CIT-Consult Emotion-Blog

Ja-aber! Das schönste aller Ränkespiele, um sich vor der Verantwortung zu drücken

06.05.2010 von: Paula C. Bemmann

Es ist nach 23 Uhr abends. Ich fühle mich erschöpft, kraftlos und völlig ausgelaugt. Das innere Hilflosigkeitsgefühl, welches sich die letzte Stunde langsam in meinen Eingeweiden breit gemacht hat, beginnt plötzlich umzuschlagen in Aggression. Ich weiß, dass meine Wut mich gerade davor schützt, nicht selbst mit in die „Sinnlosigkeit des Seins“ hineingezogen zu werden, in der sich meine Freundin Cora seit zwei geschlagenen Stunden regelrecht suhlt. Ihr Körper hängt, mehr als er sitzt. Wie ein „schwarzes Loch“ hat sie all meine Energie und Zuversicht verschlungen, ohne dass dies ihren lethargischen Endloskommunikationsschleifen auch nur einen winzigen Abbruch getan hätte. Natürlich wolle sie etwas in ihrem Leben verändern, aber...

Es ist einfach zum Mäusemelken! Ich dringe nicht zu ihr durch. Egal, was ich vorschlage, welche Erfahrungen ich einbringe oder welche Ideen und Lösungsansätze ich versuche mit ihr zu erarbeiten, unsere Kommunikation folgt immer demselben Muster. Nach meinem Impuls ist sie anfänglich erleichtert und für eine kurze Zeit zuversichtlich („Ja, das könnte gehen...“, „Mmh, das ist gar nicht so schlecht...“ oder „Mensch, das würde mir gefallen!“), um sich gleich danach wieder zurück in ihre Einwände zu flüchten („Schade, da fällt mir ein, das geht wegen dem und dem leider nicht...“, „...aber das habe ich schon ähnlich versucht, hat jedoch nichts gebracht.“ oder „In meiner speziellen Situation sehe ich da aber keine Chance, weil...). Ich suche daraufhin inhaltlich eine neue Lösungsmöglichkeit und unser Spiel beginnt von vorn: „Ja, das könnte gehen, mmh, aber nein, das wäre völlig unmöglich, weil...“

Schon seit einer geraumen Stunde hat mein ungutes Gefühl der Hilflosigkeit versucht, mich darauf aufmerksam zu machen, dass hier zwischen ihr und mir mehr läuft als nur die eine Kommunikation auf der inhaltlichen Ebene. Jeder ihrer Einwände lässt mich nur umso verbissener nach der „richtigen“ Lösung für Coras Problem suchen. Schließlich will ich sie doch unterstützen und als Freundin für sie da sein. Erst durch mein zunehmendes Genervtsein über ihre ständigen Rechtfertigungen (warum sie sich nicht ändern könne, obwohl sie doch wolle) und ihr begleitendes Gejammer über ihre aussichtslose Situation spüre ich endlich auch meine dahinter liegende Wut.

„Diese undankbare Gans lässt mich hier Stunden für sie ackern und eine Idee nach der anderen aus dem Hut zaubern, um alles, aber auch alles haarspalterisch zunichte zu quatschen!“, denke ich und will schon verbal (!) auf sie einschlagen. „Hoppla“, meldet sich zum Glück schnell genug eine andere Stimme in mir, „warum bist du eigentlich wirklich wütend?“. Ohne zuzuhören überlasse ich Cora einer ihrer erneuten Endlosschleifen (weiß ich doch, dass ich nichts Wesentliches verpassen werde) und gehe gedanklich in Zwiesprache mit meiner Wut.

Ich bin gar nicht sauer, weil Cora immer wieder neue Einwände findet, nichts an ihrem Verhalten ändern zu müssen. Ich verstehe ihre Angst vor der Austragung von Konflikten. Denn ich habe es auch viel lieber, wenn alle „von selbst“ miteinander harmonieren. Ich kämpfe ebenfalls immer wieder gegen meinen inneren Impuls an, nötigen Auseinandersetzungen lieber weitläufig aus dem Weg zu gehen, auch wenn ich vom Kopf her weiß, das dies mir absolut nichts bringt, sondern in den meisten Fällen meine Lage zusehends verschlimmert. Vielleicht ist ihr Leidensdruck einfach noch nicht hoch genug, sodass sie sich ihrer Angst vor der Konfliktaustragung (noch) nicht stellen kann? Auch das ist doch nachvollziehbar und menschlich. Manche Dinge müssen erst in einem selbst reifen. Wie lange brauche ich manchmal, um über meinen Schatten zu springen und Dinge anzugehen, die ich schon längst vom Verstand her erfasst und sogar emotional bereits entschieden habe. Dennoch zögere ich, winde mich, finde immer wieder neue Ausreden und Ablenkungen. Warum?

