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WM 2014 - Der Triumph des Kollektivs über das Ego

14.07.2014 von: Michael Blochberger

Wo sind sie geblieben, die großen Fußballstars, die angeblich ein Spiel entscheiden können? Die Ronaldos, Neymars oder Messis? In Brasilien war wenig zu sehen von ihrer Genialität, weil die taktische Mannschaftsleistung ihrer Gegner sie nicht hat zur Geltung kommen lassen. Ich bin kein Fußballfachmann, aber für mich war die WM 2014 ein beeindruckender Beweis für die Bedeutung von Taktik und Teamgeist im modernen Fußball.

Hoch gehandelte Favoriten wie Spanien, Italien oder England mussten schon nach der Vorrunde die Heimfahrt antreten. Die brasilianische Seleçao ohne Neymar scheiterte gegen Deutschland und Holland kläglich. Dafür zeigten Nationen, die keiner auf der Liste hatte, wie Chile, Algerien oder Nigeria überzeugende Mannschaftsleistungen. Kolumbien und Costa Rica kämpften sich sogar bis ins Viertelfinale, ohne echte Fußballstars in ihren Reihen zu haben.

Letztendlich ist das deutsche Team zu Recht Weltmeister geworden, weil es von allen Mannschaften die Erfolgskriterien im modernen Fußball am besten erfüllen und zeigen konnte:

Teamaufbau. Jogi Löw hat es verstanden, eine wunderbare Mischung zusammenzustellen. Alle sind phantastische Fußballer, bringen aber auch eine besondere persönliche Qualität mit ein. Die souveränen Riesen wie Hummels, Mertesacker und Boateng im Abwehrzentrum. Der schnelle Höwedes auf der linken und der wuselige Lahm auf der rechten Außenbahn. Der ehrgeizige Khedira und der kämpferische Schweinsteiger im Zentrum vor der Abwehr. Toni Kroos als genialer Passgeber und Präzisionsschütze. Der unberechenbare Müller, immer für eine Überraschung gut. Ösil und Götze als feine Techniker. Klose und Schürle als Joker mit Durchschlagskraft. Und der unbezwingbare Neuer als Rückgrat der Mannschaft im Tor.

Taktische Disziplin. Nur wenige Mannschaften besitzen die Fähigkeit, ihre spielerischen Qualitäten auf den jeweiligen Gegner einzustellen. Der unbändige Kampfgeist gegen Ghana, Geduld und Ausdauer gegen Algerien, der hemmungslose Spielwitz gegen Brasilien. Die deutsche Mannschaft beherrscht scheinbar alle Disziplinen, wechselt die Taktik nach Bedarf, ohne ihre Sicherheit zu verlieren. Das spricht nicht nur für gute technische Fähigkeiten und strategisches Verständnis. Jogi Löw überzeugt nicht nur durch seine Strategien, die Spieler verstehen seine Anweisungen auch und wissen sie umzusetzen!

Teamgeist. Alle sind großartige Kämpfer. Jeder bringt aber auch seinen ganz eigenen Charakter ein, diese ergänzen sich in der Mannschaft auf wunderbare Weise und bringen in der Summe ein entscheidendes Mehr an Qualität. Löw hat es verstanden, ein Team zu formen, das die Andersartigkeit der Kollegen zu respektieren weiß. Jeder kann sich auf die Fähigkeiten des anderen verlassen. Wenn einer am Limit ist, ist immer jemand zur Stelle, der die Lücke füllt. Niemand fühlt sich wichtiger oder wertvoller als der andere. Jeder stellt sein bedingungsloses Engagement in den Dienst der Mannschaft. In ihrem ganzen Miteinander scheint die Mannschaft geprägt von ehrlicher gegenseitiger Wertschätzung und Freundschaft.

Demut. Während frühere Mannschaften noch von Führungsspielern wie Ballack abhängig waren, kommt die aktuelle Elf ganz ohne Stars aus. Die Mannschaftskapitäne Lahm und Schweinsteiger sind 'Primus inter Pares'. Für sie ist die Armbinde kein Symbol der Macht, sondern ein Symbol der Verantwortung. Man hat das Gefühl, jeder in der Mannschaft könnte sie im nächsten Moment übernehmen, ohne jeglichen Qualitätsverlust. Jeder Spieler zeigt sich in selbstbewusster Bescheidenheit: Selbstreflektiert und selbstkritisch in schwierigen Situationen. In kontrollierter Freude nach wichtigen Erfolgen. Spieler, die selbst in Siegerlaune sich die Zeit nehmen, den Gegner zu trösten. Das ist großartig und ungeheuer sympatisch.

So viel Menschlichkeit, so viel Ernsthaftigkeit und keine Spur von Arroganz. Das verhilft unseren 'Helden' zu echter Größe. Jogi Löw hat seinen und unseren Traum erfüllt und ein echtes Team geformt, das ohne Macht- und Statusspielchen auskommt, in dem jeder für jeden da ist. Das keinen Leader braucht, weil es sich selbst zu führen weiß.

In dieser Form kann die deutsche Nationalmannschaft uns allen als Vorbild für eine neue Führungskultur dienen. Einer Kultur, die keine Verlierer braucht, um das eigene Ego zu befriedigen, sondern alle Gewinner sein lässt.

 

Foto: Timo Klostermeier/pixelio.de

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