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Kirschen in Nachbars Garten – Wege aus der Neidgesellschaft

17.08.2014 von: Michael Blochberger

"Dass du dir immer so viel Urlaub leisten kannst!" aus den Worten meiner Kollegin spricht der blanke Neid. Was soll ich ihr darauf antworten? Dass ich auch am Urlaubsort an Seminarkonzepten und Artikeln arbeite? Dass mir während der trainingsreichen Monate keine Freizeit bleibt, weil ich oft über's Wochenende unterwegs bin? Dass wir in den Urlaubswochen ein bescheideneres Leben führen als zuhause?

Ich habe es aufgegeben, mich zu rechtfertigen. Stattdessen stelle ich die Frage: "Wenn es dir wichtig ist, was hindert dich daran, selbst länger Urlaub zu machen?" Und dann kommen die Ausreden: Das Geld, die Termine, die familiären Verpflichtungen und die vielen anderen Interessen – da bliebe gar keine Zeit. Das Bedürfnis nach mehr Urlaub, das wäre schon vorhanden, aber deshalb auf anderes verzichten, dann müsse man ja, ... und wenn, dann wolle man auch nicht auf's Geld achten müssen.

Diese Neiddebatte ist nur ein liebevolles Abbild dessen, was in unserer Wohlstandsgesellschaft doch zum Alltag gehört: Wie kleine Kinder begehren wir die reifen Kirschen in Nachbars Garten, obwohl auch auf dem eigenen Baum ganz prachtvolle Früchte wachsen. Oft übersehen wir auch die Mühe und Liebe, die notwendig sind, damit ein Baum solche Früchte trägt. Wir wollen unser Leben in vollen Zügen genießen. Doch Arbeit und Verantwortung übernehmen? Selbst einen Baum pflanzen? Müssten wir da nicht auf so vieles verzichten, das uns doch auch so wichtig ist?

Neid als Spiegel der Persönlichkeit

Neid ist eines der elementarsten Gefühle, das den Menschen seit Urzeiten beherrscht. Schon die alten Griechen kannten die gute und die schlechte 'Eris'. Mit der guten war der konstruktive Neid gemeint, der die Menschen antreibt und nach Höherem streben lässt. Mit der schlechten 'Eris' war die Missgunst gemeint, die Triebfeder, anderen in ihrem Erfolg zu schaden. Schon Hippokrates hat Neid mit der gelben Galle und dem Choleriker in Verbindung gebracht, einem der vier Charaktertypen, die auch bei Fritz Riemann näher beschrieben werden.

Doch sind diese Formen des Neides wirklich zu trennen? Wir alle kennen das Gefühle des Neides und nach meiner Überzeugung erzeugt es bei allen Menschen auch die gleichen biochemischen Reaktionen. Nur haben wir gelernt, mit diesen Reaktionen ganz unterschiedlich umzugehen, weil jeder von uns von unterschiedlichen Lebensmotiven und Wertevorstellungen angetrieben wird.

Menschen, bei denen die Motive 'Macht' oder 'Rache' stark ausgeprägt sind, werden Neid als Impuls zur Aggression verstehen und dazu tendieren, dem Beneideten zu schaden. Andere, mit hoher Zielorientierung und dem Bedürfnis nach Anerkennung, werden es als Ansporn verstehen, noch mehr zu leisten und noch besser zu werden. Idealisten und Teamorientierten ist es wohlmöglich ein Aufruf zur Forderung nach mehr Gerechtigkeit und Moral in der Gesellschaft. Kurz: Am Neid scheiden sich die Geister.

Der Umgang mit den eigenen Neidgefühlen ist also eine gute Chance, die eigenen Lebensmotive und Persönlichkeitsmuster zu erkennen und zu entwickeln. Für mich ist es aber nicht nur eine Frage von Bewusstsein und Persönlichkeit. Wenn wir unsere Neidgesellschaft wieder zu mehr Gemeinschaftssinn und Zwischenmenschlichkeit führen wollen, kommt dem Umgang mit Neid eine Schlüsselrolle zu. Nur wenn wir lernen, dieses Gefühl in sozialverträgliche Energie zu transformieren, finden wir wieder Zufriedenheit und Frieden in unserer Gesellschaft.

