CIT-Consult Emotion-Blog

Schluss mit der Griechenhetze

10.07.2015 von: Michael Blochberger

Zwischen Obstkuchen und Sahneschnittchen beginnen die Gäste über die faulen Griechen herzuziehenAls die ganze Familie zur großen Geburtstagsfeier zusammenkommt, haben wir uns vorgenommen, nicht über Griechenland zu sprechen. Aber kaum sitzen wir am Kaffeetisch, kommt es, wie es kommen musste: Zwischen Obstkuchen und Sahneschnittchen beginnen die Gäste über die faulen Griechen herzuziehen, die sich auf unsere Kosten ein feines Leben machen.

Schmarotzer! Steuerbetrüger! Verbrecher! Mit jeder verbalen Entgleisung wird die Stimmung aggressiver. Ich bin sprachlos, ob dieser hasserfüllten Einigkeit. Erst als man Alexis Tsipras wegen Erpressung Europas zu lebenslanger Haft verurteilen will, wage ich zu fragen, was sie denn von einem Ministerpräsidenten erwarten, der vom griechischen Volk per demokratischer Wahl den Auftrag erhalten hat, das Spardiktat der Troika zu beenden? ... Es wären schließlich genug Milliarden nach Griechenland geflossen, lautet die Antwort.

Kredite sind es, keine Hilfsgelder, die seit vielen Jahren an Griechenland vergeben werden, ohne dass dieses Land es schafft, die dringend notwendigen Reformen einzuleiten und die marode Wirtschaft anzukurbeln. Keine der bisherigen Regierungen hat damit begonnen, die Steuern einzutreiben und den Finanzhaushalt zu sanieren. Stattdessen wurden die Kredite für Olympische Spiele und die Aufrüstung der Armee verbraten. Aber das hat kaum jemanden gestört, weil viele in Europa kräftig daran verdient haben. Ganz Europa hat sich mitschuldig gemacht, dass Griechenland immer tiefer in die Pleite gerutscht ist. Spätestens 2010 war abzusehen, dass das Land seine Zinslast aus eigener Kraft nicht wird tragen können. Es war grob fahrlässig, die Schulden nochmals aufzustocken, aber zu viele haben zu gut daran verdient, als dass man sich dieses Geschäft hat entgehen lassen.

Inzwischen muss Griechenland 90% der neuen Kredite für Zinszahlungen an die Banken ausgeben. Von den verbleibenden 10%, die im Haushalt ankommen, ist das Land nicht in der Lage, wirtschaftsfördernde Investitionen zu tätigen. Und dann kommt Alexis Tsipras und legt die Finger in die Wunde. Betont, dass die Neuverschuldung von 2010 falsch war. Er will das Land aus eigener Kraft sanieren, will einen Schuldenschnitt, statt neuer Kredite und wird von den europäischen Politikern und großen Teilen der Presse zum Buhmann gemacht.

Gerade diejenigen, die die griechische Misswirtschaft der vergangenen Jahrzehnte toleriert haben – oder sich schlichtweg nicht dafür interessierten – fallen nun über Tsipras und seine Regierung her, als ob er der leibhaftige Teufel wäre. Woher kommt diese hemmungslose Aggression? Was hat diese Regierung getan, dass sie solch hasserfüllte Beleidigungen über sich ergehen lassen muss?

Damit ich nicht falsch verstanden werde: Mir geht es nicht darum, Partei zu ergreifen für Tsipras und seine Syriza  oder den Institutionen in Brüssel die Schuld zuzuschieben. Das mögen Leute tun, die mehr von Politik und Wirtschaft verstehen als ich. Ich möchte nur die ermahnen, die sich zum Thema Griechenland äußern: Seid vernünftig! Bitte lasst diese einseitigen und bösen Kommentare über die Griechen: Ganz gleich, ob in Talkshows, in der Presse oder am Stammtisch – von Politikern, Journalisten oder Bekannten. Ihr macht mir Angst!

Griechenland steht am Abgrund und die Griechen, die jetzt ihren Job verloren haben, ihre Sicherheit oder ihre Existenz, tragen an dieser Misere keine Schuld. Sie haben unsere Häme, unseren Hass und unsere Arroganz nicht verdient. Sie sind die Opfer eines maroden Systems, das durch Kredite der EU künstlich am Leben erhalten wurde. Ich finde es einfach geschmacklos, wenn wir, die wir jahrelang von der Zinslast und Sparpolitik Südeuropas profitiert haben, uns als vermeintliche Opfer aufspielen und unsere Verachtung über die Griechen ausschütten. Das steht uns nicht zu! Wir sind keine Opfer sondern die Profiteure!

Als Trainer für Emotionale Intelligenz habe ich die Erwartung an mich und meine Mitmenschen, dass wir die Ursachen unserer Emotionen verstehen und persönliche Ängste und Enttäuschungen hinterfragen und verarbeiten lernen. Wer in Deutschland mit seinem Leben unzufrieden ist, kann dafür nicht die Griechen verantwortlich machen, sondern muss die Schuld bei sich selbst suchen. Bevor ich mich in Hasstiraden über andere Völker und Länder ergehe, sollte ich zunächst mein eigenes Wesen verstehen. Besonders wenn ich Deutscher bin!

Niemandem in Europa geht es so gut wie uns. Deshalb liegt es in unserer Verantwortung, den Griechen zu helfen, statt sie zu beschimpfen. Lasst uns beweisen, dass wir nicht nur nehmen, sondern auch geben können. Nicht mit weiteren Krediten, aber mit Hilfsprogrammen, Beratungs-Knowhow und Investitionsbereitschaft. Wir sind souverän genug, mit den Griechen einen Neuanfang zu wagen. In einer europäische Union, die eine echte Gemeinschaft wird, die Werte wie Solidarität und Menschlichkeit lebt, und diese umzusetzen weiß.

Tsipras ist der erste Regierungschef, der den Mut hat, das Spardiktat der Troika infrage zu stellen. Er ist der erste, der auch an die armen Bürger denkt und die Schuldenspirale durchbrechen will. Was gibt uns das Recht, ihn zu verteufeln? Er sollte seine Chance bekommen. Tsipras hat diese Woche den Anfang gemacht und ein ernst zu nehmendes Reformprogramm angekündigt. Jetzt sollten Europa und die Banken dem Land entgegenkommen. 

 

Dieses Training hilft destruktive Glaubenssätze zu überwinden

Foto: loewyne_pixelio.de

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