherweise von diesen abhängen wird. Kann das, darf das sein, dass ein Wirtschaftssystem, das uns bisher sehr gut ernährt hat, zusammenbrechen wird, weil sich Menschen so weit auseinander geredet haben? Ich gehe noch einen Schritt weiter: kann es sein, dass ein Wirtschaftssystem und eine von Grund auf so wertvolle Idee wie die europäische Union an der Verletztheit verschiedener Politiker scheitern wird?

Ich wünsche mir in diesen Tagen nichts sehnlicher als unter den Verhandlungstischen in Brüssel zu sitzen. Nicht, weil ich mir die Schuhe unserer Politiker anschauen will, sondern weil ich verstehen will, wie sie kommunizieren. Ich komme bei all dem, was in den kurzen Interviews gesagt wird, mit, dass etwas in der Kommunikation falsch gelaufen sein muss. Aber was? Hört man einander richtig zu? Versteht man den anderen falsch? Mir erscheinen Herr Schäuble und Herr Varoufakis so festgefahren in ihrer Konfrontation. Wenn es sich nicht um Herrn Schäuble handeln würde, den ich sehr respektiere, sondern um einen Mitarbeiter in einem Team, der sich mit einem Kollegen aus einem anderen Team streitet, dann hätte ich als Teamleiter auch Herrn Schäuble vom Verhandlungstisch abgezogen. Oder ich hätte die beiden allein in einen Konferenzraum gebracht, um den Konflikt zu klären. Was ist nur passiert?

Ich denke, dass ich bisweilen nicht richtig höre. Denn da bekomme ich Informationen, die ich nicht wirklich nachvollziehen kann. Da sind EU-Politiker nach Griechenland gereist und sind unverrichteter Dinge zurückgekommen, da sie das Steuersystem nicht nachvollziehen konnten. Wie ist das möglich? Es scheint mir wie ein Konflikt, der sich über Jahre aufgebaut hat, der nun unter dem Druck der zusammenbrechenden Banken schneller eskaliert ist als man es hätte verhindern können. Dem alle irgendwie hilflos über die Jahre zugesehen, sich in Sicherheit gewogen haben oder die Flinte ins Korn geworfen haben, weil keiner in das griechische Universum wirklich ein- und es durchdringen konnte.

Ich reiße Mund und Augen auf. Ich frage mich, warum beide Seiten nicht in der Lage sind, zwischen den Zeilen des Gesagten zu lesen. Worum geht es Griechenland? Worum geht es den EU-Politikern? Dass beiden Seiten an einer Lösung gelegen ist, ist offensichtlich. Sonst würde man nicht immer wieder an den Verhandlungstisch zurückkehren. Kann denn hier keiner mehr zuhören, um zu verstehen, worum es dem Anderen geht? Ich glaube zu verstehen, denn das ist es, was führende griechische Politiker immer wieder wiederholen: die Sparpolitik muss ein Ende haben! War die Botschaft nicht deutlich? Und ist das nicht auch logisch?

Ich habe an der Universität Grundkurse in Betriebswirtschaftslehre verfolgt und ich habe über zehn Jahre in großen Konzernen gearbeitet. Etwas habe ich verstanden: ich kann nicht nur sparen. In einem Unternehmen muss ich auch investieren. Die Unternehmen, die in der Vergangenheit nur gespart haben, haben sich kaum gesund gespart. Ich kann den Aufschrei der Griechen - ohne zu emotional zu werden - nachvollziehen. Und ich frage mich, warum die Gegenseite dem nicht nachkommt. Wo es doch um relativ einfache wirtschaftliche Zusammenhänge geht.