Neid als Spiegel der Gesellschaft

Besonders in Deutschland, scheint der Neid größer als anderswo. Obwohl oder gerade weil wir über einen breite, wohlhabende Mittelschicht verfügen, ist vor allem in dieser Gesellschaftsschicht der meiste Neid anzutreffen. Je mehr wir besitzen, desto mehr scheinen wir nach Egoismus und Luxus zu streben. All zu leicht lassen wir uns von Moden, Trends und Werbung verführen. Wir suchen Glück und Befriedigung im Äußeren, im Konsum von Produkten, die wir nicht wirklich benötigen. In Beschäftigung mit der trügerischen Oberflächlichkeit lassen wir uns davon ablenken, Glück und Zufriedenheit in uns selbst zu entdecken.

Trotzdem ist Neid keine Zivilisationskrankeit, sondern eher die Folge eines demokratischen Gerechtigkeitsempfindens. Dort, wo Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit versprochen werden, die Einkommensverhältnisse aber immer weiter auseinander klaffen, regiert die Angst, den erreichten Status zu verlieren. Neidgefühle sind also weniger von der Höhe des Einkommens abhängig als vielmehr von dem Gefühl mangelnder Sicherheit, Wertschätzung und Anerkennung. Wo Chancengleichheit nicht mehr gegeben ist, werden Gemeinschaftssinn und Zusammenhalt langsam zerstört. Es ist also auch gesellschaftlich von Interesse, die Ursachen des Neides zu ergründen und nach Lösungen zu suchen.

In ärmeren Ländern, wo man es gewohnt ist, täglich für den eigenen Lebensunterhalt kämpfen zu müssen, scheinen die Menschen gastfreundlicher, lebensfroher und zufriedener. Obwohl oder gerade weil das Geld nicht reicht, sich durch Besitz und Status zu profilieren, scheinen Hilfsbereitschaft und Gemeinschaftssinn besser entwickelt. Man ist darauf angewiesen, füreinander da zu sein und kann sich auch am Glück anderer erfreuen. Auch diese Menschen können neidisch sein. Aber der Neid scheint sich auf die  wirklich Mächtigen und Reichen zu richten, gegen die man sich im täglichen Miteinander solidarisieren kann.  

Vergleichen und Bewerten – die Quellen des Neides

Der beste Nährboden des Neides, ist der weit verbreitete Drang, die eigenen Erfolge, Errungenschaften und Besitzstände mit denen anderer Menschen zu vergleichen und zu bewerten. Steht beim Nachbarn ein neues Auto vor der Tür, sind wir mit unserem nicht mehr zufrieden. Gönnen sich unsere Freunde eine teure Luxusreise, schämen wir uns für unseren Camping-Urlaub. Was können wir dagegen tun?

Jeder Mensch macht in seinem Leben ganz unterschiedliche Erfahrungen, entwickelt eigene Bedürfnisse, Fähigkeiten und Charakterzüge. Die daraus entstehenden Lebenswege sind so einzigartig, dass ein gegenseitiges Abwägen ebenso sinnlos ist, wie es unglücklich macht. Wer seine Neidgefühle loswerden möchte, sollte also zunächst damit aufzuhören, fremde Erfolge überzubewerten, den eigenen Lebensweg anzuzweifeln oder verpassten Chancen hinterher zu trauern. Das beste Mittel gegen Neid ist ein gesundes Selbstbewusstsein.

Als mir im Alter von 40 Jahren bewusst wurde, dass ich lange dem falschen Beruf und den falschen Frauen gefolgt war, war auch ich neidisch auf die erfolgreicheren Kollegen und glücklichen Familienväter. Aber meine scheinbar vergeudeten Jahre waren nicht verschenkt. Ich brauchte diese Zeit, um mich von falschen Bewertungen zu verabschieden, an den zahlreichen Niederlagen zu wachsen und mir das Selbstbewusstsein anzueignen, mich neuen Zielen und Aufgaben widmen zu können. Neid kann da eine Initialzündung sein, etwas in seinem Leben zu ändern. Für das Glück ist es nie zu spät, nur: Der einzige Maßstab, den ich an meine Erfolge anlegen darf, bin ich selbst.

Unabhängig von Status und Konsum

In einer kapitalistischen Gesellschaft wie der unsrigen sind wir es gewohnt, an unserem Einkommen, unseren Statussymbolen und unserem Konsumverhalten gemessen zu werden. Wir schweigen über die Höhe unseres Einkommens, leasen repräsentative Autos, die wir uns eigentlich nicht leisten können, gönnen uns luxuriöse Urlaubsreisen in die Südsee, pflegen teure Hobbys und wohnen in angesagten Wohnvierteln, obwohl die Mieten dort kaum bezahlbar sind. Um dazuzugehören, tragen wir Markenkleidung und zeigen uns großzügig. Bis hin zur Höhe eines vergebenen Trinkgeldes passen wir unser Leben fremden Normen an, ohne dass uns das bewusst sein muss.

