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Andreas Kümmert und die Freiheit des Siegers

07.03.2015 von: Michael Blochberger

Andreas Kümmert ist ein Vollblut-Musiker und lebt natürlich von der Resonanz, die er bei seinen Zuschauern durch seine Musik erzeugt. Vermutlich hat ihn das dazu bewegt, bei Unser Song für Österreich mitzumachen. Dass Andreas in seiner Musik aufgeht, ist ebenso zu spüren wie seine Hilflosigkeit im Umgang mit dem Medienrummel. Dass er vor dem Finale krank wird, ist sicher kein Zufall. Trotzdem tritt er auf und gewinnt. Warum entscheidet er sich dann auf dem Höhepunkt seines Erfolges gegen einen Auftritt beim Eurovision Song Contest?

Viele Aussagen, wie die seiner Produzenten, sprechen dafür, dass Andreas im Laufe dieses Wettbewerbs gespürt hat, dass er in dieser Welt des Showbusiness nicht zu Hause ist. Die Abläufe hinter der Bühne und der Presserummel haben ihn offensichtlich so mitgenommen, dass er krank wurde. Und er hat auf sein Herz gehört und den Mut gehabt, Nein zu sagen und seinen Titel an Ann-Sophie, die Zweitplatzierte, abzugeben.

Dieser überraschende Rücktritt hat viele seiner Anhänger enttäuscht, die zu Tausenden für ihn abgestimmt haben und ihn als würdigen Vertreter für Deutschland in Wien sehen wollten. Das ist verständlich.

Was mich aber zutiefst erschreckt, sind die aggressiven Reaktionen in den sozialen Netzwerken und in einigen Medien. Von einer Sekunde auf die andere wird Andreas vom Helden zum Opfer gemacht und hemmungslos beschimpft. Ihn dafür als Feigling, Weichei, Schwächling, Loser und schlimmer zu titulieren, halte ich für völlig unangemessen.

Die hasserfüllte Sprache in vielen Beiträgen und Posts erinnert mich auf fatale Weise an Durchhalteparolen vergangener Zeiten. Da schicken wir junge Menschen zu unserem Vergnügen an die Front eines brutalen Showbusiness und wenn einer mal so selbstreflektiert ist, zu erkennen: "Das ist nicht mein Kampf. Ich trete nicht mehr an." Dann wird er öffentlich hingerichtet wie ein Deserteur. LEUTE! Wir sind nicht im Krieg...!

Wir sollten ganz ganz vorsichtig sein, unser Feingefühl und unsere Toleranz anderen Menschen gegenüber nicht zu verlieren. Woher kommen diese Häme, dieser Spott und diese Wut? Sind sie vielleicht Ausdruck unseres eigenen, unterdrückten Bedürfnisses, lieber heute als morgen aus einem Spiel aussteigen zu wollen, das nicht das unsrige ist? Jetzt hat sich mal einer getraut, das zu tun, was viele von uns machen würden, wenn sie es sich leisten könnten. Wir müssen ihn dafür hassen, oder aber wir erkennen uns selbst darin und lernen etwas daraus.

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