CIT-Consult Emotion-Blog

Männergespräch: Als ob ich nicht schon genug Probleme hätte

25.06.2014 von: Michael Blochberger

Jetzt, da Alexander eine feste Freundin hat, erleben wir ihn missmutiger und aufbrausender als je zuvor. Er, der Meinungsverschiedenheiten so souverän auszudiskutieren weiß, wird plötzlich bei Kleinigkeiten aggressiv, geht und knallt die Türen. "Was ist los mit dir?" frage ich und gehe ihm nach. "Als ob ich nicht schon genug Probleme hätte...!" stöhnt er und ist den Tränen nahe.

Ist es das hohe Schulpensum auf dem Weg zum Abi? Der stipendiumsreife Notenschnitt, den er sich selbst zum Ziel gesetzt hat? Die Erwartungen an ihn als Teil der Familie? Ich nehme ihn in den Arm und finde sein Vertrauen. Nein, es ist die Freundin.

Und während er mir von seiner Freundin erzählt, von ihren Vorwürfen, von seiner Enttäuschung, seiner Wut, seiner Hilflosigkeit, spüre ich, wie meine eigenen frühen Erfahrungen mit dem weiblichen Geschlecht in mir aufsteigen. In Alexander erkenne ich meine eigene Seele wieder: Ich fühle unsere Sehnsucht nach Nähe und Vertrauen, ich spüre den verletzten Stolz, wenn Erwartungen mit Liebesentzug beantwortet werden, die Wut, wenn unterschiedliche Interessen zu verletzenden Schuldzuweisungen führen. Ich kenne seine Gefühle nur zu gut. Ich weiß um seine Sensibilität. Erkenne mich in seinen neurotischen Reaktionen auf die feinen Signale. Auch wenn ich den Wunsch verspüre, ihn vor diesen Schmerzen zu bewahren, kann ich ihm seine Erfahrungen nicht nehmen, muss er seinen eigenen Weg finden, erwachsen zu werden.

Aber ich versuche, ihm ein Coach zu sein. Er schildert mir die Momente der Freude, sein unbändiges Bedürfnis, jede freie Minute mit ihr verbringen zu können. Andererseits das, was ihn so ärgert: Ihren eigenen Anspruch, immer für ihre Familie oder ihre Freundinnen zur Verfügung zu stehen. Dafür regelmäßig Verabredungen mit ihm zu verschieben. Ihre mangelnde Bereitschaft, ihn in ihre Freundeskreise einzubeziehen. Und zuletzt auch noch seine Geburtstagsfeier frühzeitig zu verlassen, um eine Freundin im Liebeskummer zu trösten.

Auf seine Beschwerden hin nennt sie ihn eifersüchtig und egoistisch. Ich frage ihn nach seiner Angst, sie zu verlieren. Nein, die hat er nicht. Ich frage ihn, was er fühlt, wenn sie Verabredungen absagt. Er fühlt sich in seinem Stolz verletzt. Was schmerzt ihn daran? Dass alle anderen ihr mehr wert sind als er. Ja, es ist ihre mangelnde Wertschätzung, die ihn verletzt. Wertschätzung – nicht Eifersucht. Ich sehe, wie er sich jetzt von ihren Vorwürfen und seinen Selbstzweifeln lösen kann. Er gewinnt Sicherheit in dieser neuen Perspektive, lernt, über seine Gefühle zu reflektieren.

Wir sprechen über ihre Familie und ihr soziales Umfeld. Aus seinen Erzählungen spricht Mitleid und Unverständnis: Die allein erziehende Mutter, die Wochenendbeziehung zum Vater, ihre Verantwortung gegenüber ihrer Schwester, Drogenkonsum im Kreis der Freundinnen. Der behütete und verwöhnte Alexander, dem es in seinem bisherigen Leben an nichts mangelte, weiß jetzt sein eigenes Leben neu zu bewerten. Ich frage ihn, warum sie es scheinbar allen Recht machen will. Er versteht, warum sie jede Chance nutzt, ihren Vater zu besuchen, warum sie Angst hat, ihre Schwester allein zu lassen. Er sieht, dass sie nicht die Sicherheit finden konnte, die er genossen hat. Er weiß, dass sie nie erfahren durfte, wie sich eine heile Familie, eine glückliche Elternbeziehung anfühlt.

Er erkennt, dass er viel Geduld haben muss, wenn er ihr begegnen will. Wir sprechen darüber, dass es zwischen einer bedingungslosen Selbstaufgabe und dem Abbruch der Beziehung einen breiten Handlungsspielraum gibt. Dass Beziehung nicht dadurch entsteht, dass man sich anpasst oder aufgibt, sondern dadurch, dass man für seinen Standpunkt kämpft und aufeinander zugeht. Solange beide bereit sind, das zu tun, macht es Sinn, in ein Miteinander zu investieren. "Aber wenn dein Schmerz stärker ist als alle Hoffnung, dann vertraue darauf, selbst den Schlussstrich zu ziehen, bevor sie es tut."

Er erzählt von Freunden, die nicht gemeinsam grillen dürfen, weil deren Freundinnen sich nicht ausstehen können. Er findet das peinlich. Er erzählt von älteren Bekannten, die damit prahlen, fremd zu gehen, weil es ihrer Beziehung gut täte. Er findet das ebenso irritierend wie faszinierend. Wir sprechen über meine Erfahrungen im Kampf der Geschlechter. Er versteht, dass Mädchen oft ihre Achtung vor Jungs verlieren, die kuschen. Es stellt sich die Frage, was es heißt, ein Mann zu sein. Er erzählt, dass er sich morgen mit seiner Freundin treffen würde. Ich frage ihn: "Mit welcher?".

Wir lachen, bis uns die Tränen kommen und fallen uns in die Arme. Ich fühle seine Nähe mehr als jemals zuvor und ich wünschte, ich hätte nur einmal in meinem Leben ein solches Gespräch mit meinem Vater führen können.

 

Ein Weg zu Liebe und Humor

Foto: Bärbel Taubitz_pixelio.de

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