CIT-Consult Emotion-Blog

Vom Mut Grenzen zu überschreiten und der Sehnsucht Brücken zu bauen

09.11.2014 von: Michael Blochberger

Mein Vater brüstete sich immer damit, einer der letzten gewesen zu sein, der ohne SED-Parteibuch aber mit uns im 'Wartburg' die DDR verlassen durfte. Das war ein Jahr vor dem Mauerbau und ich war damals acht Jahre alt. Zu jung, um die unterschiedlichen Systeme, Erwartungen und Normen zu verstehen. Aber auch zu alt, um mein emotionales Erleben und meine gesellschaftliche Prägung verdrängen oder ablegen zu können. Ich war und bin ein Kind der deutschen Teilung: Ein Verstandesmensch westlicher Prägung, der sein Herz an einen sozialen Idealismus verloren hat. Kein Wunder also, dass der Fall der Mauer vor 25 Jahren mir so nahe ging.

Mit Herzklopfen verfolgte ich 1989 die Berichterstattung über die Ereignisse in der Prager Botschaft und die Montagsdemos in Leipzig, die nur wenige Meter von unserer alten, 29 Jahre zuvor verlassenen Wohnung entfernt vorbeiführten. Ich bewunderte den Mut und die Entschlossenheit, mit der zigtausende auf die Straßen gingen, um für ihre Freiheit und ihre Bedürfnisse zu demonstrieren. Ich wusste um deren Sehnsucht nach Veränderung, hatte Angst vor möglichen Reaktionen der SED und spürte, dass hier Geschichte geschrieben wird. Trotzdem übertraf das neue Ausreisegesetz und deren Ankündigung von Günter Schabowski am Abend des 9. November alle Erwartungen.

Die Fernsehbilder von den nach Westen strömenden Besuchern an den Grenzübergängen weckte in mir den Wunsch, in diesem ehrwürdigen Moment dabei zu sein. Ohne zu zögern buchten wir mit ein paar Freunden die letzten freien Plätze im Flieger nach Berlin und landeten am Samstag in Tempelhof. Zwei Tage lang feierten wir an der offenen Grenze den Fall der Mauer. Wie ein trockener Schwamm sog ich die Bilder auf, die ich nie vergessen werde:

Die dahintreibenden Menschenmasse am Kurfürstendamm. Die auf der Mauer tanzenden Menschen vor dem Brandenburger Tor. Die endlosen Schlangen vor den Banken, um das Begrüßungsgeld entgegenzunehmen. Die überfüllten Kaufhäuser und Feinkostläden, die ihre Türen schließen mussten und die Kunden nur einzeln einließen. Die unzähligen, fast sprachlosen Ossis, die ihren Augen nicht zu trauen schienen. Das Drängeln vor den Lastwagen von denen Obst und Milchtüten verteilt wurden. Die staunende Stille vor den duftenden Brezeln- und Wurstständen.

Die Nacht verbrachten wir feiernd am Checkpoint Charlie, um die nicht enden wollende Schlange von passierenden Autos zu begrüßen. Ganz gleich, ob Trabbi, Lada oder Wartburg, sie wurden durch Klopfen aufs Blech begrüßt und geschaukelt. Nur die mutigsten Grenzgänger öffneten ihre Fenster, um einen Schluck aus der Flasche mit uns zu teilen. Es wurde gesungen, getanzt und gelacht. Wunderkerzen wurden entzündet, um Autos und Grenzpolizisten zu schmücken. Und wer nichts mehr zu trinken hatte, ging ins Café Adler, um Nachschub zu holen.

In diesem grenzenlos ausgelassenen Durcheinander war kaum die Ruhe, mit Einzelnen mehr als ein paar Worte zu wechseln. Zu dicht gedrängt waren die Menschen in den Straßen. Zu überwältigend waren die Eindrücke. Zu unterschiedlich die Menschen aus Ost und West. Nach Jahren der Trennung und der Sehnsucht nach Freiheit und Konsum wirkten viele Ossis von der Lautstärke, der Dichte und der Dominanz im Westen überfordert. Die Menschen schwappten ins vermeintliche Paradies, trieben aber weitgehend isoliert durch eine ihnen fremde Welt. Mit etwas Abstand war schon Anfang November 1989 erkennbar, dass Wiedervereinigung mehr heißt, als nur Beton-Mauern zu überwinden. Noch viele Jahre des sich Annäherns sollten nötig sein, um Menschen und Gesellschaft zusammenwachsen zu lassen.

Um so wichtiger war mir, an diesem Wochenende in Berlin zu sein, um den 25. Jahrestag des Mauerfalls zu feiern, die symbolische Lichtgrenze abzuschreiten und die Wiedervereinigung an der zentralen Schnittstelle zwischen Ost und West nachfühlen zu können.

