CIT-Consult Emotion-Blog

Gestern waren wir viele, heute sind wir allein

26.03.2015 von: Michael Blochberger

Dieser dramatische Flugzeugabsturz des Germanwings-Fluges am 24. März hat uns alle aus dem emotionalen Gleichgewicht gebracht. Mit Entsetzen verfolgen wir die Nachrichten, die rund um die Uhr in den Medien laufen. Es ist nicht nur die Tatsache, dass es die erste Tragödie solchen Ausmaßes in der deutschen Zivilluftfahrt nach dem zweiten Weltkrieg ist. Vieles an diesem Unglück ist so irritierend, erschütternd und unglaublich, dass uns der Atem stockt, weil es in Friedenszeiten so unbegreiflich scheint.

Zum Ersten ist da die Schülergruppe aus Haltern in Westfalen, die mit ihren zwei Lehrerinnen auf dem Rückweg von Barcelona nach Hause war. Angehörige, Mitschüler, Schuldirektor und der Bürgermeister haben geliebte Menschen aus ihrer Mitte verloren, die sie persönlich kannten oder deren Familie in ihrer Nachbarschaft lebt. Aber auch uns, die wir diese Menschen nicht persönlich kennen, macht der Verlust dieser jungen Leben besonders betroffen, weil es schmerzt, zu sehen, dass diesen Kindern, die so interessiert waren an der spanischen Sprache und einem Austausch mit anderen Kulturen, die Chance genommen wurde, ihr gerade erst begonnenes Leben wahr zu machen. Das berührt uns zutiefst, selbst abgebrühte Politiker, die es gewohnt sind, Anteilnahme und Mitgefühl zu heucheln,  wirken ehrlich berührt und erschüttert, unabhängig davon, ob sie in direkter Verantwortung stehen oder nicht.

Eine neue Dimension von Betroffenheit und Tragik erfährt dieses Unglück durch die heutigen Erkenntnisse der französischen Staatsanwaltschaft, die zu dem Schluss kommt, dass der junge Co-Pilot der Maschine das Flugzeug offensichtlich absichtlich in den Sinkflug steuerte, als der Kapitän das Cockpit für ein paar Minuten verlassen hatte. Als dieser zurück ins Cockpit wollte, wurde die Tür von innen blockiert, so dass der Kapitän den Aufprall der Maschine nicht mehr verhindern konnte.

Uns allen stellen sich die Fragen: Was geht in einem Menschen vor, der mutwillig sich selbst und 150 weitere Menschen in den Tod schickt? Was kann einen Menschen dazu bewegen, sich und anderen so etwas anzutun? Wie kann es sein, dass so ein Verhalten niemandem von seinen Angehörigen, den Freunden und Kollegen aufgefallen ist?

Es liegt in der Natur vieler Menschen, jetzt nach Verantwortlichen zu suchen. Schon fragen Journalisten nach den Sicherheitskriterien der verantwortlichen Fluggesellschaft. Prüfverfahren und psychologische Eignungstest werden infrage gestellt. Der Ruf nach verstärkten Kontrollen wird laut.

Doch was muss noch passieren, bis wir annehmen können, dass wir das Leben und unser Miteinander nicht gänzlich kontrollieren können? Wir kennen die ursächlichen Gründe dieses Co-Piloten nicht. Viele Spekulationen und Nachforschungen werden folgen, um Klarheit in dieses Ereignis zu bringen. Aber ganz gleich, was dabei herauskommt, es wird eine persönliche Tragödie erkennbar werden, die niemand in seinem persönlichen Umfeld erkannt hat. Eine Tragödie, die diesen Menschen dazu bewegt hat, ein so erschütterndes Zeichen zu setzen. Vielleicht sich zu rächen für erlittene Schmerzen, Niederlagen oder Abhängigkeiten.

Was bleibt uns nun in unserer Trauer und Verzweiflung? Was können wir daraus lernen? Vielleicht zwei Dinge.

Diese Tragödie ist eine Chance, uns bewusst zu machen, dass unser Leben endlich ist. Der Sinn dieses unseres Lebens kann es nicht sein, alt und reich zu werden. Wir können nur versuchen, jeden Tag unseres Lebens zu genießen, so dass wir zu jedem Zeitpunkt sagen können: Ja, dieser Tag, dieser Moment war nach meinen Vorstellungen. Ich habe mich nicht verstellen und verbiegen müssen und ich kann zufrieden sein mit diesem Tag, weil ich ihm Sinn gegeben habe.

Diese Tragödie ist aber auch eine Chance zur Besinnung, dass wir nicht alleine sind auf dieser Welt, sondern uns als Gemeinschaft verstehen müssen. Aller Egoismus, jede Rücksichtslosigkeit, jede Form der Ausbeutung, die wir zunehmend in unserem Land erkennen müssen, muss auf die Gemeinschaft zurückschlagen. Dass niemand die Tragödie des Co-Piloten erkannt hat, dass niemand dessen Gefühle erkannt hat, ist Zeichen genug, dass in unserem Miteinander etwas nicht mehr stimmt.

So viele Menschen spüren eine Sehnsucht, sich zu zeigen, sich anzuvertrauen, Wertschätzung und Zuwendung zu erfahren. Aber wie wenige Menschen nehmen sich die Zeit dafür, zuzuhören, die Ängste, Trauer oder Verletzungen ihrer Mitmenschen wahrzunehmen? Wir haben ein System geschaffen, in dem es immer mehr um perfektes Funktionieren des Einzelnen geht, immer weniger um das Mensch sein. Vielleicht war hier ein Mensch, der nur so etwas gebraucht hätte, ganz unprofessionell aber liebenswürdig? Vielleicht hätten ein paar Minuten ausgereicht, um 150 Menschen zu retten?

Wenn jeder von uns aus seiner Betroffenheit den Schluss ziehen würde, jeden Tag nur 5 Minuten für einen anderen Menschen zu investieren, ohne das von einem persönlichen Vorteil abhängig zu machen, könnte es eine Energie schaffen, die unserem Zusammensein in der Welt eine neue Qualität gibt. Eigentlich sollte ein solch menschliches Verhalten selbstverständlich sein. Eine Gesellschaft, in der so etwas nicht mehr möglich ist – das sollte uns bewusst sein – befindet sich eigentlich im Krieg. Im Krieg "Jeder-gegen-Jeden". Bitte lasst uns das verhindern!

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