CIT-Consult Emotion-Blog

Die Null-Fehler-Gesellschaft

05.03.2010 von: Paula C. Bemmann

Willkommen im Land der festen Glaubenssätze

Der Fall einer beeindruckend „eckig-kantigen“ Bischöfin im höchsten protestantischen Amt, die aufgrund eines Fehlers im Privatbereich gegangen worden ist, hat es uns allen in den letzten Tagen wieder einmal eindrucksvoll vor Augen geführt: Der Six-Sigma-Prozess ist endlich auch in den Tiefen unserer Gesellschaft angekommen! Fehlerhafte „Teile“, die nicht 100% der vorgegebenen Norm entsprechen, werden schnell identifiziert, sofort kommuniziert und effizient aussortiert – zum Wohle eines reibungslosen und fehlerfreien Funktionierens des Systems. Wir haben etwas zu feiern! Oder besser nicht?

Dabei steckt hinter Six Sigma doch eigentlich eine große Vision: ein Produkt zu kreieren, das während seines Entstehens ständig von allen am Prozess Beteiligten verbessert wird und zwar dadurch, dass das gesamte Know-how aller immer wieder in den Verbesserungsprozess einfließt. Nicht nur die Ideen und Ansichten des Designers oder Ingenieurs, sondern auch die Erfahrungen des Fließbandarbeiters werden berücksichtigt und wertgeschätzt. Aus Fehlern lernen und dadurch „das Gemeinsame“ weiterentwickeln, das ist doch der Kern. Was ist nur daraus geworden? Ein Run auf eine eigentlich nur rein mathematisch erzielbare Null-Fehler-Qualität, die sich auf alle Lebensbereiche mehr und mehr ausweitet – vom fehlerlosen Produkt über die optimale Dienstleistung hin zum perfekt funktionierenden Mitarbeiter, Vorgesetzten, Firmenchef, Politiker, Lebenspartner, Vater...

Wie entsteht eine solche Fehlentwicklung? Zum Beispiel dadurch, dass ich Ziele mit Visionen verwechsle und mich nur mit der Zielerreichung beschäftige. Indem ich Ziele umsetze(n muss), ohne eine Vision zu haben, sind mir zwar der Nutzen und der Zweck meines Tuns klar, mir fehlt aber der Sinn. Es fällt mir zunehmend schwer, mich bei Rückschlägen oder Hindernissen weiter zu motivieren, weil mir mein Bemühen schnell sinnlos erscheint. Mir bleiben dann nur Außenanreize wie Qualitäts- und Terminvorgaben, Verdienstmöglichkeiten oder zu befürchtende Sanktionen, die mich weiter treiben. Ich lasse mich hetzen zu etwas, nicht motivieren oder begeistern für etwas. Ohne ein Zukunftsbild, wie ich sein möchte oder was ich bewegen will, ist mein Tun sinnentleert. Und das kostet mich immer wieder einen ungeheuren Kraftaufwand, weil meine Energie verpufft statt sich zu potenzieren.

Wenn ich in die Augen anderer Menschen schaue, im Freundeskreis, im Training oder im Coaching, sehe ich oft eine große Traurigkeit. Auf Nachfragen kommt dann meist eine tiefe Sehnsucht zutage, die ausdrückt, was der andere schon lange weiß: „Ich bin unglücklich, weil ich spüre, dass es noch mehr gibt als das, was ich bisher gelebt habe.“. Denn in jedem von uns steckt eine ganz individuelle Lebensvision, die verwirklicht sein will. Sie treibt uns an, eröffnet uns neue Gestaltungsräume und ist eine Kraftquelle, die jeder in den Momenten des Flow ansatzweise spüren kann. Leider haben wir fast alle unsere wunderbare und einzigartige Lebensvision im Laufe der Jahre verraten. Ängste, Selbstaufgabe und Depressionen sind der Lohn dafür.

Diese wiederum versuchen wir „im Griff“ zu halten, indem wir ein immer größer werdendes Absicherungsverhalten an den Tag legen. Wir zeigen uns lieber nicht, wie wir tatsächlich sind, sondern nur so weit, dass wir bei anderen nicht anecken können. „Immer auf der Hut sein, um nur keinen Fehler zu machen!“, wird zu unserem Lebenscredo, sonst... Unsere Katastrophengedanken treten sofort auf den Plan und sind immer auf das Schlimmste vorbereitet: Ansehensverlust, Arbeitsplatzverlust, Existenzgefährdung!

Also werfen wir uns wieder in unser zugeteiltes Hamsterrad und rennen gegen die eigenen Verlustängste an, aber bewegen nicht wirklich etwas. Gefangen durch unseren Tunnelblick, sehen wir nur noch einen kleinen Ausschnitt und sind der festen Überzeugung, dass das unsere ganze Welt sei. Im Bemühen, uns der Sinnlosigkeit dieses Tuns nicht bewusst zu werden, rennen wir immer perfekter im Hamsterrad und nehmen uns nicht die Zeit, uns ernsthaft die Fragen zu stellen, ob es nicht viel bessere Laufumgebungen gibt oder ob wir wirklich rennen müssen.

Was habe ich mich all die Jahre gewunden, um mich nicht mit der Sinnfrage auseinanderzusetzen. Nicht einmal persönliche langfristige Ziele wollte ich für mich festlegen. Zu groß war meine Angst, mich dadurch einzuschränken oder mich bei Nichterfüllung mit meiner eigenen „Unfähigkeit“ auseinander setzen zu müssen. Ich sah nicht die Chance, mich gerade dadurch weiterzuentwickeln und neue Fähigkeiten zu erlernen. Ich spürte nur den Würgegriff meiner Angst, im Neuen Fehler zu machen, die vernichtende Konsequenzen nach sich ziehen würden.

Nach Hans Kreis, einem Visions-Coach, ist unsere Angst nichts anderes als verzauberte Sehnsucht und jeder Schritt auf unserem Sehnsuchtsweg erlöst einen Teil unserer Angst. Für mich brachte dieser Satz die Wende in meiner Einstellung und ein ganz neuer Raum mit unendlich vielen Möglichkeiten tat sich vor mir auf, den ich unbedingt betreten wollte.

Am besten verdeutlicht eine kleine Übung mit einem Blatt Papier, was mir damals plötzlich bewusst wurde. Wenn Sie mögen, dann nehmen Sie einfach ein weißes Blatt Papier und rollen Sie es auf den Durchmesser einer Zigarettenstärke zusammen. Nun betrachten Sie mit einem Auge durch das Loch in der Mitte Ihre Umgebung. Vergrößern Sie das Loch in der Mitte ganz langsam, indem Sie das Papier immer lockerer halten. Wenn Sie jetzt wieder durch das Loch schauen, erscheinen Ihnen die Gegenstände gleich größer. Lassen Sie das Papier sich immer mehr aufrollen und genießen Sie, wie Ihr Umfeld immer größer und weiter scheint. Irgendwann können Sie das Papier loslassen und die Fülle der Welt ganz wahrnehmen. Genau das gleiche geschieht auf dem Weg zur eigenen Vision.

Die Welt ist, wie sie ist. Wie ich sie erlebe und was ich aus ihr mache, liegt schon immer im Auge des Betrachters. Also in mir. Ich kann mich in jedem Augenblick entscheiden, wie weit ich meinen Blickwinkel öffne und welche Farbenpracht ich zulassen will. Ich habe die Wahl, es ist ganz allein meine Entscheidung, ob ich mich aufmache, auf Entdeckungsreise gehe zu mir – meiner einzigartigen Vision vom Leben und meiner Sehnsucht folge...

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