Schon in der Anfahrt über den Nordosten der Stadt wird sichtbar, wie viel sich im Äußeren verändert hat. Lebensstandard, Wohnqualität und Konsum sind angekommen. Es ist angenehm, durch die Straßen und Alleen zu fahren. Weniges erinnert mich an die alte DDR. Nur die Unaufgeregtheit im Verkehr und die bescheidenen Parkgebühren lassen ahnen, dass wir uns im Osten Berlins befinden. Zu Fuß folgen wir der Bornholmer Straße in Richtung Westen zum ehemaligen Grenzübergang. Nehmen den Weg, den die Bürger am Abend des 9. November '89 gegangen sind.

Vor dem Mauerstück am Platz des 9. November schreiten wir die im Boden eingelassene Chronologie der Ereignisse ab: Eine Kette in Metall gegossener Termine: 23.20 h "Tor auf! Tor auf! Wir kommen wieder." lese ich. Die Szenen werden real. Mir kommen die Tränen. Nur wenige Schritte sind es bis zur Brücke über die Bahngleise, die die Grenze bildeten. Hier scheint es mir noch nach DDR zu riechen, nach Braunkohle und Eisenbahn. Wie ein Hoffnungsschimmer winken die weißen Ballons der Lichtgrenze im Wind. Hier auf der Mitte der Brücke beginnt die Lichtinstallation, die sich dem ehemaligen Grenzverlauf folgend nach Süden zieht. Gemeinsam mit anderen folgen wir der Lichterkette in Richtung Fernsehturm. Genießen die Andacht und Unberührtheit.

Der Spaziergang entlang des alten Grenzverlaufs wird für mich zur Zeitreise. Je mehr wir uns der Innenstadt nähern, desto belebter die Straßen, desto imposanter die Gebäude. Im Regierungsviertel, vor dem Brandenburger Tor, am Potsdamer Platz werden die beleuchteten Ballons immer mehr zur Dekoration einer imposanten Stadtkulisse. Vor der riesigen Bühne vor dem Brandenburger Tor wirken sie wie zu kurz geratene Straßenlaternen. Die erleuchteten Bürotürme des Potsdamer Platzes erheben sich über die Lichtgrenze wie Symbole des allmächtigen Kapitalismus. Hier in der Luxusmall des Westens wird die bescheidene Lichterkette zum schlichten Symbol der Geschichte. Fast unvorstellbar, dass hier einmal der Todesstreifen verlief.

Durch das Berliner Zentrum des Wohlstands schlängelt sich die Lichtgrenze in stiller Symbolik. Unzählige Menschen sind gekommen, um der wundersamen Revolution von vor 25 Jahren zu gedenken. Das Sprachengewirr entlang der Lichterkette und an den Gedenkstätten zeugt von einem europaweiten Interesse an unserer Vergangenheit. Viele ausländische Familien nutzen die Tage, um ihren Kindern Geschichte zum Anfassen zu bieten.

Als die 7.000 Ballons im Rahmen des Bürgerfestes am Sonntag Abend von ihren Paten gelöst werden, verfolgen wir am Bildschirm, wie sich 7.000 Botschaften und Wünsche aus aller Welt in den Himmel erheben. Wieder spüre ich meine tiefe Verbundenheit mit dem Geist dieser einmaligen Lichtinstallation. Hier bekommt der Mensch als Individuum in der Gemeinschaft eine Stimme, was im Prozess der Wiedervereinigung der letzten 25 Jahre so oft zu kurz gekommen ist.

Ich verstehe, warum ich 25 Jahre danach wieder dabei sein wollte, wenn die Lichtgrenze sich öffnet. Ich als Kind der deutschen Teilung genieße die kleinen Momente der Wiedervereinigung. Und mir wird bewusst, warum ich mich für die Emotionale Intelligenz in der Wirtschaft so engagiere: In der "Wiedervereinigung von Herz und Verstand" in meiner Arbeit als Trainer verarbeite ich meine eigene Sehnsucht nach Zugehörigkeit zwischen westlicher Logik und östlicher Emotionalität. Meine Erfahrungen als Kind der deutschen Teilung treiben mich an, Menschen dabei zu unterstützen, einen Sinn in ihrer Arbeit und ihrem Leben zu finden, jenseits von Egoismus und Materialismus.

Ich spüre Dankbarkeit in mir, dass ich diesen Weg gehen durfte. Dass ich dabei war, als Grenzen überschritten wurden. Dass in mir die Sehnsucht weiter lebt, Brücken zu bauen zwischen West und Ost, Wohlstand und Idealismus, Freiheit und Sinnhaftigkeit.

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