CIT-Consult Emotion-Blog

Im Paradies oder jede Erwartung ist eine Illusion

10.06.2015 von: Heike Anne Dietzel

Kennen Sie das? Urlaub – Sie freuen sich schon Wochen darauf, bald nichts mehr tun zu dürfen. Zwei Wochen sind Sie dann mal weg. 14 Tage voller Entspannung, Nichtstun und Dinge, für die Sie im Alltag wenig oder keine Zeit haben. Viel Essen und lange Schlafen.  Bummeln, ein zweites Frühstück in der Bar. Vespafahren. Ihre Vorfreude ist immens. Sie bereiten sich vor,  Sie schließen im Büro alles ab bzw. übergeben es an Ihren Kollegen, der unglaublich eifersüchtig ist, weil er im regnerischen Deutschland zurückbleibt und Sie in den sonnigen Süden fahren.

Soweit die Theorie. Soweit die Geschichts- bzw. Märchenbücher. Ich falle immer wieder darauf herein. Sie auch? Die Erwartungen. Oder Vorfreuden. Oder wie auch immer Sie diese Gedanken nennen wollen, die im Kopf herumfliegen und eine Messlatte konstruieren, die das Erleben schwierig macht. Jetzt sitze ich hier im Paradies und es dämmert mir, dass ich genau diese Messlatte im Kopf habe. Es sind meine immensen Erwartungen,  die mich einholen.

Im Büro habe ich nicht alles abgeschlossen und auch nichts an meinen Geschäftspartner übergeben. Am Tag der Abreise in meinen Urlaub bin ich sehr früh morgens noch ins Büro gefahren, weil ich noch die letzten Dinge erledigen wollte., was ich aber nicht geschafft habe. Ich wollte nicht in den Urlaub fahren und dort noch Rechnungen verschicken, Webinare und Trainingskonzepte vorbereiten. Ich wollte auch kein Kapitel für das neue Buch schreiben. Ich weiß es doch besser. Eigentlich. Ich weiß es doch, weil ich es schon so oft durchexerziert habe. Ich weiß, wie es ist, einen Urlaub ohne Arbeit zu verbringen und wie es ist, einen mit Arbeit zu verbringen. Das letzte Mal hat es wunderbar geklappt. Warum jetzt nicht?

Jetzt bin ich also im Urlaub und es sollte ein Paradies sein. In diesem Paradies war ich schon mindestens fünfzehn Mal. Und wissen Sie, was mich diese Tage umtreibt? Die Tatsache, dass es die letzten Urlaubstage nicht wirklich ein Paradies war. Ich habe gearbeitet und mich insgeheim mit Erwartungen von Urlaub wie er sein sollte beschäftigt. Heute morgen endlich aber ist das Paradies glücklicherweise zurückgekommen: Ich sitze auf  dem Balkon und höre das Meeresrauschen. Gerade habe ich den Kopf gedreht und auf die Bucht hinausgeschaut. Unglaublich intensives Türkis. Elbameerwassertürkis. Das Meer hat hier diese wunderschönen Schattierungen zwischen dunkelblau und türkis, die einem fast den Atem rauben. Wenn die Sonne scheint. Und dann das Grün der Macchia. Die Schönheit ist immens und glücklicherweise sehe ich sie heute wieder.

Auch die Vogelwelt scheint von der paradiesischen Natur gefangen zu sein. Vögel sausen durch die Luft als gäbe es keinen Morgen. Ich schaue ihnen zu und halte den Atem an. Zwei Spatzenpärchen, die sich ohne Unterlass durch die Bäume jagen. Ich überlege mir, wie sie wohl überhaupt noch durch die Luft navigieren können, bei den vielen rasanten Richtungswechseln, Figuren und der Geschwindigkeit, mit der sie durch die Luft rasen! Ich dachte immer, das Paradies liegt auf einer tropischen Insel im Indischen Ozean, aber jetzt dämmert es mir: jeder Ort kann in jedem Moment Paradies sein.

Das Paradies ist da, weil ich es sehe und mich daran erfreuen kann. Die Tage hier bisher habe ich wenig Paradies gesehen. Ich habe oft gedacht: Ich muss am Hafen bummeln. Ich muss baden. Ich muss hierhin und dorthin. Ich muss mich gut fühlen. Ich muss dies und das. Ich denke, dass ich all das erfüllen muss, damit es ein schöner Urlaub wird. Wie fatal.

Jede Erwartung ist eine Illusion. Jedes Muss eine Falle. Wahrscheinlich habe ich wieder den Fehler gemacht, mich mit Erwartungen zu überfrachten und in all dem, was sein muss und sollte, vergessen, das zu sehen was ist und mich daran zu erfreuen. Und so erlebe ich, dass die Vorfreude fast die schönste Freude war und ich das, was ist – die kleinen Wunder wie die Spatzenpärchen, die durch die Pinien jagen – nicht mehr sehe.

Ich habe mich gerade entschieden. Für diese Tage, für diesen Urlaub will ich mir etwas vornehmen. Das Paradies ist da. Ich kann es sehen, wenn ich nur will. In Ruhe und ohne Erwartung. Ohne Muss, wie der Tag auszusehen hat, was ich tun muss und sollte. Dafür Dürfen und Wollen. Augen auf und schauen was ist und kommt. Eine wunderbare Übung, die so einfach scheint und gleichzeitig der Schlüssel zu allem ist.

Mir schwant, dass vielleicht in jedem Urlaub ein wenig Arbeit steckt und in jedem Arbeitstag ein wenig Urlaub. Ich will die Herausforderung annehmen. Falls Sie gerade in den Urlaub fahren: ich wünsche Ihnen, dass Sie die Erwartungen zu Hause lassen und Ihnen viele Spatzenpärchen im Sauseflug begegnen. Die kleinen Flugkünstler sind eine Schau! Willkommen im Paradies!

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Foto: Heike Anne Dietzel

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