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Déjà-vu – wie sich Geschichte wiederholt

07.05.2015 von: Michael Blochberger

Déjà-vu – wie sich Geschichte wiederholtAlexander steckt mitten in den Abiturprüfungen. Gestern bittet er mich, mit ihm seine mündliche Prüfung in Deutsch zu simulieren. Sein Thema: Die Erfahrungen von Ohnmacht in der frühen Moderne (1900–1930). Erfahrungen von Ohnmacht? frage ich. Worum geht's denn da? "Um einen Vergleich literarischer Werke und Filme aus der Zeit der sozialen Revolution: Kafka, Tucholsky, Ernst Toller oder Metropolis." Während ich mich wie ein Prüfer in die Textvorlagen und Fragen einer typischen Prüfungsaufgabe einlese, wächst mein Respekt vor dieser Herausforderung. Das hier ist ein wirklich anspruchsvolles Thema.

Er präsentiert mir eine Zusammenfassung von Tucholsky's "Arbeit tut not–!": Ein Text aus Befehlen, Parolen und Ausrufezeichen, der ein düsteres Bild einer lauten Arbeitswelt zeichnet: Voller Stumpfsinn, Leistungsdruck, Massenproduktion, Gewinnmaximierung und Kriegsdrohungen. "Wer wird uns den rasenden Kaufmann bezwingen–? Arbeit tut not: Die Masse wirds bringen."

"Setzen Sie diese Darstellung in Beziehung zu Ihnen bekannten Werken und Filmen der frühen Moderne" lese ich aus meinen Prüfungsunterlagen ab. Alexander vergleicht das Gedicht mit Metropolis, dem Film von Fritz Lang: Der Arbeiter als hilfloses Rädchen im Getriebe der Massenproduktion. Der Stumpfsinn monotoner Arbeitsabläufe. Fremdbestimmung und Unterdrückung durch die Industriebosse. Der Verlust an Individualität in der Masse. Auch hier diese düsteren Bilder und vergleichbaren Symbole. Aber hier der Widerstand der Arbeiter gegen das System.

Auch in anderen Werken erkennt er die Parallelen: Die Unterdrückung von Individualität und Selbstverwirklichung. Ausbeutung aufgrund ungezügelter Profitgier. Die Bedeutung des Krieges für die Wirtschaft bei Toller. Die Arbeiter als Kanonenfutter der Industrie. Die Opferrolle des Individuums in einem allmächtigen System bei Kafka. Alexander zeigt ein gutes Gespür für die beklemmende Symbolik der damaligen Literatur. Und je tiefer ich mich auf die Gefühle und Ängste der damaligen Zeit einlasse, desto mehr Parallelen entdecke ich zu heute.

"Diskutieren Sie die Bedeutung der Masse für die Arbeitswelt/Wirtschaft" lese ich in meinen Unterlagen. Alexander und ich diskutieren über die Masse als manipulierbare Konsumenten. Ihre Notwendigkeit für ein reibungsloses Funktionieren der Produktion. Die Masse zur Reproduktion von Nachwuchs für Arbeiterschaft und Armee. All diese Werke sind im Eindruck des ersten Weltkrieges und der Wirtschaftskrise 1927 entstanden und sie tragen eine Hoffnungslosigkeit und Aggression in sich, der Nährboden des kommenden Nationalsozialismus.

"Welche Parallelen der Ohnmacht sehen Sie in der heutigen Zeit?" In der Diskussion über diese letzte Prüfungsfrage wird mir Angst und Bange: Damals war es die monotone Arbeit an lauten, gesundheitsschädlichen Industriestätten, die krank machte – heute ist es der Leistungsdruck in einer komplexen, oft sinnlos erscheinenden Arbeitswelt, die zum Burnout führt. Damals war es der Verlust der Individualität durch die Anpassung an vorgegebene Arbeitstakte in der Produktion – heute verlieren wir unsere Individualität durch Anpassung an Modetrends, Konsumzwänge oder verlieren uns im Internet. Damals wie heute flüchten sich viele Menschen in eine Phantasiewelt, um an den Missständen und Ungerechtigkeiten nicht zu verzweifeln.

Unsere Diskussion wird immer politischer. Wie vor hundert Jahren häufen sich Finanz- und Wirtschaftskrisen. Wie vor hundert Jahren gehören kriegerische Konflikte wieder zu unserem politischen Alltag, weil es wirtschaftliche Interessen zu verteidigen gilt. Wie vor hundert Jahren werden wir kontrolliert und fremdbestimmt, um die Systeme und Machtinteressen zu schützen, nur geschieht das in der digitalen Welt viel reibungsloser und unauffälliger. Wie vor hundert Jahren scheint die Politik hilflos und gefällt sich in der Rolle des Opfers oder Mittäters skrupelloser Wirtschaftsinteressen. Wie vor hundert Jahren gewinnen Rechtspopulisten und Rechtsradikale mit Unterstützung einer unmoralischen Presse an Macht und Einfluss.

Haben wir nichts aus der Geschichte gelernt? Müssen wir einen dritten Weltkrieg fürchten?

"Worin besteht denn der entscheidende Unterschied zwischen damals und heute?" stelle ich uns die Frage. Nicht im größeren Wohlstand oder der scheinbaren persönlichen Freiheit, die wir in Europa genießen können. Nein. Der entscheidende Unterschied liegt in der Globalisierung. Die Mächtigsten vor hundert Jahren waren die Großindustriellen der einzelnen Nationen. Deshalb fanden Unterdrückung und Ausbeutung in jeder Gesellschaft unmittelbar statt. Heute wird die Welt von wenigen Finanzmogulen global beherrscht. Unser kleiner, privater Wohlstand wäre ohne die Ausbeutung und die Armut in der Dritten Welt gar nicht möglich. Damit werden auch Konflikte und Kriege globalisiert. Und im Interesse der Mächtigen finden diese Kriege solange außerhalb unserer Lebensräume statt, bis der Terror der Unterdrückten uns erreicht hat.

In der politischen Auseinandersetzung haben wir den Bogen von Alexanders Prüfungsthema weit überspannt. Aber zwei Aspekte haben wir daraus gewinnen können: Alexander ist bestens auf seine Prüfung vorbereitet. Und wir erkennen unsere Pflicht, etwas zu verändern, damit Geschichte sich nicht wiederholt.

 

Foto: Wolfgang Pfensig/pixelio.de

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