CIT-Consult Emotion-Blog

Die Gestaltungskraft des Unterbewussten

19.02.2015 von: Michael Blochberger

25 Jahre lang war Kreativität für mich als Chef einer Werbeagentur von existenzieller Bedeutung. Um für meine Kunden überzeugende Lösungen zu gestalten, stürzte ich mich in stundenlange Recherchen, suchte Inspiration in Büchern oder im Internet, tüftelte mit meinen Mitarbeitern an zielgruppenspezifischen Marketingkonzepten. Aber je tiefer wir uns in ein Thema einarbeiteten, um so komplexer schien die Aufgabe. Je mehr Fleiß, Ehrgeiz und Engagement ich in eine Sache steckte, desto unbefriedigender schienen mir die Ergebnisse. Erst wenn ich frustriert aufgab, mich auf einen Spaziergang machte, auf die Toilette floh oder nachts von der Arbeit träumte, ging mir ein Licht auf.

Die besten Ideen kamen als tiefe, emotionale Eingebungen über mich. Sie durchfuhren mich wie Lichtblitze in Momenten der Entspannung. In alltäglichen Gegenständen erkannte ich plötzlich Dinge von tragender Symbolkraft. Ich träumte von Wort-Bild-Kombinationen, die mich mit einer solchen Freude erfüllten, dass ich davon aufwachte, um sie notieren zu können. Diese intuitiven Bilder und Geistesblitze waren so überzeugend und motivierend, dass sie mein Team und mich fast mühelos zum Ziel trugen. In der Umsetzung brauchte es nur wenige Korrekturen, um die Idee den Bedingungen des Auftrages anzupassen und überzeugend zu präsentieren.  

Ebenso faszinierend wie irritierend war die Tatsache, dass die Abläufe sich so ähnelten, dass ich eine gewisse Gesetzmäßigkeit dahinter vermuten konnte. Also begann ich, Bücher über Kreativitätsforschung zu lesen, um diesem Phänomen auf die Spur zu kommen und fand meine eigenen Erfahrungen wissenschaftlich bestätigt:

1. Die Präparation (Vorbereitung)

In der Phase der Einstimmung sammeln und entdecken wir das notwendige Wissen, um das Problem zu verstehen und aus diesem "Rohmaterial" später kreative Lösungsansätze zu entwickeln. Je tiefer die Analysen und je vielseitiger die gesammelten Informationen sind, desto größer wird die Datenmenge, aus der wir später schöpfen können.

2. Die Inkubation (Reifung)

Durch die Komplexität der Daten scheint eine schnelle Lösung oft schwierig. Es entsteht ein demotivierendes Frustgefühl, das uns verleitet aufzugeben. Der Kreative sucht dann die Distanz zum Problem, versucht sich zu entspannen und beschäftigt sich mit themenfremden Dingen. In dieser Phase können die gesammelten Informationen ins Unterbewusstsein absinken und werden dort, ohne dass es uns bewusst wird, mit vergessenen oder verdrängten Erfahrungen verglichen und emotional verarbeitet. Das ähnelt einem Reifeprozess, in dem die Kontrolle des Verstandes umgangen wird, um gewohnte Denkmuster und beschränkte Sichtweisen zu überwinden.

3. Die Illumination (Erleuchtung)

Der eigentliche kreative Einfall wird als spontane und emotionale Reaktion des Unterbewusstseins erlebt und als Geistesblitz oder Erleuchtung beschrieben. Plötzlich sind alle Zweifel wie weggeblasen. Die Lösung zeigt sich in einer überzeugenden Klarheit und wird oft von einem Gefühl der Euphorie getragen. Auslöser für diese kreativen Momente können zufällige Wahrnehmungen von außen sein aber auch unbewusste persönliche Erkenntnisse. In solchen Momenten ist eine erhöhte Produktion von Alpha-Wellen im Gehirn nachweisbar, die in Entspannungsphasen, in Meditationen und in Träumen entstehen und uns den Zugang zum Unterbewussten ermöglicht.

4. Die Verifikation (Umsetzung)

In der Phase der Umsetzung und Realisation wird die Machbarkeit der gefundenen Lösungsansätze überprüft und wenn notwendig, den Realitäten angepasst. Dabei ist zu beobachten: je intensiver die Vorbereitung und je tiefer die Inkubation, desto überzeugender und resistenter erweist sich eine Lösung gegenüber Kritik und Zweiflern.