In solchen Fällen scheue ich mich fast immer davor, diejenigen Eigenschaften, die ich an mir nicht gerade rühmlich finde, oder die eigenen destruktiven Einstellungen mir ehrlich und liebevoll vor Augen zu halten und zu sagen: „Ja, das bin ich und so wie ich bin, bin ich o.k.“. Ich möchte Cora unterstützen und ihr helfen, aber nicht nur aus reiner Menschenliebe, sondern ganz egoistisch, weil ich dafür von ihr auch anerkannt und gemocht werden will. Seit zwei Stunden bin ich dabei, Leistung (meine Ideen und Lösungsansätze) gegen ihre Anerkennung (sie findet toll, was ich vorschlage) eintauschen zu wollen. Und die lässt mich nicht! Sie schmettert alles ab. Ich fühle mich kindlich enttäuscht, fast schon gekränkt.

Wie kam es bloß dazu? Neben der offenen inhaltlichen Kommunikationsebene (unser Gespräch über ihr Problem, meine Leistung gegen ihre inhaltliche Anerkennung), lief auch noch eine weitere, verdeckte Kommunikation auf unserer Beziehungsebene ab. Cora hatte mich um Unterstützung gebeten, weil sie allein mit ihrem Problem nicht weiter kam. Ich startete in unser Gespräch mit der Annahme, dass wir uns auf gleicher Augenhöhe über unsere Erfahrungen in ähnlichen Problemsituationen austauschen werden und dass ich ihr meine Gefühle spiegle, die ich bei ihren Schilderungen habe. Und jetzt muss ich feststellen, dass sie nicht nur sich selbst („Sie wäre ein hoffnungsloser Fall, weil sie es nicht schaffen würde, den Mut aufzubringen...“), sondern auch mich ständig abwertete. „Zwischen den Zeilen“ teilte sie mir nämlich die ganze Zeit mit, dass sie meine Hilfe gar nicht will und dass sie alles besser weiß. Und ich habe mitgespielt!

Um mich nicht abgewertet und dumm zu fühlen, habe ich versucht, ihr zu beweisen, dass meine Ideen praktikabel sind. Wie ein kleines Kind habe ich „Mutti“ eifrig gezeigt, dass ich doch ganz viel weiß, damit sie mich lobt und dadurch wieder aufwertet. Als Cora dies nicht tat, drehte ich den Spieß einfach herum. Ich schwang mich auf zur „Retterin“, kam immer mehr dazu, Ratschläge zu erteilen und behandelte sie jetzt wie ein Kind. Meine anfängliche Hilflosigkeit (in der Kindrolle) schlug um in Genervtsein und Wut (in der Elternrolle) über ihr „Nicht-auf-mich-hören-wollen“.

Wir beide haben das schöne Ränkespiel „Ja – aber“ gespielt, indem es darum geht, die Verantwortung für das eigene Handeln immer wieder von sich zu weisen – an „übermächtige“ Andere, die für uns entscheiden (wir können dann prima meckern, wenn die Konsequenzen uns nicht gefallen) oder an die „bösen“ Umstände, die eine Veränderung verhindern (wie beruhigend, dass wir uns in einer Zwangslage befinden, in der wir uns gar nicht anders als bisher verhalten können). Ein Gewinn des Spiels ist immer, dass wir uns selbst infolge der Abwertung anderer aufwerten und uns dadurch vorgaukeln, es seien die anderen, die etwas verändern müssen, aber nicht wir selbst. Die Ergebnisse sind immer ungute Gefühle auf beiden Seiten und „totgeschlagene“ Zeit.

Um aus dem Spiel auszusteigen, reicht es oft schon, wenn einer für sein Tun wieder die Verantwortung selbst übernimmt und beispielsweise die verdeckte Kommunikation auf der Beziehungsebene und was diese bei ihm auslöst offen anspricht. „Stopp!“, hörte ich mich plötzlich laut sagen und zum Zeichen, dass es mir ernst war, zeigte ich Cora die Innenfläche meiner rechten erhobenen Hand, die ich ihr entgegen streckte. Cora verstummte sofort mitten im Satz und sah mich irritiert an. Jetzt hatte ich ihre volle Aufmerksamkeit. „Du Cora, ich habe ein ganz ungutes Gefühl. Irgendetwas läuft hier schief. Ich habe den Eindruck, wir verheddern uns in einem automatisiert ablaufenden Spielchen zwischen uns.“ Und dann schilderte ich ihr einfach all meine Gefühle und Gedanken, mit denen ich eben noch allein innerlich Zwiesprache gehalten hatte.

An diesem Abend ist es mir tatsächlich gelungen, dies ohne Vorwurf oder Schuldzuweisung formulieren zu können. Damit hatte ich unsere Endlosschleife durchbrochen und wir beide haben in den nächsten zehn Minuten mehr über uns erfahren und miteinander geklärt als in den zwei Stunden davor.

Das Training zum Thema

facebook twitter