Ich frage mich, warum das denn keiner mehr sieht, was die einfache Lösung sein kann? Ein Win-Win, an dem beide Seiten das für sie wichtigste erhalten und das gemeinsame Problem gelöst wird? Ist das zu einfach gedacht? Kompromisse finden. Den anderen verstehen. Zuhören. Mir springen plötzlich die Gefühle entgegen, die ich bei Politikern nie vorher so intensiv wahrgenommen habe. Wut. Enttäuschung. Entsetzen. Verletzlichkeit. Alle bewegen sich plötzlich auf einer sehr menschlichen Ebene und alles wird auf seine ganz eigene tragische Weise menschlich. Und wieder frage ich mich, ob es tatsächlich möglich ist, dass diese Krise aufgrund von verletzten Gefühlen, von Wut und Ärger entschieden wird?

Nach vielen Stunden vor dem Fernseher und vielen gelesenen Artikeln bin ich nicht überzeugt, dass das, was jetzt in Brüssel verhandelt wurde, eine für alle Parteien tragfähige Lösung sein wird. Sie ist – soweit ich das abschätzen kann – nicht aus einer guten Verhandlung heraus entstanden. Es wurde gerungen. Es wurde gekämpft. Und wieder gerungen. Wenn Sie sich das Harvard-Prinzip des Verhandelns ansehen, dann erkennen Sie, wieweit wir in der EU von einer tragfähigen Lösung entfernt sind.

Letzte Woche habe ich einen sehr klugen Kommentar vom Leiter des europäischen Wirtschaftszentrums gehört. Er meinte, dass die Reformen schwer umsetzbar sein werden, weil sie nicht aus Griechenland selbst entstanden und von den Griechen nicht getragen sind. Das war kühl und unaufgeregt und sehr klug, weil aus systemischer Sicht analysiert. Es tut mir leid zu sagen, weil ich normalerweise sehr gerne Optimistin bin, aber ich sehe wenig Chance, dass diese Reformen erfolgreich sein werden. Die EU – allen voran Deutschland und Frankreich – verkennen, dass die gewünschten Reformen nur erfolgreich sein können, wenn die Griechen sie mitragen. Ich glaube, dass es von Anfang an das falsche Prinzip, der falsche Ansatz war. Schon vor fünf Jahren wurde der Zug auf die falschen Schienen gesetzt.

Die europäische Idee ist eine wunderbare Idee. Und ich frage mich diese Tage, wie ich sie leben will. Jetzt wo sie auf dem Spiel steht. Lange habe ich sie für selbstverständlich genommen. Jetzt überlege ich mir, was sie wert ist und wie wir sie leben sollen. Viele reden von Solidarität. Wie will ich solidarisch sein? Ich verstehe die Griechen und ich überlege mir, wie ich meine griechische Klientin unterstützen kann, die eine sehr sympathische junge Frau ist. Sie kommt in zehn Tagen und will mir die letzte Rechnung zahlen, weil die Banküberweisung nicht geklappt hat. Soll ich sie ihr erlassen?

Ich glaube, dass diese Krise eine sehr wertvolle Erfahrung für uns alle ist. Ich hoffe sehr, dass irgendjemand anfangen wird, diese Verhandlungen zu reflektieren. Über diesen Prozess zu reflektieren, der vor fünf Jahren begonnen wurde. Ich weiß wirklich nicht, was in diesen fünf Jahren alles schief gegangen ist. Aber es sind auf beiden Seiten, die unabdingbar miteinander verbunden sind, viele Fehler begangen worden. Und ich denke, wir sollten alle wieder damit anfangen, einander zuzuhören und zwischen den Zeilen zu lesen, worum es dem Anderen geht. Und damit anfangen, dem anderen etwas zu geben, das er braucht, um mir entgegenzukommen. Das wäre dann der Anfang der Lösung, damit beide Seiten in einer wahrhaft lebendigen Union gemeinsam wachsen können.

Ich bin gespannt und bleibe weiter dran. Nicht weil es so spannend wie ein Krimi ist. Sondern weil es menschlich ist und über unsere Zukunft in Europa entscheiden wird. Bleiben auch Sie dran. Europa als Idee muss es uns wert sein!

 

Foto: Martin Berk_pixelio.de

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