CIT-Consult Emotion-Blog

Über den Umgang mit der Angst

16.06.2011 von: Michael Blochberger

An einer Frage in unserem Online-Test zur Emotionalen Intelligenz scheiden sich regelmäßig die Geister: Auf die Aussage “Ich bin frei von Angst” antworten die einen mit häufig oder immer, die anderen mit nie oder selten. Daraus schließen zu wollen, einige Menschen hätten im Gegensatz zu anderen keine Angst, ist natürlich Unsinn, denn alle Menschen haben Angst. Was diese polarisierende Frage aber abbildet, ist die Tatsache, dass die individuelle Wahrnehmung und die Einstellung zu unseren Ängsten eine entscheidende Rolle spielt.

Angst ist grundsätzlich ein sehr sinnvolles Gefühl, das uns vor Gefahren warnt, uns auf Kampf oder Flucht vorbereitet und somit unser Überleben sichert. Ohne Angst wären Unfälle unvermeidbar, wir wären weniger erfolgreich und könnten in keiner Gemeinschaft leben. Die Fähigkeit, Angst zu empfinden, ist uns angeboren. Mit der Angst umgehen zu lernen, ist ein entscheidender Schritt zum Erwachsenwerden.

Auf diesem Weg haben die einen gelernt, Ängste als Herausforderung zu verstehen: Eine wichtige Prüfung, die Rede vor vielen Menschen, ein Fallschirmsprung oder ein Arbeitsplatzverlust, werden als Chance verstanden, sich zu beweisen und weiter zu entwickeln. Die Angst hilft, diese Herausforderungen zu meistern und mit jedem Erfolgserlebnis wachsen Selbstsicherheit, Mut und Optimismus. Mit wachsendem Erfolg gewöhnt man sich an das Angsthormon Adrenalin. Im Extrem wird man zum Adrenalin-Junkie, dem ein Leben ohne Stress gar keinen Spaß mehr macht. Aber mit dem Dauerstress nimmt die Selbstwahrnehmung stetig ab, und die Gefahr besteht, die realen Gefahren für Gesundheit und Leben nicht mehr zu spüren: Ich habe keine Angst.

Ängstliche Menschen dagegen sind von ihrem Charakter sensibler oder sind als Kind zu besonderer Vorsicht erzogen worden. Sie haben gelernt, Gefahren eher zu meiden und ihre Ängste zu problematisieren. Je mehr sie aber über ihre Ängste nachdenken, desto mehr werden diese verstärkt und um so weniger Mut bleibt, angstbesetzte Situationen anzugehen und zu meistern. Stattdessen bilden sich destruktive Glaubenssätze wie: Ich werde versagen oder Das wird schief gehen, die zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden können. Im Extrem ziehen sich diese Menschen in die Isolation zurück, meiden Kontakte und Risiken und werden depressiv.

Beide Extreme im Umgang mit der Angst können nicht gesund sein. Der richtige Weg liegt natürlich wie so oft in der Mitte. Aber woran erkenne ich, dass ich etwas gegen meine Ängste tun muss? Und wie kann ich lernen damit umzugehen? Hier drei sinnvolle Ansätze:

Wissen und Bewusstsein. Der erste Schritt sollte immer sein, sich über das Phänomen Angst zu informieren und sich der eigenen Ängste und Angstsituationen bewusst zu werden. Denn verdrängen oder negieren macht es nur schlimmer. Zu diesem Zweck gibt es jede Menge guter Literatur, vom Selbsthilfebuch bis zum psychologischen Standardwerk. Grundsätzlich gilt: Solange Ängste nur sporadisch auftreten und dem Auslöser gegenüber angemessen sind, ist es sinnvoll, sich damit zu beschäftigen, aber es gibt keinen Grund, nervös zu werden.

Wenn mein Alltag allerdings von Ängsten dominiert wird, wenn ich mich in meiner Lebensqualität eingeschränkt fühle oder körperliche Beschwerden wie Zittern, Schwitzen, Schwindel oder Herzstechen auftreten, dann ist es Zeit zu handeln. Diese belastenden Ängste werden vielleicht durch eine reale Begebenheit ausgelöst, aber erst meine angstbesetzte Einstellung hierzu und mein Gefühl der Hilflosigkeit machen sie zu dieser drohenden Gefahr. Es sind also die ängstlichen Gedanken, die die Angst zur Panik machen. Und das ist eine gute Nachricht, denn diese Einstellungen und meinen Umgang damit kann ich selbst, auch ohne fremde Hilfe verändern.

