CIT-Consult Emotion-Blog

The greatest love of all

02.12.2014 von: Michael Blochberger

Schon durch die Auswertung des Online-Tests zur Vorbereitung auf das EQ-Training war ich vorbereitet. Die Antworten von Ulrike waren so extrem und widersprüchlich, dass wir eine ungewöhnlich eigenwillige Persönlichkeit erwarten durften. Und so kommt es denn auch.

Ulrike zeigt sich vom ersten Seminartag an als charmante und stolze Frau, die mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg hält. Schnell urteilt sie über Menschen und Situationen und äußert diese Bewertungen in teilweise verletzender Offenheit. Noch härter als mit ihrer Umgebung geht sie allerdings mit sich selbst ins Gericht. Ihre Selbstzweifel und ihre teilweise vernichtende Selbstkritik wollen einfach nicht zu ihrem äußeren Erscheinungsbild und ihrer Präsenz passen. Ist diese Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdbild tatsächlich so groß? Oder ist das nur "Fishing for Compliments"?

Ihre negative Selbsteinschätzung veranlasst die Teilnehmer und uns Trainer immer wieder zu Gegendarstellungen und diese positiven Feedbacks tun ihr sichtlich gut. Von Übung zu Übung bekommt sie mehr Bestätigung, gewinnt an Vertrauen zu sich und anderen und legt langsam ihre Schroffheit ab. Sie genießt es, von der Gruppe angenommen und aufgefangen zu werden und je mehr sie von der liebevollen Atmosphäre aufsaugen kann, desto weicher und warmherziger kann sie sich geben.

Von Tag zu Tag kommen ihre gute Beobachtungsgabe und ihre hohe Reflexionsfähigkeit mehr zum Tragen. Durch gute Fragen und kompetente Wortbeiträge wird sie zum informellen Führer der Gruppe. Und doch kommt immer wieder mal ihr innerer Zwiespalt zum Vorschein, der sich schon im Test zeigte: Wenn es darum geht, Verantwortung zu übernehmen, für die Gruppe zu handeln, weicht sie zurück, wird wieder unsichtbar, wirkt sie wie ein kleines Mädchen, das vor etwas auf der Flucht ist.

Ist das reine Bequemlichkeit oder ein subtiles Spiel mit unserer Gunst? Sie kennt das von ihrer Arbeit, sagt sie. Dort wird ihr seit Jahren eine Führungsposition angeboten und sie lehnt ab, weil sie sich vor der Verantwortung fürchtet. Und gleichzeitig spüren wir alle, wie viel Spaß es ihr macht, mit Menschen umzugehen, im Mittelpunkt zu stehen, Einfluss zu nehmen. Sie dominiert die Gruppe, bringt Ideen ein, wenn andere nicht mehr weiter wissen. Es tut ihr gut, auf die Gefühle anderer liebevoll einzugehen. Sie spendet Trost ohne bemitleidend oder belehrend zu werden.

Nach drei intensiven gruppendynamischen Tagen geht es am vierten Tag um den Transfer in den Alltag. Aus den Erlebnissen und Erkenntnissen werden reale Ziele entwickelt und Arbeitsschritte geplant. Im Einzelgespräch geben wir Trainer Hilfestellung für eine nachhaltige persönliche Entwicklung. Ulrike ist voller Enthusiasmus. Sie hat sich neu erlebt, spürt jetzt ihren Mut, neue Herausforderungen anzunehmen.

Zum Abschied induzieren alle gemeinsam ihre konstruktiven Glaubenssätze, die sie auf dem Weg in die Zukunft unterstützen sollen – unterlegt mit einem Song von George Benson, in dessen Refrain es heißt:
 
Because the greatest love of all
Is happening to me
The greatest love of all
Is easy to achieve
Learning to love yourself
It is the greatest love of all
 

Ulrike kommen die Tränen. Berührt von ihrer eigenen Vision und der liebevollen Melodie bricht es aus ihr heraus, kann sie ihre tiefe Trauer nicht mehr zurückhalten. In ihren Tränen zeigt sich ihre Sehnsucht nach echter Verbundenheit, nach mehr Selbstbewusstsein und Liebe zu sich selbst. Und da schwingt eine Angst mit, vielleicht das Vertrauen der Gruppe zu verlieren, im Alltag wieder auf sich selbst zurückgeworfen zu werden.

Wir alle fühlen uns mit ihr verbunden, erkennen unsere eigene Trauer in ihren Tränen, möchten ihr den Raum geben, sich zu zeigen. Aber ihr Mut, ihre stolze Fassade sind wie weggeblasen. Zu groß ist ihre Scham, die Kontrolle über ihre Gefühle verloren zu haben. Zu tief sitzt der Hass gegenüber der eigenen vermeintlichen Schwäche. Sie, die den Gefühlen anderer liebevoll begegnen kann, hat sich von der eigenen Trauer so weit distanziert, dass sie diese als eine von außen kommende Gefahr erlebt.

Im Kontakt mit ihr verhärtet sich ihr Gesichtsausdruck, scheint sie für mich nicht mehr erreichbar. Auf meine offenen Fragen antwortet sie mit Schuldzuweisungen. In ihrer Wahrnehmung haben wir ihr Schmerzen zugeführt. Ihre Neugier auf Selbsterkenntnis ist einer dumpfen Aggression gewichen. Wie groß muss ihre Angst sein, dass sie sich nicht traut, tiefer in die eigene Seele zu schauen?

Wie ist ihr zu helfen? Ich rate ihr, sich eine/n Therapeuten/in zu suchen, um die Ursachen ihrer Trauer zu konkretisieren und zu bearbeiten. Denn je mehr Ulrike sich von ihrer Trauer zu distanzieren sucht, desto stärker wird deren Macht. Erst wenn sie ihre Trauer annehmen und als Teil ihrer Persönlichkeit lieben lernt, wird diese ihrem Glück und ihrer Entwicklung nicht mehr im Wege stehen. Nur so kann ihr inneres Ich heilen und zu dem werden, was andere schon lange in ihr sehen: Eine starke, liebenswerte und erfolgreiche Frau.

 

Foto: jutta rotter_pixelio.de

 

facebook twitter