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Trauer – ein fast vergessenes Gefühl

05.05.2015 von: Heike Anne Dietzel

Trauer und Abschied, fast vergessene GefühleTrauer. Was bedeutet dieses Gefühl? Was bedeutet es in unserer heutigen Gesellschaft? Was bedeutet es Ihnen ganz persönlich? Einige von Ihnen werden beim zweiten Teil der Überschrift innerlich aufgeschrien haben. Oder zustimmend genickt haben. Ein fast vergessenes Gefühl. Sie haben zustimmend genickt, weil Sie wissen, was Trauer bedeutet und weil Trauer für Sie niemals vergessen ist. Sie leben sie. Sie fühlen sie. Sie wissen, welche Kraft und Energie in ihr steckt.

Sie heissen sie willkommen, wenn sie anklopft. Sie macht Sie für einige Momente schwer, sehr schwer sogar. Traurig. Oft sogar sehr traurig, wenn wir an den Menschen denken, der uns vor kurzem verlassen hat, der nicht mehr zurückkommt, der für immer gegangen ist. Unser Herz krampft sich zusammen, das Blut pulsiert in den Adern. Da steigt sie dann hoch, die Kehle zieht sich zusammen, und Tränen schiessen in unsere Augen. Wir fühlen uns alleine, weil der Mensch nicht mehr da ist, weil wir ihn gerne noch bei uns hätten, uns mit ihm/ ihr unterhalten würden und er einfach weg ist.

Trauer so zu erleben ist ein Geschenk. Es gibt uns eine große Tiefe. Tiefe im Erleben unserer selbst, unserer Gefühle. Es macht uns lebendig. Trauer ist ein kraftvolles Gefühl, das wie eine Welle kommt und wie eine Welle geht. Sie reinigt uns, unser Inneres, sie ermöglicht es uns, weiterzumachen. Denn wenn wir Trauer leben und ausdrücken, können wir danach freier und leichter den nächsten Schritt machen.

In unserer Gesellschaft ist Trauer fast ausschließlich negativ besetzt. Viele, die sich mit Trauer eingehend auseinander gesetzt haben, sagen, dass wir heute hier in Deutschland keine Trauerkultur mehr haben. Wir haben keine Rituale mehr, mit der wir trauern. Unsere Toten werden schnell weg gesperrt, begraben und wir gehen sofort zurück in den gewohnten Alltag.

Warum ist Trauer in unserer Gesellschaft so negativ besetzt? Weil sie uns Angst macht. Zudem ist unser Leben schnell und klopft permanent fordernd an unsere Tür. Da ist der Kunde, der wieder einen Sonderwunsch hat. Da ist mein Kind, das um halb vier Uhr morgens weinend an meinem Bett steht, weil es einen Albtraum hatte und da ist mein Chef, der mich um halb neun abends anruft, weil er ein wichtiges Dokument vergessen hat. So wenig Raum und Zeit haben wir in unserem Leben. Kaum finden wir Zeit für unseren Partner, um wenigstens einmal die Woche nur zuzuhören, was ihn beschäftigt. Wo ist die Zeit, um hinzuschauen, was uns tief im Inneren bewegt?  

Noch dazu müssen und wollen wir immer gut drauf sein. Wie kommt das denn, wenn wir beim Abendessen mit Freunden erzählen, wie sehr uns der Tod unserer Mutter oder unseres Vaters mitnimmt? Dass wir jeden Morgen mit den Tränen kämpfen, weil wir daran denken müssen, wie er/ sie sich von mir verabschiedet hat? Keiner will das doch hören, denken wir. Alle wollen doch nur ihren Wein trinken und einen netten Abend verbringen.

Ein Kollege im Büro erzählte mir ein paar Wochen, nachdem sein Vater gestorben war: „Es muß weitergehen. Ich habe eine Familie und Kinder. Das Leben geht weiter. Ich habe ein Bild von meinem Vater hier und in meiner Wohnung aufgestellt. Es ist alles gut.“ Ich hatte ihn darauf angesprochen und ihm von meiner Trauerbegleitungsausbildung erzählt, und meiner Erkenntnis, wie wichtig es ist, zu trauern. Ihn gebeten, sich dafür Zeit zu nehmen.