Mit diesem Wissen konnten wir unsere kreativen Prozesse weiter optimieren:

  • Wir intensivierten die Phasen der Recherche, indem wir Marktforschung betrieben, Fachleute hinzuzogen und unterschiedliche Kreativitätstechniken einsetzten.
  • Wir planten für kreative Projekte Zeitpuffer ein, um Abstand zu gewinnen und dem Reifeprozess Raum zu geben.
  • Ich stärkte mein Vertrauen in Intuition, indem ich mir Block und Stift ans Bett legte, um auf Eingebungen vorbereitet zu sein.
  • Ich lernte, Prioritäten zu setzen und mich aufs Wesentliches zu konzentrieren, weil ich erkannte, dass intuitiv immer nur das vorrangige Problem zu lösen ist.

Persönlichkeitsentwicklung als kreativer Prozess

Nach Jahren der erfolgreichen Agenturarbeit war es wieder eine Eingebung, die mich dazu bewegte, beruflich neues Terrain zu betreten: Ich war seit längerem auf der Suche nach neuen Geschäftsfeldern und hatte gerade das CIT Institut gegründet, als ich im Urlaub das Buch Emotionale Intelligenz von Daniel Goleman las. Die dort beschriebene Einsicht, dass unsere Gefühle eine viel größere Rolle für unseren beruflichen Erfolg spielen als bisher angenommen, war für mich so beeindruckend, dass ich spontan beschloss, ein Persönlichkeitstraining zu entwickeln, das die Bedeutung der Emotionalen Intelligenz vermitteln und trainieren kann.

Auch die Entwicklung dieses Trainings war für mich ein langer kreativer Prozess. Die vier Trainingstage sollten eine Struktur und Dramaturgie erhalten, dass der Teilnehmer sich selbst in einem Prozess der Selbsterkenntnis erleben konnte. Jeder Tagesabschnitt wurde einem Thema gewidmet, das auf dem Vorherigen aufbaut. Und jedes Thema wurde durch sich ergänzende Übungen aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet. Das führt zu einem intensiven Sammeln von Wissen und neuen Erfahrungen, das von den Teilnehmer schwer zu verarbeiten ist. Die Rahmenbedingungen verhindern aber, dass sie sich ablenken oder der Intensität entziehen können.

Zwischen den informativen und intensiv reflektierten Übungen werden durch Meditationen und Körperarbeit auch Ruhepole möglich, in denen sich der Verstand ausklinken kann und die Erfahrungen im Unterbewusstsein verarbeitet werden. Es ist natürlich kein Zufall, dass genau diese Übungen oft zu Momenten der Erleuchtung führen, in denen die Teilnehmer zu tiefen emotionalen Erkenntnisse kommen. In Entspannung und Wertschätzung findet das Unterbewusstsein hier das ersehnten Vertrauen, sich zu öffnen. Ängste, Verletzungen und Verhaltensmuster werden erkennbar und führen zu klaren und logischen Entwicklungsschritten.

Der vierte Trainingstag ist dann der Umsetzung gewidmet, oder wie es im Seminarjargon heißt: dem Transfer in den Alltag. Maßnahmenpläne, Meilensteine und Affirmationen werden entworfen, damit die Lösungsansätze realisierbar werden und es gibt Unterstützung durch Einzelcoaching. Doch die größte Motivation zur Veränderung entsteht immer durch die Intensität der individuellen Erleuchtung.

Durch meine früheren Erfahrungen mit kreativen Prozessen bin ich zu einem vehementen Verfechter mehrtägiger Trainings und kontrastreicher Methodik geworden. Die Mehrzahl  kurzer Seminare bleiben in Phase 1 und Phase 4 hängen und sind viel zu kurz, um einen Reifeprozess und eine Einbeziehung des Unterbewussten zu ermöglichen. Wenn ich die Ebene der Persönlichkeit erreichen und diese entwickeln will, sind drei bis vier intensive Trainingstage ohne Ablenkung notwendig. Und es braucht einen ständigen Methodikwechsel zwischen Input und Output, geistiger und körperlicher Arbeit, Aktion und Entspannung. Das zu vermitteln, liegt mir am Herzen. Und ich bin dankbar, dass ich durch meine frühen Erfahrungen die Kraft und Energie entwickeln konnte, für diese Erkenntnis zu kämpfen.

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