Kognitive Strategien zur Angstbewältigung. Bei spontan auftretenden Ängsten hilft es, die Gefühlsausbrüche kurzfristig abzuschütteln, sich von ihnen zu distanzieren, um das Geschehen rationalisieren zu können. Fragen wie: Welche Bedeutung hat das für mich in vier Wochen? Was würde ein guter Freund mir jetzt raten? oder Was soll ich aus dieser Situation lernen? helfen, den Anlass zu relativieren, von alten Erfahrungen und Ängsten zu trennen und sachlicher zu bewerten.

Im zweiten Schritt nehmen Sie sich die Zeit, die Situation schriftlich zu analysieren, um den Auslöser (Person oder Sache) Ihrer Ängste von Ihren angstverstärkenden Einstellungen trennen zu können. Sie definieren den genauen Auslöser Ihrer Angst. Anschließend sammeln Sie alle Bewertungen und Einstellungen, die Sie mit dem Auslöser in Verbindung bringen, wie zum Beispiel: Das halte ich nicht aus! Ich werde meinen Arbeitsplatz verlieren! oder Ich bin das nicht wert! Sie sollten an dieser Stelle ganz schonungslos mit sich sein und nichts beschönigen, denn es geht darum, die falschen Verallgemeinerungen und hysterischen Übertreibungen des Unterbewussten zu entlarven.

Im dritten Schritt ersetzen Sie diese negativen Glaubenssätze durch positive, konstruktive Aussagen. Aus unseren drei Beispielen könnte werden: Was ich will, schaffe ich auch! Mitarbeiter wie ich werden immer gebraucht! oder Ich bin es mir wert! Wenn sich diese positive Umkehrung für Sie unglaubwürdig anhört, dann weil sich Ihr Unterbewusstsein dagegen wehrt. Nehmen Sie diesen neuen Glaubenssatz und wiederholen Sie ihn täglich so lange, bis er zu Ihrer neuen Wahrheit wird. Weitere Anleitungen zur Arbeit mit Glaubenssätzen finden Sie in meinem Buch oder auf Stressmanagement-Trainings.

Ängste überwinden. Zahlreiche Angststörungen haben psychologische Ursachen, die mit neuen Glaubenssätzen allein nicht zu neutralisieren sind. Dazu zählen alle Formen von Phobien, wie zum Beispiel die Angst vor Spinnen, vor Menschenmengen, vor engen Räumen, die Flugangst oder die Höhenangst. Auch hier gilt: Wenn sie mich in meinem Leben stören und behindern, sollte ich etwas dagegen tun. Und der Weg ist immer der gleiche: Ich kann die Angst nur überwinden, indem ich lerne, sie zu ertragen. Ich suche mir also Situationen, vor denen ich Angst habe und durchlebe sie, um zu erfahren, dass die Angst unberechtigt ist. Wer zum Beispiel Höhenangst hat, beginnt damit, auf einer Leiter Sicherheit finden, steigert langsam die Höhen bis er im Fangnetz eines Fernsehturmes frei atmen kann.

Für diesen Weg benötige ich Mut, Disziplin und vielleicht die Unterstützung eines Partners oder Freundes. Aber ich muss die Notwendigkeit und den Vorteil für mich verinnerlicht haben. Wenn mir die Kraft zur Selbstüberwindung fehlt, sollte ich mir professionelle Hilfe durch einen Psychotherapeuten holen. Auch er wird den Weg durch die Angst suchen, denn eine Alternative gibt es nicht. Wer vor Phobien wegrennt, läuft Gefahr, dass sich die Ängste auf andere Situationen und Objekte ausweiten. So kann aus Flugangst eine Phobie vor öffentlichen Verkehrsmittel werden, aus der Angst vor Hunden eine Panik vor allen Säugetieren und die Angst vor Menschenmengen wird zur Angst vor jeglichen Sozialkontakten. Wer will das schon.

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