Es gibt viele unter uns, die Trauer genauso wie er von sich schieben. Oft sehe ich Gesichter an mir vorüberfliegen, die hart sind. Verkantet und unbeweglich. Der Blick starr. In den Augen eine große Leere. Was passiert in diesen Menschen? Ist das das Leben, das weiter geht? Es ist nicht die Trauer, die mir Angst macht, sondern diese Gesichter. Mir macht eine Gesellschaft Angst, die nicht mehr trauern kann. Die nur mehr im Autopiloten durch das Leben rast. Und dabei verkennt, dass sie das Leben vergisst, wenn sie nicht trauert.

Es ist unabdingbarer Teil unseres Lebens, Abschied zu nehmen. Von geliebten Menschen, von geliebten Tieren, von geliebten Orten oder von einem geliebten Arbeitsplatz, der mir durch eine Umstrukturierung genommen wurde. Auch der Abschied von unseren Wunschbildern gehört dazu. Vom Wunschbild meines perfekten Mannes, vom Wunschbild meiner perfekten Familie, von meinem Wunsch, Kinder zu bekommen. Immer wieder wird uns das Leben in die Situation bringen, Abschied nehmen zu müssen. Es ist eine der ganz großen Übungen in unserem Leben.

Ein Freund von mir aus der Kindheit ist über seine nicht gelebte Trauer depressiv geworden. Die Trauer um seine Mutter hat ihn krank gemacht. Sie ist vor über zehn Jahren an Krebs gestorben und war sein Rettungsanker, sein Hafen, sein Zufluchtsort gewesen. Dass Gefühle so groß werden, dass sie uns überfordern, dass wir sie verschließen und wegpacken, ist in seinem Fall geschehen. Nachdem der Bruder meines Freundes vor zwei Jahren ebenfalls an Krebs gestorben ist, hat er erkannt und entschieden, diesmal nah dran zu bleiben. Sich den Gefühlen zu stellen und nicht wegzulaufen. Er trauert und es berührt mich sehr, zu sehen, mit welcher Intensität er die Trauer zulässt. Es ist der einzige Weg, den er hat, um im Leben zu bleiben.

Vergessen Sie bitte nie, dass Sie die Wahl haben. Trotz aller Prägungen und Erfahrungen, die wir gesammelt haben und die uns auf ganz bestimmte Art und Weise auf Ereignisse reagieren lassen. Jeden Tag und jede Sekunde haben Sie die Wahl, es anders zu machen als in der Vergangenheit. Vergessen Sie bitte nie, dass Sie sich entscheiden können, jeden Tag und jede Sekunde. Wie Sie mit diesem Ereignis, einem Verlust umgehen wollen. Sie haben die Wahl: Sie können mit Angst reagieren und auf Autopilot schalten und irgendwann mit einem erstarrten Gesicht durch die Gegend rennen. Damit laufen Sie direkt in die Wüste des Lebens und werden im übertragenen Sinn innerlich austrocknen. Sie werden sich krank machen. Alternativ können Sie sich entscheiden, den geraden Weg nach vorne zu gehen und sich mutig anzuschauen, was in Ihrem Inneren passiert.

Sie haben die unglaubliche Chance, mit der Trauer in die Tiefe zu gehen und sich dort zu erleben. Sie werden sich Zeit dafür nehmen müssen. Zeit für sich, um dem Gefühl nachzuspüren. Sie werden etwas Ruhe und Stille benötigen. Aber die brauchen Sie sowieso, wenn Sie ehrlich sind. Schon wegen Ihres hochgetakteten Alltags. Vielleicht gehen Sie an den Ort, der Sie mit der geliebten Person verbindet. Dort werden Sie sie spüren können und Sie werden ihr danken können, dass sie da ist. Sie können sich Zeit für einen Spaziergang nehmen, um in der Natur zu sein, auf einen Berg zu gehen, an einem See zu sitzen. Die Natur, mit der wir unmittelbar verbunden sind, wird Ihnen helfen, sich wieder mit Ihren Gefühlen zu verbinden. Es ist der wahre Weg zurück ins Leben. Glauben Sie mir. Probieren Sie es doch einfach mal aus. Und schreiben Sie mir, wie es war. Damit ich beim nächsten Mal berichten kann, dass die Trauer einen Schritt zurück in die Gesellschaft geht. Darüber würde ich mich von ganzem Herzen freuen!

 

Ein Training zum Thema: Mit Gefühl und Empathie zu mehr Erfolg

Foto: Helene Souza/pixelio.de

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