Wer all diese Normen gleichzeitig erfüllen will, muss zu den Großverdienern zählen. Viele Menschen leisten dafür Überstunden, überfordern sich im Beruf oder verschulden sich, nur um den Normen zu entsprechen. Wer immer mithalten will, verliert seine wirklichen Bedürfnisse schnell aus den Augen. Wer seiner Neidgefühle Herr werden will, sollte sich dem Kampf um Status und Konsum möglichst entziehen.

Ich habe für mich schon sehr früh einen eigenen Weg aus diesem Dilemma gefunden. In der Selbständigkeit habe ich gelernt, mit einem minimalen Einkommen auszukommen und Gewinne in meine Zukunft zu investieren. Gleichzeitig genoss ich die Freiheit, niemandem über meine Urlaubstage Rechenschaft ablegen zu müssen. Mir als kreativem Außenseiter wurde zugestanden, einen statusfreien Kleinwagen zu fahren, ein Sakko zu tragen, das sich vom materiellen Wert nicht einordnen ließ, oder mit Marken und Statussymbolen zu spielen. In dieser Form des humorvollen Konsumverzichts habe ich mich von manchen Neidgefühlen distanzieren können und zu finanzieller Unabhängigkeit gefunden.  

Verzicht – der Beginn des Erfolgs

Schon der vielzitierte Marshmallow-Test konnte vor über 50 Jahren nachweisen, dass Kinder, denen es gelingt, auf kurzfristigen Lustgewinn zugunsten höherer Ziele zu verzichten, ein zufriedeneres und erfolgreicheres Leben führen als jene, die der kurzfristigen Versuchung unterliegen. Erfolg basiert demnach nicht nur auf erworbenen Fähigkeiten und Ehrgeiz, sondern ist in erheblichem Maße davon abhängig, in wie weit ich meine primitiven Impulse unter Kontrolle habe und im Sinne meiner Lebensplanung Prioritäten setzen kann.

Einer unserer primitivsten Impulse ist der Neid und es ist gut zu beobachten, dass diejenigen, denen es schwer fällt, Prioritäten zu setzen, die nicht bereit sind, für ihre großen Ziele und Bedürfnisse Opfer zu bringen, am häufigsten unter Neidgefühlen zu leiden haben. Oft haben sie gar keine eigenen Ziele, kennen ihre tieferen Bedürfnisse nicht, verschwenden ihre Kraft in vielen kleinen Projekten oder verstecken ihre Enttäuschung hinter Frustkäufen, oberflächlicher Geselligkeit oder anderen "Betäubungsmitteln".

Wer erfolgreich sein will, sollte lernen, auf Nebensächliches zu verzichten, um ideell wie finanziell in ein langfristiges Ziel, eine Vision investieren zu können. Wenn man weiß, was einem wirklich wichtig ist im Leben, dann ist schon die Sehnsucht nach Erfüllung Befriedigung genug. Dann verzichtet man gerne auf viele Arten der Ablenkung, des Konsums und der Ersatzbefriedigung. Das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein, entbindet auch der Gefahr, auf andere neidisch zu sein.

Auch ich habe lernen müssen, zu verzichten: In meiner frühen Selbständigkeit habe ich auf Sicherheit und Festgehalt verzichtet und an Selbstbestimmung und Selbstsicherheit gewonnen. In meiner späten Ehe durfte ich lernen, dass Kinder und Familie mehr Glück bereiten als zwei gute Managergehälter. Und schließlich habe wir uns unseren Lebenstraum von einem Ferienhaus unter Kanarischer Sonne erfüllt. Für dieses Ziel verzichten wir seit Jahren auf Überseereisen und viele andere teure Vergnügen.

Neid ist ein ätzendes Gefühl aus Unzufriedenheit, Hass und Ohnmacht, eine Gefühlslage, die Liebe, Glück und Gemeinschaftsinn nachhaltig zersetzen kann. Je mehr ich unter dieser Atmosphäre leide, desto stärker spüre ich die Notwendigkeit, mich diesem Sog zu entziehen. Meine Zeit im Süden ist mir also weniger Urlaub als Überlebensstrategie. Hier, in unverfälschter Natur, kann ich mich vom Zwang einer Neidgesellschaft befreien, die mich nach Werten zu beurteilen sucht, die nicht die meinen sind.

"Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein" (Johann Wolfgang von Goethe, Faust 1)

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